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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Im Porträt: Ad Bundy Ein subversiver Werbetexter

 ·  Wenn Ad Bundy Hand angelegt hat, ist kein Werbeplakat mehr wie es war. Mit manipulierten Werbetexten will der Street-Art-Künstler die Passanten irritieren.

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„Be an idiot“ steht es Schwarz auf Weiß auf dem Werbeplakat einer Zigarettenfirma. Im Vorbeigehen wundert man sich, sucht den Sinn hinter diesem Slogan, bleibt vielleicht stehen in der Unterführung der Hauptwache und bemerkt: Da stimmt etwas nicht. Wo jetzt kurz und knapp zum Idioten-Dasein aufgerufen wird, stand ursprünglich einmal „Don‘t be a maybe“ geschrieben. Was täuschend echt aussieht, wurde von flinken Händen bearbeitet und überklebt. Es ist dieser kleine Aha-Effekt, der „Moment der Eingebung“, auf den Ad Bundy wartet.

Advertisement Busting bezeichnet das Zerstören von Anzeigen im öffentlichen Raum. Wenn jemand wie der Künstler Ad Bundy am Werk war, kann es passieren, dass ein Zigarettenhersteller den Passanten per Plakatbotschaft auffordert, ein Idiot zu sein. Dahinter steckt nicht einfach nur ein Hang zum wahllosen Vandalismus, sondern, so sieht es der Künstler, eine Gesellschaftskritik. Zwar zerstört Ad Bundy die ursprüngliche Botschaft, nie aber das Plakat selbst. „Der öffentliche Raum verwandelt sich nach und nach in eine einzige Werbefläche“, sagt er. Menschen würden auf ihre Rolle als Konsumenten reduziert. Für Ad Bundy sind Werbeslogans Konsum-Befehle. Indem er Werbung „humoristisch entlarvt“, wie er sagt, führe er den Passanten hinter die „Glanzfassade“ der Werbemacher.

Was ist ein ethischer und maßvoller Konsum?

An einem normalen Samstag schlendert Ad Bundy, nennen wir ihn Tomasz, durch die Straßen und hält Ausschau. Entdeckt er ein geeignetes Plakat - wenig Text sollte es haben und dafür viel freie Fläche - fotografiert er es. Zu Hause dann überlegt er, was er damit anstellen könnte. Oft dient ihm ein zweites Plakat an weniger frequentierten Stellen als Buchstaben-Spender. Mit einem Teppichmesser schneidet er die benötigten Teile aus dem Plakat, die er dann später in einer höchstens zweiminütigen Klebeaktion auf dem Zielplakat anbringt.

Jeder Handgriff muss sitzen, damit das Risiko, erwischt zu werden, sinkt. „Wenn jemand vorbeikommt, während ich klebe, tue ich so, als würde ich für das, was ich da mache, bezahlt werden“, sagt Tomasz. Ertappt wurde er noch nie. Dass er etwas Verbotenes macht, ist für ihn leicht zu rechtfertigen: Er begehe eine „Ungerechtigkeit“, um auf eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten wie die Kommerzialisierung des Alltags oder die Verschwendung von Ressourcen aufmerksam zu machen. „Ohne Konsum kein Überleben, das ist klar - die Frage ist nur, was ein ethischer, maßvoller Konsum ist.“

„Ich bin gerne hier an der Hauptwache“

Tomasz ist 32, hat hellblaue Augen und kurzes, dunkelblondes Haar. Er wirkt unauffällig und in sich zurückgezogen. „Ich bin gerne hier an der Hauptwache“, sagt er, den Blick auf laut vorbeirollende Gemüse- und Obstladungen der Marktstände, Kinderwägen, trippelnde Hündchen und schlendernde Mädchen gerichtet. Sein Künstlername setzt sich zusammen aus dem Wort Ad als eine Abkürzung von Advertisement, dem englischen Begriff für Werbung. Der zweite Teil seines Pseudonyms hat einen doppelten Ursprung: Al Bundy ist zum einen die Hauptfigur einer amerikanischen Fernsehserie der neunziger Jahre, deren „Galgenhumor“ Tomasz inspirierte. Aber auch in den Morden Ted Bundys, eines berühmten Serienkillers, sieht er Parallelen zu seiner Arbeit. Kleiner Unterschied: Er zerstückele Werbebotschaften statt Körper.

