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Jazz in der Schule : Weil es einfach groovt

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Cellos statt Kontrabass und Kazoos statt Blechbläser: Die „Bonsai-Jazzer“ der August-Gräser-Schule Bild: Wonge Bergmann

Jazz gilt als anspruchsvolle Musik für Liebhaber. Wie bereits Kinder und Jugendliche dafür zu begeistern sind, zeigen zwei sehr unterschiedliche Schulprojekte.

          Serdar Yilmaz kann keine Noten lesen. Trotzdem leitet der Abiturient heute das Orchester: „Wir steigen mit dem Bass ein, und dann komm ich mit den Drums. Und wenn ich euch ein Zeichen gebe, dann kommt ihr rein.“ Die anderen Jungen nicken. Ihre Finger liegen auf den Tasten von sieben Midi-Controllern. Manche dieser elektronischen Steuergeräte sehen aus wie verkürzte Keyboards, andere haben große quadratische Tasten wie Seniorentelefone. Wenn Serdar und die andern sie drücken, spielt ein Computer Töne oder Melodiestücke von elektronischen Instrumenten, die nach Bass und Piano klingen. Auf Yilmaz’ Zeichen drückt Mahmoud Rafati eine Taste, und der Bass beginnt. Es sind die ersten Takte des Jazz-Klassikers Cantaloupe Island von Herbie Hancock.

          Yilmaz und Rafati gehören zum Laptop-Orchester des Helmholtzgymnasiums im Ostend, das Musiklehrer Christoph Heyd vor anderthalb Jahren gegründet hat. Jede Woche am Freitagnachmittag treffen sie sich zum Proben mit rund zehn Schülern von der 9. bis zur 13. Klasse. Obwohl die meisten kein analoges Instrument spielen und nicht alle Noten lesen können, habe man von Anfang an Musik gemacht, „die nach etwas klingt“, sagt Heyd. Möglich ist das, weil die Software die gespielte Musik wie beim Karaoke grafisch begleitet und so das Zusammenspiel der Instrumente einfacher zu verstehen ist als beim Blick auf ein Notenblatt. Vor allem aber, weil man bei Bedarf auf vorgefertigte musikalische Bausteine, sogenannte Samples, zurückgreifen kann.

          Was der Sound braucht

          Aber auch die Laptop-Musik wird besser, je genauer man sein Instrument kennt und je mehr man übt. Da Heyd für die heutige Probe von Cantaloupe Island die Controller neu belegt hat, darf am Anfang erst mal jeder die Möglichkeiten seines Instruments austesten: „Jetzt also vier Minuten Chaos“, erlaubt Heyd. Die Schüler spielen Melodien auf den Klaviaturen, mischen sie ab, blenden fertige Stücke ein und drehen an den Reglern, um Effekte wie Echo oder Wiederholungsschleifen auf die Musik zu legen. Es klingt tatsächlich immer chaotischer.

          Damit das beim gemeinsamen Spielen nicht passiert, müsse jeder Schüler hören, „was der Sound braucht“, sagt Heyd. Der Einunddreißigjährige legt selbst als DJ auf und hat in verschiedenen Bands Musik von Klassik bis Hard Rock gemacht. „Wenn man merkt, dass gerade zu viele Effekte drin sind, muss man sich etwas zurücknehmen“, sagt Serdar Yilmaz. Die Abstimmung erfolge oft über Augenkontakt oder Handzeichen. Yilmaz, der seine Baseballmütze zum Kapuzenpullover mit dem Schirm Richtung Rücken trägt, hat sich anfangs vor allem wegen Hip-Hop und Electro für die Laptop-Musik interessiert. Zu Hause am Computer hat er alleine seine ersten Stücke gemischt. „Aber das hat nicht so gut geklappt, weil ich nicht so viel von der Technik verstanden habe.“ Das sei nach anderthalb Jahren Laptop-Orchester anders. Jetzt gefällt ihm aber das Musikmachen in der Gruppe besser, bei dem die Stücke nicht nur komponiert und abgespeichert, sondern immer wieder neu gespielt und improvisiert werden. „Zusammen macht das mehr Spaß“, sagt Yilmaz.

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