Die Profis sind schon längst an ihnen vorbeigelaufen, aber die Familie wartet noch auf jemand ganz Besonderen: den Papa und Ehemann. Er hat sich zum ersten Mal für einen Ironman angemeldet und hätte nach Zeitrechnung seiner Frau Enis schon längst da sein müssen. Plötzlich kommt er, der Mann mit der Nummer 1260. Tochter Margreta feuert ihren Vater auf niederländisch an, schreit „Hup, Papa, Hup“. Papa aber rennt mit Tunnelblick an ihr vorbei und sieht sie nicht.
Das acht Jahre alte Mädchen fängt an zu weinen. „Papa hatte einen langen Tag“, versucht die Mutter ihre Tochter etwas hilflos zu beruhigen. In der Tat, zu diesem Zeitpunkt ist er schon seit Stunden unterwegs, ist geschwommen und Rad gefahren. Um 6.45 Uhr fiel gestern der Startschuss für den „Ironman European Championship 2012“, bei dem die Teilnehmer eine Schwimmstrecke von 3,8 Kilometern, 180 Kilometer auf dem Rad durch Frankfurt, den Main-Kinzig- und den Wetteraukreis und zum Schluss noch einen 42,195 Kilometer langen Marathon in der Frankfurter Innenstadt bewältigen müssen. Der Frankfurter Ironman gilt als wichtigster europäischer Qualifikationswettbewerb für den Ironman auf Hawaii. Mehrere Welt- und Europameister befinden sich unter den Teilnehmern, zahlreiche Semi-Professionelle, vor allem aber hoch motivierte Hobbysportler.
Runter vom Rad und weiter laufen
Obwohl die Deutschen an diesem Tag in der Mehrheit sind, ist das Feld international: Insgesamt 55 Nationen sind vertreten. 200 Teilnehmer kommen allein aus Mexiko. Viele der mehr als 2500 Athleten haben ihre Familien und Fans mitgebracht, die ähnliche Höhen und Tiefen wie die Triathleten durchmachen, nur auf anderem Niveau. Sie sind eine große Hilfe für die Sportler, denn sie wissen: Irgendwo am Rand steht ihre Familie und denkt an sie. Der niederländische Vater hatte seine Tochter nicht gesehen, als er nach der langen Radfahrt kurz zuvor seine Laufschuhe geschnürt hatte und nur so aus dem Umkleidezelt, hinter der Alten Brücke, hinausgeschossen war.
Es ist 14.27 Uhr und am Mainkai fahren nun unaufhörlich Athleten in die Wechselzone ein, steigen vom Rad und laufen los. Manche scheinen zu schweben, leicht und locker, hüpfend wie Gazellen. Ihre Oberkörper sind aufrecht, ihre Blicke entschlossen. Einer sucht das richtige Lied in seinem MP3-Spieler, ein anderer tippt eine Nachricht auf seinem Mobiltelefon. Bei anderen ist jeder Meter ein Kampf. Sie schleichen mit bleischweren Beinen, beugen sich gequält nach vorne, die klatschnassen Trikots kleben ihnen am Leib. Die Favoriten Andreas Raelert, Marino Vanhoenacker und der Herausforderer Sebastian Kienle sind weit voraus. Am Ende werden der Belgier Vanhoenacker und die Schweizerin Caroline Steffen gewinnen.
