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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Instrumente restaurieren Die Geige so öffnen, dass sie nicht leidet

Auf der ganzen Welt sucht er nach alten Instrumenten, restauriert sie behutsam und verkauft sie danach. Ein Besuch bei dem Geigenbauer Simon Natalis Enke.

© Eilmes, Wolfgang Vergrößern Viel Feinarbeit wartet: Simon Natalis Enke begutachtet die Innenseite der Decke des Ruggeri-Cellos von 1693.

Die Cellodecke ist von kleinen Löchern und Spalten übersät, am Rand sind Holzteile abgebrochen. Simon Natalis Enke streicht über die Oberfläche und wiegt ein wenig den Kopf. Er hat das Instrument, das 1693 von Giovanni Battista Ruggeri in Mailand gebaut wurde, auf einer Auktion gekauft, wie er erzählt. Da habe es ausgesehen wie ein hässliches Entlein. „Das Cello ist von einem früheren Reparateur massakriert worden.“ Erstaunlicherweise hatte das Instrument trotzdem einen guten Klang. „Das wird bald noch viel besser“, sagt Enke.

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Er hat sich darauf spezialisiert, unterschätzte und reparaturbedürftige Geigen, Celli und Bratschen zu finden, sie zu restaurieren und dann weiterzuverkaufen. Seine Werkstatt hat er sich zu Hause eingerichtet, in einem großen schönen Haus in Eschersheim, das der jüdische Maler Hanns Ludwig Katz, ein Expressionist und Beckmann-Schüler, 1927 hatte bauen lassen. Im früheren Maleratelier stehen Enkes Werkbänke. Darauf liegen Feilen, Hobel, Holzklötze und Instrumententeile. Durch die vier großen Fenster ist eine kaum befahrene Straße zu sehen. Von draußen dringt kein Laut hinein, und auch im Haus ist es ganz still.

Enke kauft nur klassische Instrumente

Enke ist einer von 15Geigenbauern im Rhein-Main-Gebiet, aber eigentlich ist das die falsche Berufsbezeichnung für ihn, denn er baut keine Geigen. Er stellt alte Instrumente wieder her, möglichst ohne deren Originalsubstanz anzurühren. Enke bezeichnet sich selbst als Restaurator. „Es gibt so viele gute alte Instrumente“, sagt er, die seien den modernen einfach überlegen. „Eine neue Geige ist viel weicher im Holz.“ Mit den Jahren werde das Holz leichter und fester, gewinne an Charakter. Er schätzt die alten Instrumente auch deshalb, weil es Einzelexemplare seien. Wie die Prototypen von Sportwagen.

Enke kauft nur klassische italienische Instrumente. Heute kopiere man deren Baupläne, ohne aber wirklich zu wissen, wie diese entstanden seien. Was alt ist, hat sich bewährt in seinem Geschäft, das gilt auch für die Technik. So wird ein Knochenleim angewandt, den schon die Ägypter nutzten. Mit nichts anderem ließen sich Risse so gut heilen, sagt Enke. Aber manchmal greift er auch zu modernen Mitteln. Auf die Innenseite der maroden Cello-Decke klebt er kleine Fichtenholzpfropfen mit winzigen Ausbuchtungen auf die Wurmlöcher. Dafür hat er von einem Kollegen mit einem Laserscanner die feinen Löcher aufnehmen und die Formen aus dem Fichtenholz ausfräsen lassen. Viele der Instrumente, an denen er arbeite, hätten einen „Unfall“ gehabt, sagt Enke. Einmal habe ihm eine Musikerin die Reste ihre Geige gebracht. Sie habe ihren Instrumentenkasten hinter dem Auto liegen lassen und sei beim Ausparken darübergefahren. „Das waren nur noch Scherben.“ Für einen Reparateur aber seien solche neuen Schäden „großartig“. Alte dagegen und die Fehler seiner Vorgänger machten die Arbeit schwer.

