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Inklusion nach der Grundschule : Mit Trisomie 21 aufs Gymnasium

  • -Aktualisiert am

Gemischte Tischgruppe: Im Erdkundeunterricht an der Offenbacher Marienschule träumt Meryem gerade, Sonderpädagogin Ute Heichen lässt Lesen üben Bild: Grapatin, Niklas

Können Kinder mit einer geistigen Behinderung auf einer Regelschule bleiben, wenn sie älter werden? Inklusion nach Klasse vier ist selten, aber sie ist möglich.

          Sieben Mädchen stehen vor der Tafel, Meryem steht mittendrin. Stolz streckt sie den Arm in die Höhe, zeigt der Klasse eine Limette. Erst hatte sie die Hand gehoben, in der sie eine Orange hielt. Eine Mitschülerin flüsterte ihr daraufhin etwas ins Ohr, Meryem korrigierte sich. Während sie jetzt das Obst in der richtigen Reihenfolge präsentiert, liest ein anderes der sieben Mädchen hastig einen Text vor. Das kurze Referat ist das Ergebnis einer Erdkundestunde, die den Anbau von Südfrüchten behandelte.

          Meryem hat Trisomie 21, sie ist geistig behindert. Dennoch geht sie aufs Gymnasium, in die fünfte Klasse der Marienschule, einer katholischen Mädchenschule in Offenbach. Die Zwölfjährige hat zwei weitere geistig behinderte Mitschülerinnen, Aysenur und Kali. Die Klasse 5a ist damit eine sogenannte Inklusionsklasse: Sie besteht aus drei behinderten Schülerinnen und 17 nichtbehinderten.

          Die ganze Erdkundestunde über, an deren Ende der kleine Vortrag steht, sind die Kinder zusammen. Vor Meryem auf ihrem Pult liegen eine Orange, eine Limette und eine Zitrone. Vorsichtig streicht sie mit den Fingern immer wieder über die Früchte, umfasst sie. Einen Platz weiter übt ihre Freundin Aysenur mit Förderschullehrerin Ute Heichen das Lesen: „Was steht hier?“ „Limette“, sagt die zierliche Aysenur so leise, dass sie kaum zu verstehen ist. Aber sie liest auf Anhieb richtig. Die beiden Mädchen sitzen mit den anderen Schülerinnen der Referatsgruppe an zwei Tischen. Während Meryem und Aysenur Lesen trainieren, schreiben die nichtbehinderten Mädchen einen Vortragstext. Dafür verwenden sie Artikel und Grafiken, die der Erdkundelehrer ausgeteilt hat.

          Fremdwörter und komplexe Arbeitsblätter

          Das Team, das die Klasse unterrichtet, hat klar abgegrenzte Aufgaben. Der Fachlehrer unterrichtet so, wie es dem Niveau am Gymnasium entspricht. Er verwendet in seinen Erklärungen Fremdwörter, die Arbeitsblätter sind komplex aufgebaut, und der Unterricht schreitet schnell voran. Dafür, dass die drei Inklusionskinder auch etwas lernen, sorgt Förderschullehrerin Ute Heichen. Unterstützt wird sie von Inklusionshelferin Sarah, die gerade ihr freiwilliges soziales Jahr macht. In jeder Unterrichtsstunde sind zwei Erwachsene anwesend, oft sogar drei.

          Als Förderschullehrerin müsse sie einschätzen, ob die behinderten Kinder dem Stoff noch folgen können, erklärt Ute Heichen im Anschluss an die Erdkundestunde. Sie versuche, den Stoff des Gymnasialunterrichts zu vereinfachen. Wo das nicht mehr möglich sei, arbeite sie mit ihren Schützlingen an einem eigenen Lernprogramm. „In Mathematik zum Beispiel rechnet die Klasse mit wahnsinnig hohen Zahlen, da können die Mädchen nicht mehr mitmachen.“ Mathematisch geschult werden sie trotzdem, nur lernen sie in einem eigenem Tempo. Ute Heichen holt Meryems Matheheft aus dem Regal und zeigt auf die Aufgaben. „Meryem rechnet mit Hilfsmitteln im Zahlenraum bis 30“, sagt Heichen. Für sie steht fest, dass die Inklusionskinder auf dem Gymnasium nicht zu kurz kommen: „Im Vergleich zu Kindern, die auf die Förderschule gehen, sind die drei Mädchen definitiv weiter im Lesen, Rechnen und Schreiben.“

          Meryems Mutter, Margot Gürbüz, wirkt glücklich, wenn sie von den Fähigkeiten ihrer Tochter berichtet. Unlängst habe sie einen Brief bekommen mit der Bitte, dass Meryem Badesachen mitbringen solle. „Den Brief konnte sie alleine lesen und hat auch alles verstanden, was drin steht.“ Gürbüz, eine große, energische Frau, spricht mit Begeisterung über ihr Kind und davon, dass sie es nie verzärtelt habe wegen seiner Besonderheit. Sie erzählt, wie sie Meryem beobachtet habe, als sie unter einem Baby-Trapez lag, einem Holzgestell, von dem Ringe und Figuren herabhängen. „Wenn man ein normales Kind unter so ein Trapez legt, dann spielt es. Auch eine halbe Stunde lang.“ Bei Meryem sei dies nicht so gewesen. „Sie hat ein paar Mal geguckt, und dann ist sie weggedriftet, hat ins Nichts gestarrt.“ In diesem Moment habe sie als Mutter beschlossen: „Entweder das Kind schläft, dann hat es seine Ruhe. Oder das Kind ist wach, dann muss ich mich mit ihm beschäftigen.“

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