http://www.faz.net/-gzg-6zz4p

Im Porträt: Michael Degen : Vom Verfolgten zum Publikumsliebling

Erst 1998, bei einer Talkshow, kam er ins Erzählen über sein Dasein als Überlebender des Holocausts: Michael Degen. Bild: dpa

Michael Degen erzählt im Jüdischen Museum die Geschichte seines Überlebens. Lange hatte er geschwiegen.

          Nach der Rettung hat Michael Degens Mutter ein Schweigegebot ausgesprochen. „Wir vergessen alles“, trug sie ihrem Sohn auf. Er sollte niemandem erzählen, dass er und sie als „U-Boote“, als untergetauchte Juden, in Berlin den Holocaust überlebt hatten. Dieses Schweigegebot hat Degen damals als „normal“ empfunden, seine Mutter habe durchaus ein Recht gehabt, darauf zu bestehen, sagt der Schauspieler im Jüdischen Museum im Gespräch mit Ulrike Holler.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er hat sich lange mehr oder weniger daran gehalten. Das lag auch daran, dass ihn niemand fragte, wie er als Jude den Holocaust überlebt hatte. 1998 kam er in einer Talkshow des WDR erstmals ins längere Erzählen, ermuntert von einem anderen Gast, einer jüdischen Frau, die ein ähnliches Schicksal hinter sich hatte. Kurze Zeit später fragten Verlage an, ob er seine abenteuerliche Geschichte in einem Buch veröffentlichen wolle. „Ich kann nicht schreiben“, lautete seine Antwort. Das war ein Irrtum, wie man an seiner Autobiographie „Nicht alle waren Mörder“ sieht, die eine große Leserschaft fand und auch verfilmt wurde. Michael Degen hat danach weitergeschrieben, drei Romane sind mittlerweile seiner Phantasie entsprungen.

          „Alles ist so passiert“

          Sein Buch über sein Überleben und das seiner Mutter in Berliner Verstecken entsprang dagegen der eigenen Erinnerung. „Alles ist so passiert“, sagt Degen im Jüdischen Museum. Die Erinnerung, die er so viele Jahre „zurückgestaut“ hatte, sprudelte nur so, als die Blase des Schweigens einmal angestochen worden war. Seinen Zuhörern erscheint es, als seien Degen die damaligen Erlebnisse just in dem Augenblick wieder eingefallen, in dem er sie erzählt. So lebendig schildert er etwa die Flucht vor den Männern in den Uniformen der Waffen-SS, die 1943 in Berlin offen jüdische Bürger für die Transporte in den Osten zusammentrieben.

          Ein Kommunist, der Juden eigentlich nicht besonders mochte, hat Mutter und Sohn in seinem Haus aufgenommen. Anderthalb Jahre konnten sie versteckt bei ihm leben, bis er wegen des Verteilens oppositioneller Flugblätter verhaftet wurde. Wieder gelang Degen und seiner Mutter knapp die Flucht, wieder fanden sie Helfer, die ihnen Unterkunft boten und Nahrung. Hätte ein Romanautor sich die Geschichte ausgedacht, hätte sein Verleger oder Lektor wahrscheinlich gesagt: „Müssen Sie die Story so dick auftragen?“

          „Die Juden sind alle tot“

          Der sowjetische Offizier, dem sie nach der Schlacht um Berlin als Befreier begegneten, mochte ihnen denn auch nicht glauben, dass sie Juden seien und in der Hauptstadt des Feindes überlebt hätten. „Die Juden sind alle tot“, ließ er die Degens wissen und beschuldigte sie, Spione zu sein. Überzeugt hat ihn ein jüdisches Gebet. Was er spreche, wenn sein Vater gestorben sei, fragte der Offizier den kleinen Michael. „Das Kaddisch“, gab der Knabe zur Antwort. „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt“, fing er auf Hebräisch an.

          Als Michael Degen 1964 im Frankfurter Schauspielhaus den Riccardo in Hochhuths „Stellvertreter“ oder den Hamlet in Shakespeares gleichnamigem Drama spielte, war seine Vorgeschichte nicht unbekannt: Freundliche Nachbarn hätten ihn versteckt und vor der Deportation nach Auschwitz bewahrt, heißt es in einem Artikel, der damals in dieser Zeitung erschien. Auf allzu großes Interesse ist dieses ungewöhnliche Schicksal nicht gestoßen. Das hängt damit zusammen, dass damals noch nicht Degens Autobiographie vorlag, aber auch ein wenig damit, dass er damals zwar ein Publikumsliebling, aber noch kein Star war.

          „Frau Merkel muss sich da was überlegen“

          Das hat sich nicht erst geändert, seit Degen den eitlen und unfähigen Vice-Questore Patta in den Verfilmungen von Donna Leons Venedig-Krimis spielt. Der Mann, der in Bert Brechts Ensemble am Deutschen Theater in Berlin nach dem Krieg seine ersten großen Rollen übernahm und später mit so renommierten Regisseuren wie Peter Zadek, Ingmar Bergman oder George Tabori zusammengearbeitet hat, kann auf eine große Karriere zurückblicken, gilt längst als einer der großen Schauspieler des Landes. Sich im Theater mit der NS-Zeit und dem Holocaust auseinanderzusetzen, wie dies Degen so oft getan hat, war, so bekennt er nun in der Veranstaltung der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums, für ihn eine „Qual“. Aber: „Ich musste es tun.“

          Ob er einen schleichenden Antisemitismus in Deutschland bemerke, will Ulrike Holler zum Schluss von ihm wissen. „Schleichend“, antwortet er, „würde ich das nicht mehr nennen.“ Da sei in Deutschland eine „Pest“ ausgebrochen, diagnostizierte er unter Hinweis auf die Rechtsterroristen der NSU: „Frau Merkel muss sich da was überlegen.“

          Weitere Themen

          So stimmt die Stimme Video-Seite öffnen

          Eine Sprechtrainerin erklärt : So stimmt die Stimme

          Heidi Puffer ist auf der Suche. Das, was sie zu finden erhofft, ist nicht zu sehen, wohl aber zu hören. Denn immer dann, wenn Puffer eingeschaltet wird, droht auch der hörbare Rest in monotonem Einklang zu verschwinden.

          Frankfurt hat einen neuen Weihnachtsbaum Video-Seite öffnen

          Trubel auf dem Römer : Frankfurt hat einen neuen Weihnachtsbaum

          Zahlreiche Schaulustige warteten auch dieses Jahr am Römer auf den Frankfurter Weihnachtsmarkt. Das 30 Meter hohe Prachtexemplar kommt diesmal aus dem Spessart. Auch die Einsatzkräfte zeigten sich zufrieden. Das Aufstellen gelang reibungslos.

          Topmeldungen

          Aus Protest gegen May : Zwei Minister verlassen Mays Kabinett

          Nach der Einigung auf einen Austrittsentwurf bricht Theresa May ihre Regierung weg. Aus Protest gegen ihre Brexit-Pläne treten die Minister Raab und McVey sowie zwei Staatssekretäre zurück. Der EU-Sondergipfel zum Brexit soll am 25. November in Brüssel stattfinden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.