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Veröffentlicht: 29.11.2015, 08:22 Uhr

Straßenbahn in Darmstadt „Keine ÖPNV-Nutzer zweiter Klasse“

Die Verlängerung der Straßenbahnstrecke zum Campus Lichtwiese ist in Darmstadt umstritten. Es geht um einen 1,3 Kilometer langen Abzweig von der Haltestelle „Hochschulstadion“ - und der soll rund 17 Millionen Euro kosten.

von , Darmstadt
© Jonas Wresch Gibt es bald eine verlängerte Straßenbahnlinie? Blick aus einer Straßenbahn auf den Luisenplatz in Darmstadt

Verkehrsdezernentin Cornelia Zuschke (parteilos) hat zusammen mit dem Kanzler der Technischen Universität, Manfred Efinger, erstmals auf einer Bürgerversammlung die Pläne zum Bau einer Straßenbahnlinie zum Campus Lichtwiese erläutert. Dieses für die TU wichtige Verkehrsprojekt ist politisch umstritten. Vor den Sommerferien hatten nur die Koalitionsfraktionen Grüne und CDU sowie der FDP-Stadtverordnete Leif Blum zugestimmt, das Verfahren weiterzuverfolgen. SPD, Uwiga, Linke und Piraten stimmten bei Enthaltung von Uffbasse dagegen. Inzwischen hat die SPD das auf 17 Millionen Euro geschätzte Projekt zum Wahlkampfthema gemacht. Schon in den Haushaltsberatungen wollen die Sozialdemokraten beantragen, die vorgesehenen Kosten für die Bahn einzusparen.

Rainer Hein Folgen:

Angesichts der Kontroversen in der Stadtverordnetenversammlung war es kein Wunder, dass bei der Veranstaltung im Hörsaal- und Medienzentrum der TU ebenfalls kritische Stimmen laut wurden. Die Bandbreite der Einwände entsprach in etwa der Debatte in der Stadtverordnetenversammlung: Sind Investitionen von rund 17 Millionen Euro für einen 1,3 Kilometer langen Abzweig von der Haltestelle „Hochschulstadion“ an der Nieder-Ramstädter-Straße bis zum neuen Hörsaalzentrum nicht zu teuer? Ließen sich alternativ nicht die vorhandenen beiden Buslinien optimieren? Können die Studenten die 1300 Meter vielleicht nicht auch einfach laufen? Wird der Campus auf der Lichtwiese durch die neue Endhaltestelle womöglich überfrachtet? Könnte die Strecke bis zum Halt der Odenwald-Bahn verlängert werden?

Studenten als ÖPNV-Nutzer zweiter Klasse?

Aus Sicht von Zuschke, Efinger und Mathias Kalbfuss, dem Geschäftsführer der städtischen Verkehrsbetriebe, ist das alles eindeutig zu beantworten. Ob die Straßenbahn zu teuer sei, werde die Bewertung der Kosten-Nutzen-Analyse durch die Landesbehörden zeigen, die über entsprechende Zuschüsse für das Projekt zu entscheiden hätten, sagte die Dezernentin. Eine Optimierung der beiden Buslinien K und KU ist, wie Kalbfuss erläuterte, nicht möglich, weil schon heute alle vier Minuten ein Bus durch die Roßdorfer Straße fahre, was zu Beschwerden der Anwohner führe.

Dass seine Studenten wie ÖPNV-Nutzer zweiter Klasse behandelt werden und laufen sollen, wies Efinger ebenso vehement zurück wie die Vorstellung, beim Lichtwiesen-Campus handele es sich um einen Ort der Kontemplation, der durch den Straßenbahnbetrieb gestört werde: „Der Campus Lichtwiese war noch nie ein Ort der Ruhe, erst durch die Parkraumbewirtschaftung haben wir die Lage etwas entschärft.“

Der Vorschlag, die Trasse bis zum Anschluss an die Odenwald-Bahn zu verlängern, fand bei Zuschke, Efinger und Kalbfuss Zustimmung. Bezweifelt wurde von ihnen allerdings, dass die zusätzlichen Kosten bezuschusst würden. Daran aber hängt das gesamte Projekt. Denn Darmstadt will nicht mehr als 5,8 Millionen Euro aufwenden, um die Lichtwiese an die vorhandene Strecke der Straßenbahnlinien 2 und 9 anzubinden, die von der Nieder-Ramstädter-Straße zur Innenstadt führen.

Die verlängerte Straßenbahn soll auch Fußballfans zum Böllenfalltor bringen

Am Fahrgastaufkommen gibt es dabei keinen Zweifel: Auf dem Außencampus studieren mehr als 8000 Studenten und arbeiten 2000 TU-Mitarbeiter. Und deren Zahl wird nach Efinger weiter zunehmen, etwa nach die Verlagerung von Teilen des Fachbereichs Maschinenbau. Außerdem zieht das neue Hörsaal-Zentrum auch Studenten aus der Innenstadt Richtung Böllenfalltor.

Das Stichwort „Böllenfalltor“ hat am Donnerstag ebenfalls eine Rolle gespielt, denn die Planungen für die neue Tram-Strecke sind Bestandteil einer Aufwertung des Viertels, in dem das Fußball-Stadion der Lilien liegt. Die verlängerte Straßenbahn soll deshalb auch dazu dienen, die Fans vom Bahnhof zum Stadion zu befördern.

Vorwurf der Manipulierungen

Die Pläne für die Nieder-Ramstädter-Straße sehen deren Grunderneuerung vor, was neue Rad- und Fußgängerwege ebenso umfasst wie eine Verbreiterung der Stadion-Haltestelle. Die Veränderungen an dem Straßenzuschnitt sollen jedoch zu keiner „signifikanten Verschlechterung des Verkehrsflusses“ führen, ebenso wenig der Abzweig der neuen Straßenbahn zum Campus, obwohl dafür jedes Mal die Nieder-Ramstädter-Straße gekreuzt werden muss. Auch die Schüler der Georg-Büchner-Schule, die direkt am Halt „Hochschulstadion“ liegt, sehen die Verkehrsexperten durch die Planungen nicht gefährdet.

Ob es politische Gefährdungen des Projekts gibt, bleibt abzuwarten. In der Bürgerversammlung wurde von mehreren Bürgern unterstellt, die Stadt habe die Kosten-Nutzen-Kalkulation manipuliert. Zuschke wies dies in aller Deutlichkeit zurück. Solche Vorwürfe seien eine „vielbemühte Kulisse“, die mit der Planungsrealität nichts zu tun habe. Zeit, über Realitäten zu diskutieren, besteht auf jeden Fall über den Wahlkampf hinaus: Über den Zuwendungsbescheid wird erst 2016 entscheiden, die Planfeststellung benötigt mindestens zwölf Monate, mit dem Bau der Tram-Strecke kann somit nicht vor 2017 begonnen werden.

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