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Im Porträt: Herbert Fritsch Der älteste Nachwuchsregisseur Deutschlands

 ·  Für die Wiederaufnahme von „Volpone“ ist Herbert Fritsch noch einmal ans Staatstheater Wiesbaden gekommen.

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Seit er dort vor vier Jahren „Spielbank“
inszenierte, hat die Karriere des einstigen Volksbühne-Schauspielers einen steilen Anstieg genommen.

Angst kennt Herbert Fritsch gut. Er hat ihr sogar mal einen ganzen Abend gewidmet: „Angst. Ein performatives Konzert über den schlechtesten Berater unserer Zeit.“ Das war 2007, da hatte der Schauspieler Fritsch die Berliner Volksbühne gerade verlassen, nach 14 Jahren. Dass die Angst auch immer dabei ist, wenn der Schauspieler spielt, davon handelte der Abend.

Davon, dass Fritsch als Regisseur durch Deutschland reist und Schauspieler dazu bringt, so entfesselt zu spielen, dass sie ihre eigene Angst und die des Publikums mit dazu aus dem Saal fegen, handelt die zweite Karriere des Herbert Fritsch, geboren 1951 in Augsburg, ausgebildet an der Falckenberg-Schule in München, vor allem bekannt geworden als Schauspieler bei Frank Castorf an der Volksbühne. Und davon, dass er selbst, trotz des steten Aufstiegs als Regisseur, zugibt, vor jeder neuen Aufgabe auch Angst zu haben.

Der Rest ist pure Energie

„Die Angst muss man zertrümmern, sich der Situation aussetzen, in der ich regelrecht ums Überleben kämpfen muss. Auf eine charmante, leichte unverschämte Art. Genau diese Art erwarte ich auch von den Schauspielern, die auf die Bühne gehen und mit einer Frechheit Dinge behaupten, die überhaupt nicht stimmen“, sagt Fritsch.

So lustvoll und lebendig kam 2009 auch Ben Jonsons „Volpone“ ins Wiesbadener Staatstheater: 111 Minuten Schauspielertheater, das nur die von Fritsch gestaltete Videoprojektion als Bühne braucht und zwei, drei Requisiten. Der Rest ist pure Energie. Wer bei Fritsch spielt, schlägt Salti und fällt von der Rampe, muss nach Luft schnappen und spricht den Text im Stakkato, ohne eine Sekunde lockerzulassen. Und wenn ein Schnitzer passiert, wird er geistesgegenwärtig eingebaut, als sei er Absicht - bis dem Publikum die Puste wegbleibt, meist vor Lachen. Zu den Wiederaufnahme-Proben kam Fritsch jetzt noch einmal mit seiner Dramaturgin Sabrina Zwach nach Wiesbaden; seine aufpolierte Perle ist nach einem Abend im Kleinen Haus jetzt erst einmal als Gastspiel in Südtirol, mit Rainer Kühn als geiferndem Volpone und Wolfgang Böhm als dreistem Mosca.

Es gehe darum, das Publikum verrückt zu machen

Im vergangenen Jahr wurde Fritsch mit gleich zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen geladen. Seither ist er in aller Munde, die Aufträge reißen nicht ab; hier und da wird er als künftiger Intendant gehandelt. Auch dieses Jahr kam eine Einladung zum Theatertreffen, für „Die (s)panische Fliege“. Mit der hochgepitchten Version des Schwanks kam Fritsch 2011 an die Volksbühne zurück - als Regisseur. Am Mittwoch wurde dort seine deutsche Erstaufführung von Dieter Roths „Murmel Murmel“ gefeiert: Volles Spiel, reine Form, der Text besteht nur aus ebendiesen zwei Wörtern.

„Es geht darum, einen lustvollen Abend zu gestalten und das Publikum verrückt zu machen. Ich will Theater als Kraftwerk begreifen, die Zuschauer in extremste Verwirrungen stürzen. Und dadurch eine Form von krasser Unterhaltung entwickeln, die den Leuten letztlich nur gut tun kann. Sie von gewissen schwierigen Gedanken und Problemen heilt. Wenn das gelingt, ist das wunderbar“, sagt er in seiner typischen Fritsch-Art, die im Gespräch so ganz anders ist als der Bühnen-Fritsch: Ruhig, der leise Schalk hinter der schwarzen Brille verbirgt nicht, dass da jemand sehr genau Bescheid weiß darüber, dass Gratwanderungen auch böse ausgehen können. Wie Stürze sich anfühlen, hat er schon als junger Tramp erlebt, den das Theater rettete; als Schauspieler in der Krise auch.

