62 Schritte ist der Flecken Rasen breit. 62 Schritte vom Zaun des Frischezentrums bis zu dem Hügel, hinter dem sich Jugendliche mit alten Autoreifen und Sperrholzplatten einen Parcours gebaut haben. Zwischen Zaun und Hügel sind fünf Männer um ein paar Löcher im sandigen Boden postiert. Die Reflektoren ihrer orangefarbenen Warnjacken blitzen in der Sonne. Sie halten ihre Gewehre im Anschlag und warten. Es ist lange genug still, sodass der erste Schuss überraschend kommt. Die Schrotgewehre knacken. Sie hören sich an wie Plastikcolts aus der Fastnacht, nach Töten klingen sie nicht. Aber das ist eine gleich doppelte Unterschätzung: das Geräusch fiept in den Ohren nach, und das Kaninchen, das eben noch durch das verdorrte Rasenkraut hüpfte, hat damit aufgehört. Die Jäger lassen ihre Hunde los, Luna und Stella streiten darum, wer das tote Tier apportieren darf. Dann fummelt Erich Reiber seine aus Rehhorn geschnitzte Pfeife herbei und bläst hinein. Sofort bringt Stella ihm das Kaninchen. Aus dessen Hintern tropft Urin, im Hintergrund rauscht die A 5.
Seit 50 Jahren geht Erich Reiber auf die Jagd. Die Feldjagd ist sein Hobby, im beruflichen Leben hat er eine Anwaltskanzlei. Auch Stephan Barta, mit dem Reiber heute unterwegs ist, ist nicht Jäger, sondern Zahntechniker von Beruf. Das Jagdrevier in Kalbach hat er für die Freizeit gepachtet. Die Gründe für ihr Tun zählen die Jäger immer gleich auf, ungefragt: Sie jagten Kaninchen, damit die keine Seuchen verbreiteten. Sie jagten Hasen, damit die den Landwirten keinen Ärger machten. Sie jagten Enten, wenn die zu viele würden. Die Rechtfertigung ist automatisiert, denn die Jäger haben Angst, als grausam zu gelten. Dabei sei die Jagd die menschlichste Art, Fleisch zu gewinnen. „Aber natürlich jagen wir auch aus Lust. Nicht am Töten, aber an der Beute“, sagt Reiber.
Ärger im Neubaugebiet
Der Platz dafür wird immer kleiner. Die Familie von Stephan Barta pachtet das Jagdgebiet in Kalbach seit Generationen. In den vergangenen Jahren sind in dem Gebiet mehr und mehr Eigenheime gebaut worden, rund um das neue Frischezentrum wächst ein Gewerbepark. Neulich haben die Jäger 22 Hasen geschossen auf der umgepflügten Fläche, auf der Mercedes gerade sein neues Nutzfahrzeugzentrum baut. „Wir mussten die Tiere schießen“, sagt Reiber. „ Sie wären ja eh gestorben: Das Gebiet war schon eingezäunt.“
Seit in Kalbach Frankfurts größtes Neubaugebiet entsteht, der Riedberg, gibt es regelmäßig Ärger, wenn die Jäger unterwegs sind. Anwohner rufen die Polizei oder beschweren sich beim Ordnungsamt. 2010 hat Jagdpächter Stephan Barta ihnen versprochen, in den neu entstandenen Parks am Riedberg nicht mehr zu jagen. Im November vergangenen Jahres tat er es doch: Bei einer Treibjagd schossen er, Erich Reiber und zwei Dutzend anderer Jäger 36 Hasen auf den Feldern und an einem Weiher elf Enten. Dort ist nur noch schwer auszumachen, wo das offene Feld aufhört und die domestizierte Landschaft anfängt. Rund um den Weiher sind Wege angelegt, eine Brücke wurde gebaut, am Wochenende flanieren Spaziergänger durch das einstige Stück Feld, das inzwischen Kätcheslachpark heißt.
