01.10.2003 · Wo die Lanzen gebrochen werden: Der Frankfurter Jazzkeller - Vereinsheim, Stammkneipe, Trainingslager und Bühne für zahllose einheimische und andere Musiker.
Von Wolfgang SandnerWo die Lanzen gebrochen werden: Der Frankfurter Jazzkeller - Vereinsheim, Stammkneipe, Trainingslager und Bühne für zahllose einheimische und andere Musiker
In den Frankfurter Jazzkeller kommt man nicht zufällig. Man muß schon hinwollen. Denn der Eingang zum schmucklosen Bürohaus Kleine Bockenheimer Straße 18a läßt dahinter zwar so manches vermuten: eine Zahnarztpraxis, eine Anwaltskanzlei, Räume eines Steuerbevollmächtigten mit Regalen voller Leitzordner, die man durch eine Wasserwaage auf Linie gebracht hat, Lagerräume eines Pelzgeschäfts vielleicht, möglicherweise auch ein paar unscheinbare Apartments für all jene, die sich noch nicht aus der Innenstadt in den Vordertaunus abgesetzt haben und die günstige Lage zur Alten Oper oder zur Freßgass' noch bezahlen können. Eines aber kann man sich hinter der Eingangstür aus funktionalem Drahtglas mit dem spröden Neubaucharme der fünfziger Jahre beim besten Willen nicht vorstellen: einen mythischen Ort, eine Brutstätte des musikalischen Nonkonformismus oder gar einen geheimen Thingplatz, an dem bärtige Gesellen ihre nächtlichen Versammlungen unter der verdächtig klingenden Bezeichnung Jam Session abhalten und erst im Morgengrauen wieder an der Oberfläche des zivilen Gehorsams auftauchen. Wie ein Relikt aus der hohen Zeit des Existentialismus wirkt der Frankfurter Jazzkeller, wenn man die neunzehn Stufen zu ihm hinabgefunden hat. Und eigentlich ist er das auch: ein Gewölbe, das der nimmermüde Lokalbesitzer, Trompeter und Swing-Theoretiker Carlo Bohländer nach dem Vorbild französischer Lokale im Quartier Latin von Paris 1952 eröffnet und modisch korrekt "domicile du jazz" genannt hat. Eine Kneipe, so authentisch wie jene in der Rue de la Huchette, der Rue du chat qui peche oder anderen verschwiegenen Straßen, die Bertrand Tavernier in seinem Film "Round Midnight" mit Dexter Gordon in der Rolle Lester Youngs so eindringlich in Erinnerung gerufen hat.
Heute kann man sich das wohl kaum mehr vorstellen. Aber in den frühen fünfziger Jahren besaß der Keller eine magische Anziehungskraft, die nur noch vergleichbar ist mit der Faszination, die zehn Jahre später von Beatlokalen am Mersey oder zwanzig Jahre danach etwa vom Fillmore West in San Francisco ausging. Nur war man in Frankfurt nicht Teil einer sich ankündigenden musikalischen Massenbewegung, sondern einer kleinen verschworenen Gemeinschaft. Man hörte nicht nur Musik, die irgend jemand irgendwann einmal komponiert hatte und andere jetzt nachspielten. Sie entstand in dem Augenblick, da man das Lokal betrat, man tauchte ein in ein ästhetisches Vakuum, das die Musiker mit nie zuvor gehörten Klängen anfüllten. Und wenn man Stunden später wiederauftauchte, fühlte man sich wie ein anderer Mensch, als gehöre man zu einem Geheimkult, den man besonders mit solch bizarren Gestalten wie dem früheren Mangelsdorff-Schlagzeuger Hartwig Bartz in Verbindung brachte. Wenn der spindeldürre Drummer mit seinem kantigen, kurzgeschorenen Schädel und dem scharfen Bärtchen, mit Sonnenbrille und engen, schwarzen Lederhosen den Keller betrat, meinte man einen Windhauch von Jazzgeschichte zu verspüren. So mußte das zugegangen sein, in Minton's Playhouse, 210 West, 118th Street in Harlem, als von 1938 an montags zu nächtlicher Stunde reguläre Sitzungen abgehalten wurden und Dizzy Gillespie, Thelonious Monk, Charlie Christian, Kenny Clarke und wie sie alle hießen Achtelnotenketten des Bebop wie die Rauchschwaden eines neuen Opferkults die Kellerwände hochsteigen ließen. Albert Mangelsdorff hat einmal mit einem grammatikalisch nicht korrekten Superlativ beschrieben, wie sein Schlagzeuger und dessen Gesinnungsbruder Peter Trunk am Baß gespielt haben: "Wahnsinnigst."
