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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Porträt: Nina Hollein Mut zum kleinen Karo

 ·  Von Wien über New York nach Frankfurt: Nina Hollein hat sich als Architektin in der weiten Welt bewiesen. Seit gut zehn Jahren lebt sie mit ihrem Mann Max in der Stadt am Main. Er leitet drei Museen, sie hat in der Mode eine neue Berufung gefunden.

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Sie denkt einen Moment nach, wartet auf das richtige Wort. Dann sagt sie „fesch“, um den Stil ihrer Arbeit zu beschreiben, und sie muss eigentlich gar nicht mehr erklären, was dieses hübsche, etwas altertümliche österreichische Wort bedeutet. Nina Hollein bevorzugt nicht das Alte um seiner selbst willen, sondern sie mag Traditionen und ihre Geschichten. Deswegen ist sie oft im oberösterreichischen Mühlviertel unterwegs, wo sie auf dem Bauernhof, den ihr Großvater einst kaufte, mit ihrer Familie Urlaub macht. Und deswegen bringt sie von dort Stoffe mit, den alteingesesse Webereien produzieren und die in ihrem Atelier in Frankfurter-Sachsenhausen zu etwas ganz Neuem werden - aber eben mit Geschichte und Tradition.

Von Haslach, direkt an der tschechischen Grenze, bis zu Nina Holleins Arbeitsplatz in einem alten Ladengeschäft, das abseits vom Alt-Sachsenhäuser Vergnügungsviertel-Remmidemmi an der Laubestraße liegt, sind es fünf Autostunden. Man könnte aber auch sagen, dass es von dort nach hier nur ein kleiner Schritt ist. Zumindest hat Hollein in der Vergangenheit einen größeren gewagt: in New York arbeitete sie als Architektin, in den Büros von Peter Eisenman, Tod Williams und Billie Tsien. „Da wollen eigentlich alle jungen Architekten mal hin“, sagt sie. Nina Hollein, Jahrgang 1971, in Wien als Tochter eines Designers und einer Altphilologin geboren, kam in diese Büros zunächst als Praktikantin. Das Architektur-Diplom hatte sie noch gar nicht in der Tasche, dafür einen Wettbewerb gewonnen: Stadtgestaltung mit Eternit. Sie muss ein wenig lachen, als sie das erzählt. Eternit, das ist nicht so richtig sexy, aber die New Yorker Stararchitekten hat es überzeugt. Gut möglich, dass Nina Hollein damals, es ist fast 20 Jahre her, so aussah wie jetzt, mit den blonden Haaren, den breiten Augenbrauen und den feinen Lippen. Noch heute hat ihr Gesicht und ihr Körper etwas zierlich Mädchenhaftes.

Ihr Mann Max war zu dieser Zeit schon an der amerikanischen Ostküste, zunächst ebenfalls als Praktikant, schnell wurde er aber Projektleiter für Ausstellungen am Guggenheim-Museum, wo er viel über den Zusammenhang von Museum und den kulturbürgerlichen Schichten, die es tragen und voranbringen, lernte. Das half ihm wiederum sehr, als der nächste große Schritt bevorstand, zurück nach Europa, aber vorwärts in der Karriere. Die Entscheidung, ob Max Hollein 2001 mit seiner Frau nach Frankfurt gehen und dort Leiter der Schirn Kunsthalle, später auch noch des Städel-Museums und des Liebieghauses werden sollte, wurde in der Familie diskutiert, tage- und nächtelang. Hätte seine Frau Nina nicht auch bald von Deutschland geschwärmt, wären sie den großen Schritt nicht gegangen. „Da bin ich mir ganz sicher“, sagt sie heute. Natürlich kennt sie sich in Frankfurt inzwischen bestens aus. Der Stadtteil Sachsenhausen sei ein herrlicher Ort. „Für unsere aktuelle Lebenssituation könnte es keinen besseren Platz geben, nicht Berlin, nicht New York.“

Man hat das Gefühl, Nina Holleins Leben folgt einem Konzept, wenn auch keinem besonders starren. Aber sie hat eine Idee davon, wo sie hinwill, wobei der Zufall gerne helfen darf. Loys war kein Zufall, er war nur Wunsch. 2001, als die Holleins nach Frankfurt zogen, kam der Sohn zur Welt. Pünktlich im Abstand von jeweils zwei Jahren kamen dann noch der zweite Sohn Hector und Tochter Lucie. Die Mutter arbeitete zunächst auch in der Stadt am Main noch als Architektin, im Büro von Albert Speer, kümmerte sich dann aber vor allem um ihre Kinder.