„Geh’n wir Enten schießen im Park“
Oberhalb davon, mit Blick auf den Weiher, steht dicht an dicht eine Reihe moderner Wohnhäuser, viele von ihnen gerade fertiggestellt oder noch eingerüstet. Hier wohnt Ulrike Neißner. Sie hat die Jäger im November bei der Treibjagd beobachtet. „Die haben sich um den See aufgestellt und rumgeknallt“, sagt sie. Sogar ihr Sohn, 20 Jahre alt und 1,90 Meter groß, sei verängstigt gewesen. Es war Samstag morgen, er sei draußen unterwegs und plötzlich von bewaffneten Männern umringt gewesen, erzählt Neißner. An einem anderen Tag, im Dezember, habe es hysterische Ausbrüche von Kindern gegeben, die eben noch die Enten fütterten und dann mit ansehen mussten, wie sie tot im Teich schwammen. Neißner hat das alles fotografiert. Es könne doch nicht sein, sagt sie, dass in einer öffentlichen Parkanlage geschossen werde.
Sie sitzt für die Grünen in dem für Kalbach zuständigen Ortsbeirat. Anfang des Jahres hat der auf Initiative von Neißners Fraktion beschlossen, einen Beschwerdebrief an das Ordnungsamt zu formulieren, überschrieben mit: „Geh’n wir Enten schießen im Park“.
Im Ohr des Kaninchens schwimmt Blut
Erich Reiber korrigiert die Wortwahl. Die Enten seien Wildenten und der Kätcheslachpark kein Park, sondern Jagdgebiet. Er hat recht damit. In allen Parks, die innerhalb eines Jagdbezirkes liegen, dürfen die Jäger schießen. Und Kalbach ist Jagdbezirk. Theoretisch reicht der bis an die Grenzen der neugebauten Eigenheime, deren Grundstücke automatisch als befriedetes Gebiet gelten. Praktisch ist es zumindest schwer zu sagen, wo in Kalbach die Jagd vernünftigerweise noch möglich ist. „Die Besiedelung des Riedbergs führte zu vermehrten Anfragen hinsichtlich des Jagdrechtes“, heißt es aus der für die 15 Frankfurter Jagdbezirke zuständigen Unteren Jagdbehörde. Sie kann wenig tun, um die Situation klarer zu machen: Damit ein Gebiet, das innerhalb eines Jagdbezirkes liegt, per Gesetz als befriedet gilt, müssen darauf Gebäude gebaut werden. Einen Park anzulegen reicht nicht - es sei denn, er wird eingezäunt. So ist beispielsweise in Kleingartenanlagen und auf Friedhöfen die Jagd grundsätzlich untersagt. Anders ist es in der Frankfurter Innenstadt: Die ist kein Jagdgebiet, in Grünanlagen wie dem Rebstockpark oder dem Grüneburgpark ruht die Jagd also grundsätzlich.
Im Ohr des Kaninchens schwimmt Blut. Es liegt auf der Seite, die Augen aufgerissen, die Pfoten sauber von sich gestreckt. Der Marktleiter vom Frischezentrum hat die Hände in den Hosentaschen und guckt auf das tote Tier herunter. „Wenn ich hier morgens um drei oder vier Uhr anfange zu arbeiten, da hocken die zu Dutzenden auf der Wiese.“ Er macht eine Bewegung mit dem Arm und er hat es dabei nicht schwer, das schmale Stück Rasen zu umreißen. Er hat die Jäger engagiert, hier zu schießen. Er glaubt, dass ihm die Kaninchen mit ihren Bauten den Feuerlöschteich untergraben und das Wasser dann versickern könnte. Außerdem seien es zu viele. „Seuchengefahr und Frischezentrum passen ja nun wirklich nicht zusammen“, sagt er.
Später an diesem Tag schießen die Jäger noch Hasen auf einem Grünstreifen neben dem Golfplatz, nicht weit entfernt vom Frischezentrum. In Sichtweite steht ein Wohnhaus. Nach den ersten Schüssen läuft ein Mann heraus und guckt. Aber er guckt nur. Ärger gibt es heute keinen.