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Im Porträt: Wolfgang Schneiderhan Die Zeit ist das Wichtigste

 ·  Seine Kinder hat er selten gesehen, von den Enkeln will er alles mitbekommen. Deutschlands ehemals ranghöchster Militär Wolfgang Schneiderhan spricht viel über die Familie und ein wenig über die Kundus- Affäre. Ein Besuch.

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Ein Haus in Bad Soden, nicht klein, auch nicht protzig. Weiße Fassade, Wintergarten, grüne Wiese. Vor der Haustür stehen zwei Paar Laufschuhe, daneben liegt eine alte Spülbürste, zum Reinigen. Hinter der Tür wohnt Deutschlands ehemals höchster Militär. Wolfgang Schneiderhan, 65 Jahre alt, Generalinspekteur der Bundeswehr a.D., lebt ein ganz normales Leben.

Die Normalität musste Schneiderhan erst einüben, nachdem er vor etwas mehr als drei Jahren in den Ruhestand verabschiedet worden war. Der Personenschutz zum Beispiel, erzählt Schneiderhan, habe sich bei seinen Reisen immer um alles gekümmert. „Es gibt den Witz, dass ein General a.D. am Hauptbahnhof steht und nicht weiß, wie er sich eine Fahrkarte kauft“, sagt er, und dass da viel Wahres dran sei. Als er nach Ende seiner Dienstzeit von Memmingen nach Berlin flog, ohne Personenschutz, mit elektronischem Ticket, mit dem er gar nicht richtig habe umgehen können, habe er gehofft, dass niemand ihn sehe. „Und natürlich hat mich beim Check-in ein Offizier der Luftwaffe erkannt.“ Der sprach ihn an: „Herr General, fliegen Sie mit nach Berlin?“ Zum Glück habe alles geklappt mit dem Ticket. Sonst hätte ja jeder in der Bundeswehr erfahren, dass er, Schneiderhan, „zu blöd ist, um allein zu fliegen“.

„Ich habe um meine Entlassung gebeten“

Die Karriere von Wolfgang Schneiderhan endete 2009 abrupt. Der damalige Verteidigungsminister, der CSU-Politiker Karl Theodor zu Guttenberg, hatte behauptet, Schneiderhan habe ihm wichtige Dokumente vorenthalten. Daraufhin ging Schneiderhan - in der Lesart der meisten Presseberichte hatte der Minister, der später über seine gefälschte Doktorarbeit stolperte und selbst zurücktreten musste, den Generalinspekteur regelrecht gefeuert. Das hat Schneiderhan immer geärgert. „Ich habe um meine Entlassung gebeten, am selben Tag noch“, sagt er. Zwei Wochen später wurde er mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet.

Seither lebt der gebürtige Oberschwabe, der den Dialekt dieser Region nie abgelegt hat - „die Landessprache, wie er sagt“ - in Bad Soden. Im Ort seiner Kindheit, Bad Saulgau nahe dem Bodensee, hat er noch viele Freunde, ist Mitglied im Karnevalsverein, hat dort eine Mietwohnung. Einmal im Jahr trifft er sich mit alten Klassenkameraden. Bad Soden ist die Heimat seiner Frau. Sie war in Königstein Richterin, die fünf Kinder sind hier aufgewachsen. Ein Wochenend-Vater sei er gewesen, sagt Schneiderhan, oft sei er erst freitags in der Nacht heimgekommen, am Sonntagnachmittag wieder abgefahren. „Damals, als ich Vater wurde, hatte ich nicht das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben“, sagt er, und dass er inzwischen wisse, dass es so war. Heute kümmert sich Schneiderhan viel um seine Enkelkinder, ein wenig Wiedergutmachung nennt er das. An den Enkeln sehe er, welche Lebensphasen er bei den eigenen Kindern verpasst habe. Vielleicht, meint er dann, sei das aber auch ganz normal, vieles nicht mitzubekommen vom Nachwuchs, wenn man als junger Vater noch ganz in der beruflichen Entwicklung stecke.

