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Industriepark Höchst „Klima der Angst um Stellen“ bei Infraserv

 ·  Der Gutachter der Arbeitnehmervertreter sieht deutlich weniger Potential zur Kostensenkung als das Unternehmen. Laut Geschäftsführung sollen 450 Stellen gestrichen oder ausgelagert werden.

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Frank Niebergall fühlt sich in jene Zeit zurück versetzt, bevor die Hoechst AG den Akkord aus dem Arbeitsalltag verbannte. Wenn Beschäftigte nach Akkordvorgaben arbeiten müssen, hängt der Lohn nicht zuletzt von der Zeit ab, die sie für eine Leistung benötigen. In einem solchen Klima zeigt kein Alter einem Jungen die Tricks, die die Arbeit erleichtern und auch der Firma nützen, wie der Betriebsratschef von Infraserv Höchst sagt. Seien solche Kniffe doch so etwas wie das geistige Kapital des erfahrenen Arbeiters, das ihm einen Vorsprung verschaffe - auch im Wettbewerb um den Arbeitsplatz. „Nun sind wir wieder so weit“, sagt Niebergall angesichts der Pläne des Frankfurter Industriepark-Betreibers, bis 2015 in der Infraserv-Gruppe die Kosten um 75 Millionen Euro zu senken.

Der Arbeitnehmervertreter, der einst bei der Hoechst AG in die Lehre ging, spricht von einem Klima der Angst, und zwar der Angst um Stellen. 450 Stellen sollen laut Geschäftsführung gestrichen oder ausgelagert werden. Das ist ein Viertel der Arbeitsplätze beim Stammhaus, das Unternehmen im Industriepark Höchst mit Strom und Dampf versorgt, Abfälle beseitigt sowie die Werksfeuerwehr und arbeitsmedizinische Dienste stellt. Die Infraserv-Gruppe einschließlich etwa des Ausbildungsdienstleiters Provadis und der Logistik-Tochter kommt auf 2700 Mitarbeiter.

„Da kann man mal sehen, was das für ein Sprung ist“

Niebergall ist Betriebsratschef der 2000 Mitarbeiter des Stammhauses und erlebt nicht das erste Kostensenkungsprogramm. Die Effizienz zu verbessern ist sozusagen Tagesgeschäft, seitdem Infraserv 1997 aus der Hoechst AG hervorging, wie er hervorhebt. So erinnert er sich noch genau an das „Infrafit“ genannte Programm, mit dem von 2004 bis 2006 die Kosten um rund 60 Millionen Euro gesenkt wurden. Seinerzeit ging es um 170 Stellen. „Da kann man mal sehen, was das für ein Sprung ist“, meint er unter Verweis auf das Verhältnis von Kosten und Stellen, um die es derzeit geht. Dabei sei unklar, wie viele Arbeitsplätze beim Stammunternehmen auf dem Spiel stünden. Der Betriebsrat habe selbst einen Gutachter hinzugezogen. Dieser sehe nur ein Potential von rund 20 Millionen Euro zur Kostensenkung - nicht aber von 62,5 Millionen Euro, die im Stammhaus laut Geschäftsführung wegfallen sollen.

Als „Affront“ wertet Niebergall, dass das Unternehmen nicht nur Kosten senken, sondern gleichzeitig das Renditeziel um 2,5 Punkte auf 12,5 Prozent vom Umsatz heben will. Das würde ein Plus von 25 Prozent in einer Zeit bedeuten, in der die Umsätze und die Gewinnspanne infolge der Energiewende unter Druck stehen. Infraserv handelt eigenen Angaben zufolge im Jahr etwa ein Prozent der in Deutschland benötigten Strommenge, musste 2012 im Energiehandel aber einen empfindlichen Rückgang der Erlöse um gut 80 Millionen Euro hinnehmen - ein Minus von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Spannungsfeld zwischen Kostenbewusstsein und Gewinnstreben

Denn Infraserv erzeugt Strom etwa aus Gas, das teuer ist, anders als Strom an der Energiebörse in Leipzig. Der Betriebsratschef kennt die Zahlen, gibt aber zu bedenken, dass nur die Marge leide. Infraserv sei weiter profitabel. Das Betriebsergebnis beträgt dem Vernehmen nach rund 60 Millionen Euro, bei einem Gruppenumsatz von 1,13 Milliarden Euro.

Im Spannungsfeld zwischen Kostenbewusstsein und Gewinnstreben tritt ein Grundproblem von Infraserv derzeit besonders deutlich hervor. Vier große Kunden in Höchst sind gleichzeitig Gesellschafter des Industriepark-Betreibers. Sie erwarten möglichst günstige Preise für Strom, Entsorgung und Prozessdampf für Kessel mit Chemikalien - und eine schöne Profitabilität. Angesichts des Kostensenkungsprogramms fragt sich Niebergall: „Was sollen wir sein: Profitcenter oder Kostenstelle?“

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