„Ándale, Ándale“
Rund um die Wechselzone liegt der Duft von Bratwurst, Zigarettenrauch und Bier in der Luft. Menschen essen riesige Sandwiches, groß wie Nudelhölzer, und Eis mit Sahnebergen darauf. Immer wieder wandern die Blicke der Besucher zur Großbildleinwand, um den aktuellen Stand des Wettkampfs zu erfahren, dann schwenken sie wieder hinab zur Laufstrecke, um ihren ganz persönlichen Ironman ja nicht zu verpassen. Viele sind geschwitzt oder noch nass vom Regen am Vormittag. Zur Geschichte dieses Triathlons gehört auch das Wetter. Im vergangenen Jahr war es gnadenlos heiß, diesmal stört der Regen die Stimmung und die Athleten. Pünktlich nach dem Schwimmen hat es angefangen zu regnen. Dennoch sind wieder Hunderttausende an die Strecke gekommen, machen Lärm mit Rasseln, Trommeln oder den „vermaledeiten Vuvuzelas“, wie ein Fan sie nennt, der sich von einem anderem belästigt fühlt. Manche halten ihre Nationalflaggen hoch, andere Transparente mit mehr oder weniger kreativen Sprüchen wie „Lauf, Iron-Bär, Lauf“.
Pedro ist mit seinen beiden Kindern aus Mexiko nach Frankfurt gekommen. Die Familie ist seit fünf Uhr früh auf den Beinen. Dennoch wedeln die Drei ohne Unterlass mit roten Plastikhänden, groß wie Tennisschläger, rufen den Sportlern „Ándale, Ándale“ zu und warten auf ihre Mutter. „Jetzt müsste sie dann kommen“, sagt Pedro, während die Kinder hoffnungsvoll die vorbei jagenden Radfahrer-Gruppen mustern. Nur 14 Prozent der Teilnehmer sind Frauen. Jahrelang habe seine Frau für den Ironman trainiert, erzählt der 42 Jahre alte Vater. „Und die Familie hat ganz schön gelitten. Ich musste Kochen und Bügeln lernen“, sagt Pedro und lacht. Aber seine Frau gleich vorbeirasen zu sehen, sei es doch wert gewesen. Nur wann kommt sie?
Es gibt auch einsame Momente
Ernst hingegen wartet auf niemanden, er hat keinen Familienangehörigen oder Freund im Rennen. Er sei ein einfacher Fan, sagt er und untertreibt damit ein wenig. Unter denjenigen, die die Athleten jedes Jahr anfeuern, gibt es zwei grundverschiedene Ansichten: Die einen finden die Stimmung entlang des Radkurses besser, andere die an der Laufstrecke am Main. „Ganz klar beim Radfahren“, sagt Ernst, der wie immer in den vergangenen Jahren nach Hochstadt gekommen ist, um zu sehen, wie sich die Sportler das berüchtigte Kopfstein-Pflaster hoch quälen. „The Hell“ heißt dieser Abschnitt im Fachjargon, „und diesen Namen hat er sich auch redlich verdient“, findet Ernst, der enge Radfahrer-Kleidung trägt. Er ist die Strecke hochgelaufen. „Ich bin nass geschwitzt, wie brutal muss das auf dem Rad sein?“ Die Frage beantwortet sich von alleine, wenn man in die Gesichter der Sportler schaut, die von der Anstrengung gezeichnet sind.
Ein „Stimmungsnest“, wie vom Veranstalter und Ernst beschrieben, ist Hochstadt allerdings nicht. Der Regen hat viele davon abgehalten, ins Maintal zu kommen. Später möchte Ernst deshalb an den Römerberg, wenn die Sportler die letzten 195 Meter hinter sich bringen. „Die echten Helden kommen erst abends“, sagt Ernst und meint die Amateure, denen jeder einzelne Schritt weh tut, und die mit tosendem Applaus empfangen werden.
Während des Rennens gibt es aber auch die eher einsamen Momente. Hinter der Flößerbrücke etwa stehen kaum Zuschauer. Oder am Mainkai in Höhe der Uni-Klinik. Die Stille finden manche Sportler sogar wohltuend. „Endlich mal kein Krach“, schnauft einer, während er seine Schuhe bindet.
schöner Artikel
Dr. Gabriela Moock (citationfan)
- 08.07.2012, 22:37 Uhr
Gestern?
Andreas Knatz (andreas.knatz)
- 08.07.2012, 20:34 Uhr