Home
http://www.faz.net/-gzg-6xp1q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Insolvente Drogerie-Kette Bei Schlecker sind jetzt besonders gute Nerven nötig

14.02.2012 ·  Seit gut drei Wochen wissen die Mitarbeiter von Schlecker, dass der Drogerie-Riese insolvent ist. Viel mehr haben sie seither nicht erfahren, die Zitterpartie geht weiter.

Von Jochen Remmert
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ob es für sie eine Zukunft im maroden Reich des Metzgermeisters Anton Schlecker gibt, weiß die junge Frau noch immer nicht. In der für Schlecker-Verhältnisse geradezu weitläufigen Dependance des insolventen Drogerie-Riesen im Frankfurter Gallus räumt sie Ware ein, hilft Kunden und kassiert. Alles möglichst gleichzeitig - ganz nach alter Schlecker-Sitte. Mittlerweile leiten die Schlecker-Kinder Meike und Lars das vom Vater aufgebaute und wieder heruntergewirtschaftete Unternehmen, doch hat sich die Lage der Mitarbeiter vielerorts nicht grundlegend verbessert. Nach wie vor betreiben viele von ihnen eine Filiale alleine. Von den einst mehr als 10.000 Dependancen in Deutschland waren Mitte 2011 noch etwa 7500 übrig, Tendenz rasch fallend. Von etwa 5000 als Ziel war zuletzt bei Marktanalysten die Rede.

Im Gallus, wo eher Leute der unteren und mittleren Einkommensschichten wohnen, ist die letzte Modernisierungsanstrengung von Schlecker, mit der das Unternehmen mehr wie die viel erfolgreichere Konkurrenz dm und Rossmann werden wollte, nicht mehr so recht angekommen. Der Laden ist wie bisher wenig einladend. Eine Raumtemperatur von gefühlten 18 Grad verstärkt den Wunsch, schnell wieder zu gehen. Einzig der Verkäuferin gelingt es mit schier unerschütterlicher Freundlichkeit und Zuversicht, der Unwirtlichkeit des Ortes und der Ungewissheit ihrer eigenen beruflichen Zukunft das Bedrückende zu nehmen.

Der Abbau von Filialen wird wohl weitergehen

Und das, obwohl die Gewerkschafter von Verdi weder ihr noch ihren etwa 2000 Kolleginnen in Hessen derzeit die Angst um den Arbeitsplatz nehmen können. Der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz sondiert noch die Lage des Unternehmens. Erst danach kann er ein Fortführungskonzept erarbeiten, wie Horst Gobrecht vom Fachbereich Handel des Verdi-Bezirks Südhessen sagt. So lange lastet die Ungewissheit bleiern auf den Mitarbeitern.

Erst wenn das neue Konzept vorliegt, wird sich entscheiden, wie viele der 2000 Schlecker-Beschäftigten in Hessen, deutschlandweit sind es 30.000, ihren Arbeitsplatz behalten können. Als ziemlich sicher gilt, dass der Abbau von Filialen weitergeht. Ist das so, werden auch nicht alle der rund 500 Dependancen in Hessen bestehen bleiben. Ein neues Konzept könnte aber vorsehen, den Personalschlüssel für die verbleibenden Filialen zu verbessern und beispielsweise eine durchgängige Besetzung mit zwei Beschäftigten einzuführen. Diese Fragen sind aber der Gewerkschaft zufolge zurzeit noch nicht seriös zu beantworten.

Vier Schlecker-Läden im Umkreis von zehn Minuten

Zumindest bis Ende März können die Schlecker-Mitarbeiter noch fest mit dem Insolvenzgeld kalkulieren, das aus der Kasse der Bundesagentur für Arbeit stammt. Die Höhe des Insolvenzgeldes entspricht dem letzten Nettoarbeitsentgelt, die Beschäftigten haben also bislang keine Einbußen hinzunehmen. Zurzeit geht Verdi davon aus, dass der Insolvenzverwalter noch vor dem Auslaufen des Insolvenzgeldes ein Fortführungskonzept vorlegt, die Beschäftigten also in nicht mehr allzu ferner Zukunft wenigstens Klarheit haben werden.

Das hofft auch die junge Frau aus der Schlecker-Filiale im Gallus. Wie ihr Arbeitgeber in die Insolvenz geriet, weiß sie sachkundig und präzise zu beschreiben: „Allein hier gibt es im Umkreis von zehn Minuten Fußweg vier Schlecker-Läden“, sagt sie. Es sei doch klar, dass so der eine dem anderen Laden Geschäft wegnehme. Trotzdem müssten alle Standorte gemietet, beliefert und mit Personal ausgestattet werden. Die Analyse der Schlecker-Mitarbeiterin deckt sich mit dem, was auf den Drogeriemarkt spezialisierte Marktforscher über Schlecker sagen. So haben etwa die Fachleute von Trade Dimensions in Frankfurt schon seit Jahren prognostiziert, dass es eines Tages zum Kollaps führen werde, wenn Schlecker weiter unbedingt an jeder Ecke vertreten sein wolle, anstatt eine Struktur zu schaffen, die eine effizientere Logistik erlaube und den Flächenertrag steigere.

Erkenntnis kam zu spät

Ein Vergleich zeigt das Schlecker-Problem: dm erzielte im Jahr 2008 in Deutschland mit etwa 1000 Filialen einen Umsatz von 3,36 Milliarden Euro (plus 11,4 Prozent). Schlecker betrieb damals noch etwa 10.000 Filialen, wobei er auf einen Umsatz von 5,12 Milliarden Euro kam. Der Aufwand für Mieten, Logistik und Personal ist bei der Schlecker-Strategie immer sehr viel größer gewesen als bei den Konkurrenten. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Schlecker sehr viel seltener in gute oder sehr gute und damit teure Lagen gegangen ist.

Zwar ist Schlecker auch selbst schon vor Jahren auf die Idee gekommen, dass das auf Dauer so nicht mehr funktionieren würde, doch diese Erkenntnis kam offenkundig zu spät. Der Plan, mit Hilfe von sogenannten Schlecker-XL-Märkten die Strategie von dm erfolgreich zu kopieren, die auf größeren und freundlich gestalteten Märkten mit mehr Mitarbeitern basiert, ging jedenfalls nicht auf. Die ursprünglichen Zielzahlen für neue sogenannte Schlecker-XL-Märkte wurden nie erreicht.

Die Mitarbeiter seien hochmotiviert

„For you - Vor Ort“ ist eine Strategie neueren Datums überschrieben. Doch nun ist völlig offen, ob die hinter diesem verwegenen Spruch stehende Idee, sich mehr als bisher als Nahversorger zu etablieren, die kritische Prüfung des Insolvenzverwalters und schließlich auch die von Investoren übersteht, die einen Einstieg beim Schlecker in Erwägung ziehen.

Zu einem Neuanfang bei Schlecker gehört für Gewerkschafter Gobrecht auch, dass Meike und Lars Schlecker sich von dem Führungspersonal trennen, das für Schleckers schlechten Ruf als Arbeitgeber verantwortlich ist, wie er sagt. Die Mitarbeiter seien hochmotiviert und wollten bei der Rettung des Unternehmens mithelfen. Das funktioniere aber nur, wenn mit dem alten System von Druck, Kontrolle und Misstrauen endgültig Schluss sei.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr