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Veröffentlicht: 15.06.2017, 08:09 Uhr

Nach Brexit-Votum Frankfurt bleibt in der Warteschleife

Frankfurt könnte von der Brexit-Entscheidung in Großbritannien profitieren. Doch noch immer ist vieles offen. Die Parlamentswahl in Großbritannien erhöht die Unsicherheit unter Bankern weiter.

von , Frankfurt
© dpa Die Uhren ticken: Nach dem Brexit-Votum bleibt in Großbritannien vieles offen.

Die Zahlen schweben immer noch im Raum, doch sie sind längst zur reinen Spekulation ohne belastbare Grundlage geworden: Werden in den nächsten zwei Jahren tatsächlich 10 000 Menschen von London nach Frankfurt umziehen? Könnte die Finanzmetropole am Main noch stärker vom vor fast einem Jahr per Volksabstimmung beschlossenen Austritt der Briten aus der Europäischen Union profitieren? Oder aber werden die Auswirkungen am Ende doch deutlich kleiner ausfallen als erwartet?

Daniel Schleidt Folgen:

Auch fast ein Jahr nach dem Austrittsvotum der Briten streiten sich Banker, Standortvermarkter und Politiker darüber, was der Brexit für Frankfurt bedeuten wird. Auch nach der britischen Parlamentswahl ist nur eines sicher: dass nichts sicher ist. Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) stimmt dem zu.

Neuerliches Referendum möglich

Die Unsicherheit unter den vom Brexit betroffenen Bankangestellten in der Millionenstadt London habe sich nach der Parlamentswahl eher noch vergrößert, sagte er dieser Zeitung. Die großen Finanzdienstleister würden im Lauf dieses Jahres Verlagerungen in die Eurozone beschließen und sie dann 2018 umsetzen. Al-Wazir rechnet damit, dass die Institute zunächst kleinere Mengen an Angestellten nach Frankfurt verlagerten, also etwa einhundert bis zweihundert Mitarbeiter.

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Auch Hubertus Väth ist nicht sicher, wie er mit dem Wahlergebnis aus Großbritannien umgehen soll. Interpretiere man die Unterhauswahl aus europäischer Sicht als „halbvolles Glas“, dann sei jetzt wieder vieles möglich, sagt der Geschäftsführer der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, die sich seit einem Jahr intensiv dafür einsetzt, den Standort am Main Bankern im Ausland schmackhaft zu machen. Sogar ein neuerliches Referendum mit offenem Ausgang – und damit ein Verbleib Großbritanniens in der EU – sei nun „nicht mehr ganz ausgeschlossen“, wenngleich er es auch nicht für sonderlich wahrscheinlich hält.

Vorteil für Frankfurt

Im Gegensatz zu dieser Interpretation könne man die Situation im Vereinigten Königreich aber auch als „halbleeres Glas“ auslegen. In diesem Fall habe man es laut Väth „mit einer schwachen Regierung zu tun, die nur wenige Kompromisse in den anstehenden Verhandlungen machen kann, weil ihr das breite Mandat und eine robuste Mehrheit im Parlament fehlen“. Das könne zu zahlreichen Übergangslösungen führen.

In beiden Fällen ist für Väth nur eines sicher: Dass die Unternehmen ihre Entscheidungen, ob, wann und wie viele Stellen sie von London nach Frankfurt verlagern wollen, nun unter noch größerer Unsicherheit treffen müssen – und sie sich deshalb im Zweifel weiter verzögern werden. Ursprünglich waren die ersten Mitteilungen großer internationaler Banken schon für das erste Quartal dieses Jahres erwartet worden.

Für Väth sind beide Szenarien ein Vorteil für Frankfurt, „sie unterstreichen die Stärke Deutschlands und Frankfurts als Hort der Stabilität und Berechenbarkeit“.

Staatskanzlei rechnet mit Verlagerungen

Nach wie vor ist man in Frankfurt überzeugt, im Wettbewerb mit Metropolen wie Paris, Amsterdam und Dublin gute Karten zu haben, die neue Finanzhauptstadt der EU zu werden und vom Brexit profitieren zu können. Al-Wazir etwa führt die im Vergleich zu London niedrigen Büromieten, die Verfügbarkeit von Talenten, die gute Erreichbarkeit und die Nähe zur europäischen wie auch zur deutschen Finanzaufsicht als Standortvorteil an.

Experten gehen mittlerweile zwar davon aus, dass die in London ansässigen internationalen Banken, die nach dem Brexit ihren EU-Pass verlieren und deshalb Geschäft auf das Gebiet der Union verlagern müssen, um dort weiter Geschäft machen zu können, ihre Mitarbeiter nicht an einem neuen Standort zusammenziehen werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Häuser die Mitarbeiter auf bereits bestehenden Dependancen verteilen werden. Zuletzt war allerdings aus der hessischen Staatskanzlei zu hören, dass man derzeit davon ausgehe, dass alle Häuser zumindest einen Teil ihres Geschäfts in die Mainmetropole verlagern würden.

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