12.02.2012 · Viele Schulen laden die Eltern in diesen Tagen zu Informationstagen ein. So auch die Odenwaldschule.
Von Matthias Trautsch, HeppenheimDas idyllische Bild ist oft beschrieben worden. Und doch kann sich ihm kaum jemand entziehen, der das Hambacher Tal hinauffährt. Wie ein Freilichtmuseum schmiegt sich das Ensemble der Odenwaldschule an die Hänge. Pfade und Treppen verbinden die Häuser, die Dachgauben der Altbauten sind von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Auf dem Parkplatz vor dem Hauptgebäude sind noch Plätze frei. Mit etwas mehr Andrang hatte die Schulleitung wahrscheinlich schon gerechnet, als sie für Samstag zum Tag der offenen Tür einlud. Aber lieber so, als wenn Kamerateams und Skandaltouristen gekommen wären.
Bald zwei Jahre sind vergangen, seitdem die Odenwaldschule in die Schlagzeilen geriet, weil Lehrer dort systematisch Schüler missbraucht hatten. Die Schule zählt etwa 130 Opfer sexueller Übergriffe, der Opferverein Glasbrechen vermutet bis zu 500 Fälle. Als der Skandal publik wurde, hatte sich die reformpädagogische Bildungsstätte, die 1910 von Paul Geheeb und seiner Frau Edith gegründet wurde, gerade auf die Feiern zum hundertjährigen Bestehen vorbereitet. Noch immer hängt das Jubiläumsplakat an der Tür zum Neubau, in dem die Besucher willkommen geheißen werden. „100 Jahre leben lernen“, steht darauf.
In einem Konferenzraum haben sich ein gutes Dutzend Eltern versammelt, die sich über das Angebot der Gesamtschule informieren möchten. Internatsleiter Roland Kubitza und die kommissarische Direktorin Katrin Höhmann halten einen Vortrag und beantworten Fragen. Bis zum Beginn des Schuljahrs lag die Leitung in einer Hand, nun gibt es neben Kubitza und Höhmann noch einen Geschäftsführer. Damit ist die Schule Kritikern entgegengekommen, die sich von einem Team mit klaren Zuständigkeiten mehr Kontrolle und Transparenz erhoffen.
Während Kubitza und Höhmann über latktosefreie Ernährung, die Wanderwoche und Aufenthalte in englischen Internaten sprechen, öffnet sich ab und zu die Tür. Neue Gäste kommen hinzu, die meisten erscheinen als Paar, manche haben ihre Kinder gleich mitgebracht. Die stehen am Ende der Grundschule und sollen nun in die fünfte Klasse wechseln.
Solche Tage der offenen Tür finden derzeit an fast allen weiterführenden Schulen in der Region statt. Und als eine ganz normale Bildungsstätte möchte sich auch die Odenwaldschule präsentieren: „Kleine Klassen, professionelles Lerncoaching und auf die Kinder und Jugendlichen individuell abgestimmte Angebote sind heute die Basis für gelingende Bildungsprozesse“, heißt es in der Einladung. Das werden aber auch viele andere Schulen für sich in Anspruch nehmen.
Reformpädagogischen Eifer verströmen Kubitza und Höhmann nicht. Trotzdem wird deutlich, dass an der Odenwaldschule anders als im Gymnasium um die Ecke gelernt wird. Das kann auch schon einmal, ganz wie im Klischee, auf einer Blumenwiese sein. Die Schüler werden musisch und handwerklich gefordert, es gibt Freizeitangebote wie eine Wildnis AG, gelernt wird an sechs Tagen die Woche. Noten gebe es in den Jahrgängen fünf und sechs noch nicht, sagt Höhmann. Wichtig ist ihr, dass die Schüler alle Abschlüsse machen, dass also auch jemand, der auf dem Weg zum Abitur die Lust verliere, einen Haupt-, Real- oder Fachhochschulabschluss habe. Rund 150 Schüler gehen derzeit auf das Internat, hinzu kommen die etwa 50 externen Schüler, die vom Frühstück bis zum Abendessen bleiben können.
Die Internatsschüler leben in sogenannten Familien, also in festen, altersübergreifenden Gruppen, in jeweils eigenen Häusern, geführt von einem „Familienhaupt“. Diese Struktur wurde beibehalten, trotz der schrecklichen Auswüchse, die sie ermöglicht, zumindest aber begünstigt hat. Allerdings gebe es heute in jeder Gruppe eine weibliche und eine männliche Lehrkraft, sagt Kubitza. Teils seien dies auch Ehepaare, manche mit eigenen Kindern.