Lust am Um-die-Ecke-Denken

Aber jetzt genug von all diesen privaten Fragen, die sind ihr unangenehm. Nina Hollein möchte endlich über ihre neue Arbeit sprechen, da heben sich dann ihre Mundwinkel mindestens ebenso, wie wenn sie von ihrer Zeit als Architektin spricht. Also noch einmal zurück nach Oberösterreich. In die Gärten und Höfe der Webereien, wo die Tücher zum Trocknen auf Wäscheleinen hängen, sie im Wind flattern und man sie anfassen kann. Dick und grob und dennoch weich. Nina Hollein kannte und mochte diese Stoffe aus ihrer Kindheit. Im Haus ihrer Eltern waren sie als Geschirrtücher und Laken überall im Einsatz. Mit grünen, blauen und roten Karos, kleinen und größeren, auf schneeweißem Baumwollgrund. Nutzstoffe eben. Holleins Idee: daraus Kindermode machen, die hübsch und praktisch zugleich ist. Denn Kinder mögen Dreck, Sand und Schokolade, fallen hin und toben herum. Wie schön. Wenn sie dabei noch nett anzuschauen sind, noch schöner. Seit Ende 2009 verkauft Hollein ihre Kollektionen in Sachsenhausen, in einer ehemaligen Bäckerei, mit Stuck an der Decke; auch ihr Atelier befindet sich dort. Im Schaufenster dreht sich ein Püppchen mit einem ihrer Kinderkleider, der Motor surrt unaufhörlich. Es gibt kein Geräusch, zu dem Hollein inzwischen besser arbeiten könnte als zu diesem Surren.

Wenn man will, kann man schon früh erkennen, dass da jemand Lust am Um-die-Ecke-Denken hat. Denn Holleins erste Kreation war ein Bikini aus Dirndl-Stoff, den sie auf der Nähmaschine ihrer Mutter mit 13Jahren fertigte. Fortan nähte sie vieles selbst, was wohl auch als selbstgemacht zu erkennen war, aber das war der Jugendlichen gerade recht. Denn Mode hat auch viel mit Courage zu tun, findet Hollein. Auch einmal etwas anzuziehen, wonach sich die Leute auf der Straße umdrehen und worüber sie auch unterschiedlicher Meinung sein können. „Wer es wagt, ab und zu etwas Außergewöhnliches zu tragen, der traut sich wahrscheinlich auch, zu seinem Standpunkt zu stehen“, sagt sie. Und so ist Mode auch Teil der Erziehung ihrer Kinder. „Das hat auch viel mit gesundem Selbstbewusstsein zu tun“, bei Mädchen wie bei Jungs. Nur interessieren die sich nur ganz selten für Mode. Diese Erfahrung hat Hollein jedenfalls mit ihren beiden Söhnen gemacht. Wenn Tochter Lucie mit Freude ein neues Modell aus Mamas Atelier anprobiert, eines etwa, das durch einen raffiniert angebrachten Reißverschluss sowohl Jacke als auch Hose sein kann, stehen die beiden gelangweilt in der Ecke.

Sie mag es, wenn die Deadline näher rückt

Ihr Vorhaben, auch Mode für kleine und große Männer zu entwerfen, hat Hollein früh aufgegeben. Denn schon eine Kollektion für Mädchen und eine für Damen, die sie ebenfalls anbietet, sind ein Kraftakt für eine Designerin allein. Hinzu kommen kleinere Modenschauen, an denen sie teilnimmt, und ein Pop-up-Store in Wien, der bestückt werden will. Zwischendurch Entwürfe zeichnen, nähen, für die Kinder kochen, einkaufen gehen. Nur der Samstag gehört ganz ihr, weil dann Mann Max mit den Kindern unterwegs ist. Sie sitzt dann meistens in ihrem Ladenatelier, zeichnet und näht. Sie betreibt ihre Arbeit mit großem Ernst. Es ist nicht das Hobby der Frau eines vielbeschäftigten Mannes, sondern Passion. „Das ist es jetzt, das, was ich machen will“, sagt Hollein. Ihr Geschäft „trägt sich gerade so“, wie sie sagt. Aber immerhin ist sie nach mehr als drei Jahren noch am Platz. Die Namen etlicher anderer Geschäfte in der Nachbarschaft haben in dieser Zeit schon ein paar Mal gewechselt.

Steht unter der Woche ein nicht ganz so später Termin an, etwa eine Ausstellungseröffnung, nehmen die Eltern ihre Kinder gerne mit. An Gelegenheiten mangelt es nicht, Max Hollein ist ein gefragter Mann in der Stadt, seine Frau begleitet ihn gerne. Aber ihr Mann habe noch nie von ihr verlangt, bei einem bestimmten Event neben ihm zu stehen, sagt Nina Hollein. Zu welchen Anlässen sie mitkommt, entscheidet sie selbst. Wobei sie auch ein Gefühl dafür hat, wann es angezeigt ist, als Ehepaar aufzutreten, weil auch nahezu alle Gäste ihre Partner auf einen Empfang mitbringen. Ohne Probleme kann man sich vorstellen, wie sie sich in diesen Kreisen zwischen Kunst, Klatsch und Cocktail bewegt. Aber ebenso auch, wie sie ohne all dies auskommt. Denn in zwei Fällen bleibt Nina Hollein zu Hause: Wenn eine Deadline näher rückt, ein Entwurf abgegeben werden muss. Sie mag dieses Gefühl, wenn ein Projekt zum Ende kommen muss, jede vergehende Stunde den Druck erhöht. Und wenn eines ihrer Kinder am nächsten Tag eine Mathearbeit schreibt, wenn abends noch einmal ein bisschen dafür geübt und am nächsten Morgen früh aufgestanden werden muss. Kinder sind immer „Chefsache“, sagt sie.

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