Doch, es gibt Zufälle. Da teilt die CDU-Fraktion im Landtag mit, daß sie muslimischen Lehrerinnen und Beamtinnen das Tragen von Kopftüchern verbieten will, und fast zeitgleich verschickt die in Bad Homburg ansässige Quandt-Stiftung die Dokumentation einer Tagung mit dem Titel "Interkulturelles Schulwissen und europäische Identität". Ein Zufall, der die ganze Spannung im Umgang mit dem Islam ausdrückt - die Spannung zwischen Abgrenzung und Annäherung, Vorsicht und Verständigung.
Die CDU hat eine klare Grenze gezogen. Wird ihr Vorschlag Gesetz, ist Hessen einen Schritt weiter gegangen als andere Bundesländer, denn von dem Verbot sind nicht nur muslimische Lehrerinnen, sondern alle Beamtinnen betroffen. Das ist konsequent, auch wenn nicht alle Kopftuchträgerinnen als aggressive Verfechterinnen eines politischen Islam gelten dürfen. Doch das Kopftuch kann eben auch als Symbol eines solchen Islamverständnisses aufgefaßt werden. Entsprechende Bedenken teilen auch etliche Muslime.
Das Interesse eines Staates daran, mißverständliche Zeichen von seinen Einrichtungen fernzuhalten, ist legitim. Das gilt vor allem für die Schule. Daher ist die Gesetzesinitiative im Prinzip richtig. Denn was wäre die Alternative? Dürften Lehrerinnen oder Polizistinnen Kopftücher tragen und wollte man gleichzeitig eine politisch fragwürdige Gesinnung ausschließen, müßte man wohl eine Gewissensprüfung einführen. Das aber ist nicht wünschenswert.
Wer wie die Grünen im Landtag oder die Arbeitsgemeinschaft der hessischen Ausländerbeiräte fordert, alle religiösen Symbole zu verbieten (siehe Seite 54), muß sich fragen lassen, ob er bei allem gerechtfertigten Hinweis auf die Gleichbehandlung der Religionen die Vieldeutigkeit des Kopftuchs nicht zu schnell außer acht läßt. Das Kreuz hat diese politisch-religiöse Ambivalenz nicht mehr. Zum Glück.
Der Streit über das Kopftuch ist wichtig. Doch gibt es weitere, ungleich größere Probleme, die dringend gelöst werden müssen. Man denke nur an den Streit über den islamischen Religionsunterricht oder die Moscheebauten. So greift der auch im Kopftuchkonflikt gern benutzte Verweis auf eine geschichtlich begründete Prägung Deutschlands durch Christentum und Humanismus zu kurz, wenn damit eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Muslimen als zweitrangig angesehen werden sollte. Sie muß forciert werden. Der Verweis auf die Tradition darf kein Hintertürchen sein, durch das man sich vor den gegenwärtigen Herausforderungen davonstiehlt.
STEFAN TOEPFER