„Über den Krieg haben wir auch kaum gesprochen“

Die Enkelkinder jedenfalls sind einer der Gründe dafür, dass Schneiderhan in Bad Soden lebt, ein anderer ist, dass seine Frau die Großstadt in unmittelbarer Nähe brauche. Er selbst wisse Frankfurt ebenfalls zu schätzen, die Oper, die er gerne besucht, die Museen, überhaupt das ganze kulturelle Angebot und nicht zuletzt die Sachsenhäuser Gastronomie. Schon etliche Kollegen habe er dort zum Essen ausgeführt, erzählt Schneiderhan, unlängst den ranghöchsten italienischen General.

Schneiderhan, ein Jahr nach Kriegsende geboren, ist bei den Großeltern aufgewachsen. Der Vater war Wehrmachtssoldat, kurz in französischer Kriegsgefangenschaft, danach Fahrer für die Besatzungsmächte, später Amtmann in der Bundeswehrverwaltung. Zeit für die Familie hatte er nur wenig. „Über den Krieg haben wir auch kaum gesprochen“, sagt Schneiderhan, „mein Vater wollte nicht.“ Wenig Zeit für die Kinder hatte auch die Mutter, die eine Schneiderwerkstatt führte, mit sieben Lehrmädchen und Gesellen. Sie hörte erst auf zu arbeiten, als der zweite Sohn zur Welt kam, Schneiderhans jüngerer Bruder Andreas.

„(...) diese Zeit wird dunkel bleiben“

Wolfgang Schneiderhan pflegt viele Freundschaften, hält stets Kontakt zu denen, die ihm nahestehen. Der italienische Verteidigungsminister zählt dazu, in Deutschland sind es CDU-Politiker wie der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung, der aus dem Rheingau stammt, der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg Erwin Teufel. Auch mit dem Vater des heutigen Verteidigungsministers Thomas de Maizière war er freundschaftlich verbunden. „Ulrich de Maizière war Generalinspekteur, als ich zur Bundeswehr ging“, sagt Schneiderhan. Ein Vorbild sei er gewesen. Als Ulrich de Maizière starb, hielt Schneiderhan die Trauerrede. „Er hat mir einmal gesagt, dass ich ruhig bleiben muss, wenn ich mich mal ungerecht dargestellt fühle“, sagt Schneiderhan. Das habe er dann auch auf seine „Zur-Ruhe-Setzung“, wie er sagt, übertragen.

Oft wird Schneiderhan gefragt, was in „diesen Tagen“ im Verteidigungsministerium passierte. Licht ins Dunkle solle er bringen. „Dann sage ich den Leuten, diese Zeit wird dunkel bleiben.“ Und redet dann doch ein wenig über die Ereignisse, die zu seinem Rücktritt führten. Ihm ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass weder er noch der damals ebenfalls in die Kritik geratene zuständige Staatssekretär Peter Wichert unehrenhaft entlassen wurden. Wichert hat gegen so eine Darstellung sogar geklagt (siehe nebenstehenden Kasten). Schneiderhan hat sich der Klage nicht angeschlossen, auch wenn er lange mit sich gekämpft habe. Schließlich aber habe er sich „an eine soldatische Norm gehalten“: Bekomme man einen Rüffel, dann müsse man die Klappe halten und weitermachen, auch wenn man in Gedanken die Faust balle.

„Man denkt oft, es läuft alles gut“

Geschmerzt haben ihn die Vorgänge damals, geholfen habe ihm, sagt er, dass die Truppe sich schnell um ihn gesammelt habe. Er meint seine Familie, nicht die Bundeswehr; Frau und Kinder sind damals nach Berlin gekommen, haben ihm Beistand geleistet.