Daß sie sich die Inspiration für ihren wahnsinnigsten Drive manchmal auch mit einem illegalen Treibstoff geholt hatten, wußte im Zirkel der Eingeweihten jeder, der gelegentlichen Zugang hatte zu der schlauchartigen Dunkelkammer, die rechts vom Tresen wegführt und bis heute den Musikern zwischen leeren Bierfässern und sonstigem Gerät als Zufluchtsort dient. An die Öffentlichkeit drang es, wie sich das für einen Geheimbund gehörte, nicht. Wenn Hartwig Bartz spielte, bekam man Anschauungsunterricht in dem, was seit Art Blakeys Auftritten mit seinen Jazz Messengers als "dropping bombs" bekannt war. Hartwig Bartz war ein Meister dieser martialischen Schlagzeugkunst. Wenn er mit der rechten Hand seine unvermittelten Stockschläge auf die Snaredrum prasseln ließ, dann wirkte das gerade so, als wolle er mit seinem Einsatz musikalischer Splitterbomben noch nachträglich die braunen Geister mit ihren stechschrittartigen Marschrhythmen vertreiben.
An diesen Abenden und Nächten im Keller wurde die musikalische Welt weitergedreht. Vor allem dann, wenn weit nach Mitternacht die internationalen Stars ihre Konzerte in der Kongreßhalle, im Volksbildungsheim oder im Cantate-Saal längst beendet hatten und weniger Lust auf einen Absacker in irgendeinem sterilen Hotelzimmer hatten als auf eine After-Hour-Session mit den mittlerweile auch zu internationalen Stars heranwachsenden Frankfurter Musikern. Voll war es dann im Keller, so voll, daß man höchstens einen Stehplatz auf der Treppe bekam oder vor der Lüftung auf der Straße, wie der mittellose Jazzfan in Taverniers Film, um ein paar verwehte Töne aufzuschnappen. Nicht selten wurden Auftritte im Keller tatsächlich wie spirituelle Sitzungen abgehalten, vor einem Hardcore-Publikum, das wußte, wie man auch nach offiziellem Schluß noch Einlaß fand. Da gab es eine versteckte Klingel, die Einlaß garantierte, weitergegeben wurde die Information nur an zuverlässige Leute, die den Mund halten konnten. So etwas verbindet.
Noch etwas anderes war dafür verantwortlich, daß der Keller eine solch unverwechselbare Atmosphäre besaß. Er war eben nicht nur, wie das der kürzlich allzufrüh verstorbene Gitarrist Volker Kriegel einmal gesagt hat, Trainingslager und Turnierplatz, auf dem die Lanzen gebrochen wurden. Es war die Stammkneipe, die "gute Stube" von Musikern, die damals tatsächlich eine Szene bildeten. Albert Mangelsdorff, der zeitweilig mit seinem Bruder Emil das Lokal als Pächter mit übernommen hatte, kam jeden Tag von seiner nahe elegenen Wohnung zum Üben, er lebte hier, arbeitete hier und trat am Abend mit seinen Bands nahezu ohne Bezahlung auf, als habe er zu einer Hausparty geladen.
Gerade das unterschied den Keller von den anderen Lokalen, die in den fünfziger Jahren in Mode kamen und fast in jedem Stadtteil und in jedem einigermaßen intakten Gewölbe aufgemacht wurden: im unteren Sandweg etwa, wo man Swing spielte, oder im Storyville in der Stiftstraße, in dem der Oldtime Jazz eines Claude Luter zu hören war, bevor eine neue Generation das Lokal als Sinkkasten von der Brönnerstraße aus mit anderen Klängen besetzte. Am Untermainkai, wo ein besessener Zigeunermusikexperte in den Katakomben einer Privatbank Flamenco und Jazz anbot, oder in der Großen Friedberger an der Konstablerwache, wo man zum Swing auch tanzen konnte. All das ist längst vergessen, auch das alte Jazzhaus fast nebenan als Anlaufstation, bevor man in den Keller ging und sich bei Wolfgang Böhm noch mit ein paar neuen Aufnahmen einstimmte. Nur der Keller existiert noch und kündet von einer Zeit, die niemand besser beschrieben hat als Michael Naura in seiner "Jazz-Toccata" bei Rowohlt. Peter Rühmkorf hat ihm dafür ein stimmungsvolles Motto gedichtet: "Und ihr spielt mir noch mal - diese alte da! Mistmelodie von den Leuten, die strudelwärts fahren."