25.01.2004 · Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist am Samstag in Frankfurt mit dem Walter-und-Marianne-Dirks-Preis ausgezeichnet worden. Die Ehrung ist mit der sozialethischen Tradition der katholischen Kirche verbunden - Anlaß genug für ein Gespräch mit dem katholischen Sozialdemokraten.
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist am Samstag in Frankfurt mit dem Walter-und-Marianne-Dirks-Preis ausgezeichnet worden. Die Ehrung ist mit der sozialethischen Tradition der katholischen Kirche verbunden - Anlaß genug für ein Gespräch mit dem katholischen Sozialdemokraten.
Der katholische Publizist Walter Dirks, der lange Zeit in Frankfurt gewirkt hat, hat einmal gesagt, die Fundamente seiner Arbeit seien "Ehe, Eucharistie und Sozialismus". Dieser Satz hätte auch von Ihnen stammen können, oder?
Man muß schon sehr altersweise sein, um das in dieser Kürze sagen zu können. So weise bin ich aber noch nicht.
Aber diese drei Elemente gehören schon zu Ihrem Leben, oder etwa nicht?
Also, beim Wort "Sozialismus" hätte ich meine Schwierigkeiten, weil er sehr mißverständlich ist. Mit dem Realsozialismus, wie ich ihn in der DDR erlebt habe, will ich nichts mehr zu schaffen haben. Aber wenn mit Sozialismus die Idee einer Gesellschaft gemeint ist, in der man sich um Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit für alle Menschen bemüht, identifiziere ich mich mit dem Begriff nach wie vor. Deswegen halte ich es auch für falsch, wenn einige in der SPD das Wort vom "demokratischen Sozialismus" abschaffen wollen.
Walter Dirks hat den Begriff des "christlichen Sozialismus" geprägt. Ist das für Sie dasselbe wie der "demokratische Sozialismus" der SPD?
Eher ja. Er entspricht dem, was man in der Sozialdemokratie als einen Prozeß der Arbeit an dem geschichtlich möglichen Maß an Gerechtigkeit in einer Gesellschaft bezeichnet. Gerade weil der Begriff des Sozialismus aber ambivalent ist, dürfen wir ihn nicht der PDS überlassen, die ihn mißbräuchlich verwendet.
Wie sehen Sie bei der Schaffung von mehr Gerechtigkeit und Solidarität die Rolle der Kirchen?
Sie haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, daran mitzuwirken, daß das Bewußtsein für Gerechtigkeit und Solidarität nicht verschwindet. Außerdem müssen sie immer wieder daran erinnern, daß der Mensch mehr ist als die beiden Rollen, in denen er auf dem Markt erscheint: Konsument und Produzent. Der Mensch darf nicht gemessen werden allein an seiner Leistungs- oder Konsumfähigkeit.
Wie groß aber ist der Einfluß der Kirchen überhaupt noch?
Natürlich schwindet er. Die Kirchen sind nicht mehr so vernehmbar wie früher. Ich selbst habe Volkskirche nie erlebt, sondern immer nur Minderheitserfahrungen als Christ gemacht. Aber damit kann man umgehen. Das darf einen auf keinen Fall leisetreterisch und feige machen.
Sie sind Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Wie sehen Sie die Rolle Ihrer eigenen Kirche?
Die evangelische Kirche begibt sich öfter in das soziale und politische Handgemenge als die katholische, die etwas mehr bei sich zu bleiben versucht, mehr auf den spirituellen, biblischen und traditionellen Kern ihrer Existenz achtet.
Liegt das vielleicht auch daran, daß es markante Vertreter eines Linkskatholizismus, wie Dirks einer war, kaum noch gibt?
Es gibt ihn offensichtlich als journalistische, mediale Erscheinung nicht mehr. Zugleich sind mehr Katholiken bei der SPD engagiert, was zu Zeiten von Dirks die große Ausnahme war. Ähnlich gilt das für die Grünen.
Sie haben einmal die Ängstlichkeit der Kirchen, besonders der katholischen Kirche, vor modernen Entwicklungen beklagt. Woher kommt diese Sorge?
Es ist eine Art Identitätsangst. So verständlich das ist, darf das nicht dazu führen, daß man nur noch versucht, bei sich zu bleiben auf Kosten einer offenen, dialogischen Kirche.
Wann gerät eigentlich der Christ Thierse mit dem Politiker Thierse in Konflikt?
Zum Glück sind die meisten politischen Fragen keine Gewissensfragen. Christen sind keine besseren Politiker, aber sie sollten die nachdenklicheren Politiker sein. Etwa, indem sie sich fragen: Dient diese oder jene Entscheidung der Würde des Menschen im Sinne seiner Gottesebenbildlichkeit?
Bei der Verleihung des Bubis-Preises an den Limburger Bischof Franz Kamphaus, bei der Sie als erster Träger dieser Auszeichnung kürzlich in der Paulskirche zugegen waren, hat der Bischof vor einer Gesellschaft gewarnt, die die Beliebigkeit zum Gesetz erhebt. Wo gibt es heute noch Tabus?
Der Mensch darf nicht zum Objekt von allem und jedem gemacht werden. Das gilt in vielen praktischen Fragen, zum Beispiel bin ich gegen eine Öffnung der Geschäfte an Sonntagen. Eine Gesellschaft, die keine Tabus mehr kennt, wird unmenschlich. Die Tabulosigkeit ist doch geradezu ein zentraler Begriff unserer Kultur geworden. Das ist gespenstisch.
Am Samstag sind Sie Kamphaus wieder begegnet, bei der Verleihung des Dirks-Preises. Sie kennen sich schon lange, sind befreundet. Was schätzen Sie an ihm?
Er ist ein so wunderbar störrischer Mensch, auf eine nachdenkliche Weise, und zugleich unglaublich offen. In dieser Mischung kenne ich keinen zweiten.
Störrisch ist er auch dem Vatikan gegenüber gewesen, als es um die Schwangerenkonfliktberatung ging. Hätten Sie sich eine ähnliche Haltung bei mehr Bischöfen gewünscht?
Schlicht und ergreifend: ja.
Wenn heute über Religion gesprochen wird, steht oft der Islam im Zentrum, wie jüngst bei der Debatte über das Tragen von Kopftüchern muslimischer Lehrerinnen. Ist Ihr Votum für ein Kopftuchverbot, aber eine Erlaubnis von Kreuzen in Schulen nicht ein Zeichen für die Ungleichbehandlung der Religionen?
Ich bin selbstverständlich für eine Gleichbehandlung von Religionen, das sieht das Grundgesetz vor. Aber die Frage ist doch, ob ein Kopftuch in gleicher Weise ein religiöses Symbol ist wie ein Kreuz. Das Kreuz ist nicht mehr ein Symbol der Unterdrückung. Das gilt für das Kopftuch so nicht, das auch als Symbol der Unterdrückung der Frau verstanden werden kann. Deswegen bin ich dagegen, daß in einer staatlichen Institution das Kopftuch getragen wird. Das Christentum hat lange gebraucht, die Trennung von Kirche und Staat zu akzeptieren. Das war ein wichtiger Prozeß der Mäßigung von Religion. Diese mühselige Erfahrung sollten wir auch unseren muslimischen Glaubensbrüdern abverlangen, denn sie ist eine Voraussetzung für den inneren Frieden einer Gesellschaft.
Die Fragen stellte Stefan Toepfer.