Familie und Freunde, sagt Schneiderhan, seien so wichtig, so wie es wichtig sei, Wurzeln zu haben und zu wissen, „wo man hingehört“. Er habe sich immer bemüht, für seine Frau und seine Kinder ein regelrechtes Netz aus Freundschaften zu spannen. Falls etwas passiert, so habe er gedacht, solle es Menschen geben, die seine Familie auffangen können. „Man denkt oft, es läuft alles gut“, sagt er, „und es lief ja auch alles gut.“ Bis zu der Tragödie, die die Familie Schneiderhan erlebte. Sohn Joachim beging Selbstmord. „Eine bittere Pille“ sei das gewesen. So salopp diese Formulierung des Vaters Wolfgang Schneiderhan klingt, so viel Trauer ist dabei in seiner Stimme. Der Sohn sei seelisch krank gewesen, „und dann hat er diesen Weg gewählt“.

Er wollte „etwas machen“

Das Foto eines afghanischen Mädchens steht in Schneiderhans Arbeitszimmer: Jamila. Sie war sieben Jahre alt, als Schneiderhan sie traf. Er war in Afghanistan, auf Truppenbesuch. Besuchte das Lager in Kundus, das damals noch in der Stadt war. Im Lazarett, in dem auch Zivilisten versorgt wurden, war Jamila, mit einer verletzten Hand, ein alter Bruch, der falsch behandelt worden war. Der Bundeswehrarzt musste die Hand amputieren, sonst wäre das Mädchen an einer Blutvergiftung gestorben. Ihr Vater tobte, die Mutter weinte. „Ausgerechnet die rechte Hand“, sagt Schneiderhan. „Einem Mädchen, einer Muslima, die rechte Hand abzunehmen, klar war das auch für die Eltern schlimm.“ Nach der Scharia wird einem Dieb die Hand abgehackt.

Schneiderhan wollte „etwas machen“, wie er sagt. Eine Prothese habe er finanziert, zusammen mit seiner Adjutantur. Er fand auch den „Katachel e.V.“, einen Verein für humanitäre Hilfe für Afghanistan. Schneiderhan nahm Verbindung mit der Leiterin des Projektes auf, Jamila stammt aus dem Ort Katachel, nach dem sich der Verein benannt hat. Er übernahm eine Patenschaft. Bis heute überweist Schneiderhan Geld an den Verein, das zu 100 Prozent seinem Patenkind zugute kommt. Ab und zu bekommt er ein Foto von Jamila. Wenn Schneiderhan einen Vortrag hält, bei Rotariern oder beim Lions-Club, bittet er um Spenden für Katachel e.V. Einmal, als er noch im Dienst war, hat er bei einer Afghanistan-Reise das Mädchen Jamila wiedergesehen. Sie geht noch zur Schule, steht inzwischen kurz vor ihrem Abschluss. Es geht ihr gut.

Schneiderhan ist ernst, wenn er erzählt, sein Leben hat sich in seine Gesichtszüge gegraben, der Beruf des Soldaten. Er hat ihn geprägt und tut es noch, auch wenn er keine Uniform mehr trägt. Die fehle ihm auch nicht, sagt er. Vieles in seinem Arbeitszimmer erinnert aber noch an seine Zeit als Generalinspekteur. Die Fotos der ehemaligen Verteidigungsminister Struck und Jung, die Orden und Auszeichnungen, die er in seiner Laufbahn erhalten hat, darunter das Große Bundesverdienstkreuz. Oder das Panzermodell aus Plastik, ein Leopard II, den ihm ein chinesischer Kollege geschenkt hat. Das Modell ist funkgesteuert, aber die Batterie ist leer, sie lässt sich auch nicht mehr laden. Mit den Enkeln spiele er ohnehin nicht mit dem Panzer, sagt Schneiderhan, und dann fügt er mit einem seiner seltenen Lächeln hinzu: „Die sollen ja alle zum Frieden erzogen werden.“

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Von Matthias Alexander

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