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Instrumentenbauer Kurt Reichmann Die alte Leier, immer wieder

 ·  Für ein Instrument hat er die Angst bezwungen und ist um die halbe Welt gereist. Die Geschichte eines Mannes, der erst einen Job hatte und dann eine Passion fand.

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Höhenangst hatte er schon immer, drei Meter sind schon schwer. Aber als er 1979 vor dem „Portico de la Gloria“ der Wallfahrtskirche von Santiago de Compostela stand, konnte die Feuerleiter gar nicht hoch genug für ihn sein. Auf schätzungsweise sieben Meter Höhe prangte eine steinerne Drehleier, ein Organistrum für zwei Spieler als Teil der Heiligenlegende. Und Kurt Reichmann, Instrumentenbauer aus Frankfurt am Main, musste es tun. Er stieg empor, schluckte und fotografierte. Zu Hause in seiner Werkstatt empfand er das Instrument aus dem 12. Jahrhundert nach.

Auf der Werkbank im Erdgeschoss seiner „Drehleier-Galerie“ an der Glauburgstraße im Frankfurter Nordend liegt das Innenleben einer anderen Drehleier mit Geschichte. Hinter ihr war Reichmann in den vergangenen Jahren her. Er hatte sie in der musikwissenschaftlichen Dissertation („Die Drehleier“, 1973) von Marianne Bröcker entdeckt: eine Leier, deren Saiten nicht von einem Rad angerissen, sondern von einem endlosen Bogen zwischen zwei Zahnrädern angestrichen werden. Leonardo da Vinci hat sie entworfen. In der Sowjetunion wurde sie nachgebaut. Reichmann reiste nach St. Petersburg. „Aber da war sie nicht.“ Er suchte sie im Moskauer Zentralmuseum. Fehlanzeige. Schließlich fand er sie über Facebook. „Sie war dort, wo ich schon mehrfach gewesen war: in Kiew. Nur eben nicht im Museum, sondern im Büro des Direktors.“ Reichmann flog los, fotografierte und vermaß sie.

Die Leidenschaft des Entdeckers

Ihn treibt die Leidenschaft des Entdeckers. „Das Leiern und Bauen ist nicht mehr so mein Ding. Ich widme mich der Forschung“, sagt er. Im Klartext: Er sucht Leiern auf der ganzen Welt. Aber auch andere historische Raritäten unter den Musikinstrumenten. In der Ukraine ist er gleich mehrfach fündig geworden: Ein Dudelsack aus Ziegenbocksleder müffelt in seinem Büro, aus dem CD-Player klingt das ätherische Zirpen der Bandura, einer ukrainischen Zither mit bis zu 45 Saiten. Daneben lehnt ihre Urform, eine alte Kobza, die schon in einer griechischen Chronik aus dem 6. Jahrhundert erwähnt ist und an den Fürstenhöfen Osteuropas so beliebt war wie die Laute im Westen. Vor allem die Kosaken griffen gern zur Bandura und formierten ganze Gilden aus Berufsmusikern, den Kobzaren.

Reichmann hat ihre Nachfahren besucht, nicht nur in Kiew. Er war auch bei dem karpatischen Bergvolk der Huzulen, die ihm den Dudelsack schenkten. Sie erzählten ihm von den blinden Kobzaren, die im 19. Jahrhundert mit ihrem Instrument von Haus zu Haus zogen, Psalmen und epische Lieder vortrugen und als heilige Männer willkommen geheißen wurden. Stalin hat die Kobzaren gehasst, weil sich in ihrer Musik das ukrainische Nationalbewusstsein artikulierte. 1935 lud er Wandermusiker unter einem Vorwand nach Charkiw und ließ sie exekutieren. Heute dagegen schmückt ein blinder Kobzar mit seinem Instrument und einem Begleitjungen die Rückseite des 100-Hrywen-Scheins der ukrainischen Währung.

Der Zusammenklang der Drehleier

An der Grenze zwischen Polen und der Ukraine hat Reichmann dank der Kriegsgräberfürsorge auch das Grab seines Vaters gefunden, der dort im Zweiten Weltkrieg gefallen war. Er selbst wurde 1940 als Spross einer Konditoren-Dynastie in Ehringshausen bei Wetzlar geboren. Nach der Volksschule in Wetzlar absolvierte er eine Bäckerlehre in Siegen. Anfang der sechziger Jahre kam er nach Frankfurt; im Café Weidenweber, das sich damals an der Zeil befand und heute an der Großen Friedberger liegt, hat er sich zum Konditor ausbilden zu lassen. Später sattelte er um, wurde Grafikdesigner und verdiente bis 1988 seinen Lebensunterhalt im Staatsdienst, bei der Bundespost.

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