Mit seinen hintersinnigen Botschaften will der junge Künstler die Passanten berühren. „Wer sich für acht Euro ein T-Shirt bei H&M kauft, denkt oft nicht darüber nach, dass am anderen Ende der Welt jemand für einen Hungerlohn dafür geschuftet hat.“ Besonders störten ihn die Aufdringlichkeit von Plakaten großer Konzerne „wie Coca-Cola und Marlboro“. Jene, die sich mit der Botschaft „Wenn du das kaufst, bist du cool!“ an jüngere Zielgruppen richteten. Trotzdem wählt Ad Bundy seine Angriffsflächen größtenteils nach Gefühl aus, sucht nicht nach den Werbeauftritten spezieller Marken. Die moralische Botschaft steht für den Frankfurter aber nicht im Vordergrund. „Mir geht es eher um das Künstlerische als um das Politische“ sagt er durch seinen kurzen Stoppelbart. Er wolle nichts predigen.

„Wir helfen Kindern beim Verdummen“

Viel wichtiger sei ihm ein ganz bestimmter Moment der Orientierungslosigkeit, den der Betrachter spürt, wenn ihm plötzlich etwas seltsam erscheint. Etwa, weil Fernsehsender mit dem Slogan „Wir helfen Kindern beim Verdummen“ werben oder die heile Welt des Familienglücks auf einem Plakat gestört ist, weil die lieb lächelnde Mutter eine Waffe an die Stirn ihres Mannes hält. Oder weil der junge Mann auf dem Plakat einer Zigarettenfirma ganz entspannt dabei aussieht, während er, einer über seinem Kopf schwebenden Gedankenblase zufolge, über seinen nahenden Tod sinniert. „Es ist mir wichtig, dass der Betrachter erst aus der Nähe erkennt, dass etwas verändert wurde“, sagt Ad Bundy. Andernfalls würde er es sofort als Schmiererei abtun, das Hinterfragen einer sonst „abgesicherten, bequemen Welt“ bliebe aus. „Es handelt sich dabei um den Bruchteil einer Sekunde.“

Mit zehn Jahren kam der gebürtige Pole zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter nach Deutschland. Das war 1989. Früher interessierte sich Tomasz für Graffiti, aber heute langweilt ihn das. Die Szene habe sich festgefahren, komme nicht mehr vorwärts. Vor sieben Jahren dann zieht er nach Frankfurt, aber erst 2008 kommt er das erste Mal mit Ad Busting in Berührung, als er die Arbeiten eines Berliner Künstlers im Internet sieht.

Ad Bundy mischt sich nicht nur in die Gestaltung des öffentlichen Raums ein, indem er Werbeplakate ihrer frohen Botschaft beraubt. Er entwirft auch eigene Plakate und schmückt damit Wände. Außerdem fotografiert er „besondere Menschen“ oder verlassene Gebäude. „Alles, was ich mache, hat irgend etwas mit der Straße zu tun“, sagt er. Frankfurt eigne sich gut für seine Projekte, „weil hier so viele interessante Charaktere herumlaufen“. Wo Banker auf Obdachlose treffen, sieht der Künstler einen Kontrast, den es in den meisten anderen Städten nicht gebe. Besonders gern hält er sich in unterirdischen S- und U-Bahnhöfen auf. „Ich mag die angespannte, düstere Atmosphäre und die Vielfalt an verschiedenen Charakteren auf engstem Raum.“

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