Eine große Bibliothek zum Thema Geigenbau

Nur vier bis fünf Instrumente restauriert Enke jährlich. Manchmal, erzählt er, sitze er weit mehr als ein Jahr an einem davon. Und manchmal wisse er zu Beginn der Restaurierung nicht, wie es enden werde. „Da fährt man manchmal auf Sicht.“ Aber genau das scheint ihn zu reizen, die „Stimme der Geige“ zu suchen. In seinen Erzählungen werden die Instrumente zu lebenden Wesen. Eine Geige „öffnet“ er so, dass sie nicht „leidet“. Neulich, auf einer Messe in Cremona, habe er eine Geige gesehen, die habe ihn magisch angezogen, bis ihm aufgegangen sei, dass sie einst auf seiner Werkbank gelegen habe. „Es ist etwas sehr Besonderes, wenn man ein Instrument repariert, zusammensetzt - und es klingt.“ Hinweise auf seine Arbeit hinterlasse er nicht, sagt Enke. „Signaturen machen nur die Restaurateure, die die Instrumente massakrieren.“

Hinter seinem Rücken stapeln sich bis zur Decke Bücher über Geigen und deren Bau - „eine der größten Bibliotheken“ zu dem Thema, glaubt Enke. Sie hilft ihm, auf Auktionen Schnäppchen zu finden, Instrumente, deren Wert andere nicht erkennen. Ein „Dornröschen“, wie er es nennt, das er dann in behutsamer Arbeit weckt und im Anschluss verkauft. In seinem Haus warten viele weitere Violinen, Bratschen und Celli auf eine Reparatur. In Zeiten der Inflationsangst sind Musikinstrumente eine attraktive Geldanlage. „Der Wert steigt zurzeit sogar“, sagt Enke. Über die Preise der Instrumente aber redet er ungern. Er trägt ein rosa Hemd mit Reiteremblem, eine beige Hose, Lackschuhe, darüber eine blaue Schürze. Zum Teil ist er Händler, zum Teil Geigenbauer. Welche Seite des Geschäfts überwiegt? Mit der Antwort zögert Enke, wiegt wieder seinen schmalen Kopf. Für den Kauf der Instrumente sei er viel in der Welt unterwegs, und der Verkauf mache einen Großteil seines Umsatzes aus. Aber die meiste Zeit verbringe er hier in der Werkstatt.

Das Auto wird nach Lack und Klang ausgesucht

Geigenbauer sei schon zu Schulzeiten sein Traumberuf gewesen, sagt Enke. Später besuchte er die Geigenbauschule in Mittenwald und ging, bevor er 1988 sein Geschäft in Frankfurt eröffnete, auf Wanderschaft. Nach Lyon und New York. In den dortigen Werkstätten hätten sich berühmte Geiger die Klinke in die Hand gegeben, Isaac Stern und Itzhak Perlman etwa. Da durfte er den Meistern seiner Kunst über die Schulter schauen. Von ihnen lernte er, was einen Könner auszeichnet: außer einem Ohr für die Kunden vor allem Erfahrung. So habe in seinem Schrank jahrelang eine Geige gehangen, an die er sich jetzt erst herangewagt habe. Das sei sein bisher bestes Stück geworden, sagt der Fünfundfünfzigjährige.

Immer wieder vergleicht Enke die Instrumente mit Sportwagen. Schließlich zieht er ein paar Fotos aus dem Regal hinter sich. Zuerst erkennt man nicht, was darauf zu sehen ist. Nur pechschwarze, glänzende Lackoberfläche. Dann ein Foto einer Kühlerhaube, die sich über den Motor wölbt wie eine Geigendecke über den Hohlraum. Ein Jaguar von 1968, sagt Enke, den habe er sich jüngst geleistet. Als Geigenbauer hat er ihn nach Lack und Klang ausgesucht.

Quelle: F.A.Z.

 
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