24.01.2012 · Albert Filbert verlässt nach 14 Jahren die HSE in Darmstadt. Er hat das Unternehmen vom Versorgungsmonopolisten zu einem „Nachhaltigkeitskonzern“ umgebaut.
Von Rainer HeinDas neue Jahr beginnt bei der Heag Südhessischen Energie AG (HSE) mit weitreichenden personellen Veränderungen an der Unternehmensspitze. Nachdem Technikvorstand Ulrich Wawrzik schon zum Jahresende in den Ruhestand gewechselt war, verlässt nach 14 Jahren zum Monatsende auch der Vorstandsvorsitzende Albert Filbert den südhessischen Energieversorger. Gleichzeitig tritt die Bundestagsabgeordnete der Grünen Christine Scheel neu in den HSE-Vorstand ein. Dem Führungsgremium gehören künftig zudem Finanzchef Holger Mayer und der fürs Personal zuständige Andreas Niedermaier an.
Auch im Kreis der Aufseher bei der HSE tut sich etwas: Am Sonntag hat Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) beim städtischen Neujahrsempfang angekündigt, auch die kommunalen Vertreter im Aufsichtsrat demnächst auszuwechseln.
Der Oberbürgermeister erwähnte in seiner Neujahrsansprache den Namen Filbert nicht. Aber er hat dennoch zwei Aussagen gemacht, die die lange Amtszeit des HSE-Chefs charakterisieren. Einerseits erklärte Partsch, die grün-schwarze Koalition wolle Darmstadt zu einer „Green City“ machen. Andererseits kündigte er an, die „kommunale Steuerbarkeit“ der HSE zu verbessern.
Es sind diese beiden Herausforderungen, zwischen denen sich Filbert die vergangenen Jahre bewegt hat: einen städtischen Versorgungsmonopolisten zu einem wettbewerbsfähigen „Nachhaltigkeitskonzern“ im liberalisierten Energiemarkt umzuwandeln - bei gleichzeitiger Rücksichtnahme auf die Interessen und die Mentalität des Mehrheitseigners Stadt. Dies ist Spagat zwischen Aktienrecht und Hessischer Gemeindeordnung gewesen, der sich als ziemlich konfliktträchtig erwiesen hat. 2010 muss Filbert daran die Lust verloren haben. Jedenfalls darf so seine Entscheidung interpretiert werden, 2012 auf eine Vertragsverlängerung zu verzichten.
Das freiwillige Ausscheiden im Alter von 59 Jahren dürfte dem HSE-Chef nicht leicht fallen. Schließlich kann Filbert für sich in Anspruch nehmen, Pionier einer Branche zu sein, in er manches Unternehmen erst nach der Atomkatastrophe in Japan zwangsweise regenerative Energien als Versorgungsträger der Zukunft entdeckte. Unter dem Titel „Darmstädter Weg“ hatte die HSE schon 2003 damit angefangen, ein Geschäftsmodell zu konzipieren, dessen Markenzeichen Ökostrom, klimafreundliche Erdgasprodukte sowie eine Milliardeninvestition in Wind- und Sonnenenergien sind.
Filbert hat am Anfang dieses Weges gestanden. Als der gebürtige Franke, der zunächst in Würzburg Betriebswirtschaft studierte und beruflich dann bei den Neckarwerken anfing, 1998 in den Vorstand der Heag-Versorgungs-AG berufen wurde, wechselte er zu einem südhessischen Monopolisten, „dessen Kunden zwangsweise Kunden waren“. Mit der Fusion der Versorgungs-AG und der Südhessischen Gas- und Wasser AG zur HSE 2003 übernahm er als Vorstandsvorsitzender ein mehrheitlich kommunales Unternehmen, das er unter dem Druck des liberalisierten Energiemarktes vom klassischen Energieversorger, der Strom und Gas ein- und verkaufte, zum „Wegbereiter der Energiewende“ in Deutschland fortentwickeln wollte. Inzwischen hat die HSE etwa die Hälfte ihrer „Energiewende“ vollbracht: Sie ist Eigentümer an 13 Windparks, vier Solarparks, mehr als 120 Photovoltaikdachanlagen, vier Biogasanlagen und einem Biomassekraftwerk, was ausreicht, um 235000 Haushalte mit Strom zu versorgen.
Die Zahl der Mitarbeiter hat sich in den vergangenen neun Jahren um 900 auf 2500 Beschäftigte vergrößert. Worauf Filbert besonders gerne hinweist: Darmstadts erster „Nachhaltigkeitskonzern“ hat sich auch zur profitabelsten Gesellschaft innerhalb der Stadtwirtschaft entwickelt. Die Ausschüttungen an die Aktionäre zwischen 2003 und 2011 beziffert er mit 355 Millionen Euro, die durchschnittliche Rendite mit 14,8 Prozent nach Steuern und die bis 2016 zu erwartenden Ausschüttungen mit 203 Millionen Euro.
Gleichwohl, in seiner Neujahrsansprache hat Partsch nicht diesen „Erfolgskurs“ hervorgehoben, sondern die angeblich 300000 Euro teure Weihnachtsfeier der HSE-Tochter Entega kritisiert. Auch dieser Fokus ist charakteristisch für die Ära Filbert. Die Politik hat die Öko-Strategie der HSE und ihres Vorsitzenden nie grundsätzlich in Frage gestellt, umso heftiger aber Anstoß an den Details der Verwirklichung geübt. Die Kontroversen reichten von Weihnachtsfeiern und Bürgermeister-Informationsfahrten bis zu einzelnen Investitionsentscheidungen und der Berufung Scheels, die sogar bundesweit zum Politikum wurde.
Eine der wichtigsten Investitionsentscheidungen in der Geschichte der HSE steht in diesem Jahr an: Partsch plädierte am Sonntag für den Rückkauf des 40-Prozent-Aktienanteil, die der Eon-Konzern an der „Südhessischen“ noch hält. Das Projekt läuft unter dem Titel „Rekommunalisierung“. Auch sie dürfte dazu dienen, die „kommunale Steuerbarkeit“ der HSE zu verbessern - eine Etappe, an der Filbert wohl nicht mehr beteiligt sein wollte. Er habe im Umgang mit der Politik nicht immer „ein glückliches Händchen“ gehabt, sagte er vor wenigen Tagen. Und sprach die Hoffnung aus, unter der Politikerin Scheel werde sich das Verhältnis zu Stadt wieder entspannen.