„Für mich ist es wichtig, so exakt wie möglich zu arbeiten“

Sein Theater hat etwas von Gegengift. Theorien, Realitätsnachahmung hält Fritsch konsequent fern. Dafür gibt es eine Ekstase aus der Strenge heraus: „Für mich ist es wichtig, so exakt wie möglich zu arbeiten, auch mit den Texten. Es von innen her brennen zu lassen. Und zu hoffen, dass es in der strengen Form so ein Drüber gibt, etwas, das darüber hinausgeht, das die Form verlässt. Oder dass die Form so zu glühen anfängt, dass man durch einen schmalen Spalt in eine ganz andere Welt gucken kann“, erklärt Fritsch das, was die Feuilletons „Fritschiade“, „Hysterientheater“, „Bühnenberserker“, „Volldampfkomik“ nennen.

Die Etiketten bilden einen merkwürdigen Kontrast zu dem Herrn im dunklen Anzug, der auch im Überschwang, im komischen wie im heftigen, eine große Zartheit an den Tag legt. Nun wagt er sich an eine neue Aufgabe: 2013 inszeniert er in Zürich seine erste Oper, Péter Eötvös’ „Drei Schwestern“, 2014 folgt „Don Giovanni“, an der Komischen Oper Berlin. Das passt für einen, dem viele vorwerfen, große Stoffe der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Leichtigkeit von Mozarts Musik regiere auch in diesem Drama, sagt Fritsch: „Man unterstellt mir, dass ich so ein Komödienfuzzi bin. Warum sollte ich nicht in einer Tragödie die Gesten der Komödie verwenden? Wenn man extreme, extrem theatrale Mittel verwendet, heißt es sofort: ,alles veralbert‘. Weil man in diesen Konventionen festhängt. Wir leben in einer Zeit, in der die Gesten auf ein Minimum eingedampft sind, auf fernsehkompatible Ausdrucksweisen. Das ist eine solche Verarmung des Ausdrucks! Die hat sich auch im Theater ausgebreitet.“

„Als Schauspieler kann man sich emotional anders geben“

Für einen stückezertrümmernden Nachwuchsregisseur und Nachwuchsbühnenbildner, darauf legt er Wert, ist Fritsch, der im Januar 61 Jahre alt wurde, nicht nur ein paar Jahre zu reif. Auf Publicity hat er es schon als Schauspieler nie wirklich angelegt - die lässt sich halt nicht vermeiden, wenn einer so besessen spielt wie er, bisweilen auch bis zur völligen Enervierung von Publikum und Kollegen: „Ich habe mich nie als reproduzierenden Künstler verstanden, sondern als unabhängigen Künstler, auch von der Regie. Ich habe bei Vorstellungen gemacht, was ich wollte.“

Als Regisseur von Ibsen, Molière, Goldoni liebt Herbert Fritsch formale Strenge, die schlichte Struktur. Versucht, den Kopf erst mal draußen und die Schauspieler reinzulassen. An den Theatern von Schwerin bis Wiesbaden lieben die Ensembles ihn dafür, dass er mit ihnen so arbeitet, wie es derzeit wohl kaum einer sonst tut. Als befreiend empfinden viele das. Als Regisseur ist er einer, der vorspielt, auf die Bühne springt, körperlich inszeniert. In neuer Rolle: „Als Schauspieler kann man sich emotional anders geben, wenn man aufgehoben ist innerhalb eines Ensembles. Als Regisseur trage ich die Verantwortung für die Leute. Das hat etwas anderes aus mir gemacht. Das hätte ich nie gedacht. Ich glaubte immer, ich sei ein labiler, sehr emotionaler Mensch. Aber in dem Moment, in dem ich auf der Probe bin und für andere da sein muss, bin ich das nicht mehr. Das ist ein ganz erstaunlicher Effekt in meiner Biographie.“

Der Schlüssel zu etwas „sehr, sehr Schönem“

Dass auch bekannte Ensemblemitglieder plötzlich neue Saiten aufziehen, war am Staatstheater Wiesbaden schon 2008 zu erleben, als Fritsch sie in einem ebenfalls mit Zwach geschriebenen Abend in die „Spielbank“ schickte. Das war am Anfang seines Erfolges als Regisseur. Jetzt macht er vier bis sechs neue Stücke im Jahr, der Filmautor und Internet-Erkunder Fritsch, das Projekt Hamlet-X, ein in 111 Filmsplitter zerlegter Hamletkosmos im Internet (www.hamlet-x.de), auf DVD und in dem Langfilm „Elf Onkel“ (2010; www.elfonkel.de) müssen einstweilen zurückstecken.

Wie es weitergeht, darüber denkt er lieber nicht nach: „In dem Alter, in dem ich jetzt bin, in dem man jeden Tag tot sein kann - obwohl man das ja immer sein kann -, kann ich sagen, ich genieße den Augenblick und muss nicht fragen, was ich in zehn Jahren erreicht haben will. Ich will das annehmen, was gerade ist, mich darüber freuen oder auch ärgern, also in jedem Fall emotional verwoben sein mit dem, was ich tue. Das scheint mir der Schlüssel zu sein zu etwas sehr, sehr Schönem.“

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Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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