Wert legt der Internatsleiter darauf, dass die Türen aller Schülerzimmer heute abschließbar seien - auch von innen. „Privatsphäre ist hier ein wichtiges Thema.“ Das Wort „Missbrauch“ benutzt er nicht, aber jedem ist klar, um was es geht. Der Name von Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete und als Haupttäter gilt, fällt dann doch. Zu Beckers Zeiten sei es üblich gewesen, dass die Kinder in den ersten sechs Wochen nach Aufnahme nicht nach Hause gedurft hätten, sagt Kubitza. Das sei genutzt worden, um sie ihren Eltern zu entfremden. „So etwas gibt es bei uns nicht.“ Ganz im Gegenteil sei die Schule sehr bemüht um intensive Kontakte, sowohl zwischen Kindern und Eltern als auch zwischen Schule und Eltern.
Rückfragen zu diesen heiklen Themen haben die Väter und Mütter im Konferenzraum nicht. Sie interessieren sich für praktische Dinge, für die Sprachenfolge zum Beispiel. Eine Mutter will wissen, um was es sich bei den „Obi-Diensten“ handelt. Die Abkürzung „Obi“ stehe für die Bibliothek der Odenwaldschule, erklärt Höhmann. Dort könnten die Schüler in ihrer unterrichtsfreien Zeit mithelfen, ebenso wie im Kindergarten oder auf einem Bauernhof in der Umgebung. Diese sozialen Dienste gehörten zum pädagogischen Programm. Die Schüler sollten sich engagieren, „auch ohne gleich den Gegenwert in Noten zu bekommen“.
Engagiert sind die Jugendlichen auch beim Tag der offenen Tür. Nach dem Vortrag der Schulleitung wollen ein Junge und ein Mädchen die Arbeit des Schülerparlaments vorstellen, zu dem neben vielem anderem ein „Ausschuss gegen sexualisierte Gewalt“ gehört. Doch das Interesse der Gäste hält sich in Grenzen. Sie gehen, teils geführt von Schülern, über den weitläufigen Campus, zu den Werkstätten, zur Theaterhalle, zu den Labors und Wohnhäusern. Besondere Aufmerksamkeit erregt eine Truppe uniformierter, behelmter Schüler. Es ist die Feuerwehr AG, die wenig später mit Blaulicht und Sirene im kleinen Löschwagen vorfährt. Das machten die Schüler nicht nur zum Spaß sagt Kubitza. Neulich seien sie ausgerückt, um einen brennenden Abfallcontainer zu löschen.
Unterdessen haben sich Schüler und Lehrer im Speisesaal eingefunden. Es gibt Gnocchi mit Tomatensoße und Salat. Anders als in manchen öffentlichen Schulen, in denen die Kantinen verwaist sind und die Jugendlichen stattdessen zur Dönerbude gehen, wird an der Odenwaldschule tatsächlich zusammen gegessen. Jede „Familie“ hat einen Tisch, an dem auch externe Schüler und Lehrerkinder sitzen. Als alle fertig sind, räumen die dazu eingeteilten Jugendlichen die Tische ab.
Eine Lehrerin, die zusammen mit ihrem vierjährigen Sohn gegessen hat, freut sich über das Interesse der Besucher. In der Öffentlichkeit verbinde man die Odenwaldschule oft nur mit den sexuellen Übergriffen. Und es sei auch richtig gewesen, dass die Medien darüber aufgeklärt hätten. Allerdings finde sie es nicht gut, wenn auch heute noch, lange nach dem Bekanntwerden des Skandals und noch viel länger nach dem letzten Missbrauchsfall, schlecht über die Schule berichtet werde.
Es ist jedoch vor allem der Streit mit den Opfern, der verhindert, dass die Schule aus den Schlagzeilen herauskommt. Es geht um die Höhe der Ausgleichzahlungen und um Zweifel am aufrichtigen Willen zur Aufarbeitung. Und auch die jüngste Ankündigung einer Münchner Produktionsfirma wird nicht zur Beruhigung beitragen: Das Buch mit dem Titel „Wie laut soll ich denn noch schreien?“, das ein ehemaliger Schüler im Herbst veröffentlicht hatte, soll verfilmt werden. Er mache einen Spielfilm frei von Fiktion, sagte der Produzent. Und: Er solle weh tun.
Und so wird die Schule weiter um ihren Ruf kämpfen müssen. Und damit auch um ihr wirtschaftliches Überleben, da sie sich wie jede private Bildungsstätte zu einem Teil durch die Elternbeiträge finanziert. Hinzu kommt das Schulgeld, das Jugendhilfeträger wie der Landkreis Bergstraße für bedürftige Schüler zahlen. Ohne Vertrauen aber werden weder Eltern noch Kreis ihre Kinder ins Hambacher Tal schicken. Bis dieses Vertrauen wiederhergestellt ist, werden noch einige Tage der offenen Tür vergehen.
Schwamm drüber?
Ulrich Lange (AVIB)
- 14.02.2012, 11:05 Uhr