10.02.2012 · Fünfmal hat er in Frankfurt vorgetragen, was andere von seinen Büchern denken, und sich mit eigenen Bewertungen zurückgehalten. Nun blickt Thomas Meinecke zurück auf seine Poetikvorlesung.
Nach Ihren Vorlesungen waren Sie in Frankfurt auch als DJ tätig, am neuen Sitz des Börsenvereins zum Beispiel, noch auf der Baustelle.
Da habe ich mit Ata, dem Frankfurter Techno-Urgestein, der das „Robert Johnson“ gegründet hat, an den Plattenspielern gestanden, und wir haben zusammen aufgelegt, bis zwei Uhr nachts, was für Dienstag eine wunderbare Zeit ist. Es war eine total nette Gruppe Leute da, wie auch im Vorlesungssaal.
Wie haben Sie sich dort gefühlt?
Ich war sehr angetan vom Publikum. Ich hatte mir ein bisschen Gedanken gemacht darüber, ob die, die kamen, auch wirklich kommen würden, denn das sind die, die meine Bücher lesen. Ich habe ja ein viel jüngeres Publikum, als ich selber bin. Viele von den älteren Hörern sind während der ersten Vorlesung gegangen - die, die blieben, waren dann aber auch sehr treu und interessiert. Ich bin allerdings schon jemand, der froh sein kann, wenn es sich um eine interessante Universität handelt und es keine Semesterferien sind - ich brauche die Studierenden.
Wie interessant war es denn an der Goethe-Universität?
Ich war schon auf Symposien, wo die Studierenden sagten, sie könnten Hubert Fichte nicht lesen, weil da nichts erzählt werde. Da ist die Uni hier schon recht beeindruckend und man fühlt sich fünf Wochen lang sehr geborgen und wohl. Ich wurde in Oberseminaren herumgereicht, wo die Leute noch Fragen hatten, habe zwei Stunden Rede und Antwort gestanden und danach ging es in der Cafeteria noch weiter. Insofern ist es für mich sehr ergiebig gewesen, weil ich wieder mal ein Feedback bekommen habe. Darin liegt bei mir ganz stark der Impuls für neues Schreiben.
Sie haben auf den Entwurf einer eigenen Poetik verzichtet und sich auf den Vortrag der Zuschreibungen beschränkt, die Literaturkritiker und Kulturwissenschaftler an Ihre Werke herangetragen haben. Nun, wo die Vorlesung abgeschlossen ist: Würden Sie es noch einmal so machen?
Während der Vorbereitungen wollte ich durchaus etwas Poetologisches erzählen, zu den verschiedenen Arten des Zitierens - Pastiche, Parodie, Emulation. Darum sollte es gehen, eher theoretisch, aber mit praktischen Beispielen - Flauberts „Bouvard et Pécuchet“, wahrscheinlich „Doktor Faustus“, vielleicht Spike Jonzes Film „Adaptation“ -, da hätte ich viele Äquivalente gefunden zu meinen poetologischen Ansichten und Absichten.
Und dann?
Ich bin irgendwann daran gescheitert, das umzusetzen in einen Tonfall, in dem ich das weitergebe. Da habe ich ein Problem als Autor, der sich eher als nicht souverän begreift. Den hohen Ton, der sich eingeschlichen hätte, wollte ich vermeiden. Im Endeffekt habe ich gemerkt, dass ich sogar auf die Art, wie ich es gemacht habe, nur mit Zuschreibungen, die mich betreffen, nur mit von anderen vorgefertigtem Material, nicht aus der Behauptung herauskomme, vorne stehe ein souveränes Subjekt - beziehungsweise souveränes Objekt anderer Meinungen.
Hatten Sie während des Vorlesens dieser Meinungen jemals das Gefühl des Überdrusses?
Ja. Nicht zu Hause beim Schreiben. Aber beim Vortrag selbst, obwohl ich von den Hörern hinterher erfuhr, dass für sie die fast refrainartigen Wiederholungen, auch die durchaus stereotypen Feststellungen, einen gewissen Reiz besaßen, den ich beim Zusammenstellen ja auch als solchen empfunden hatte.
Wie war es, alle diese Beschreibungen Ihres Schreibens zu lesen?
Ich habe mich vorher nie so intensiv beschäftigt mit der Rezeption meiner Bücher. Ich nehme das zur Kenntnis und dann kommt es in Pappkartons. Jetzt habe ich sehr gestaunt. Man lernt viel über sich durch solche Zuschreibungen. Selbst jemand wie ich, der intellektuell interessiert ist, macht ja vieles aus dem Affekt heraus und intuitiv.
Gab es beim Vortragen dieser Meinecke-Ideen anderer Verfasser auch den Moment, in dem Sie sich dachten: „Das kann ich besser als ihr?“
Besser als jemand anders vielleicht nicht, aber besser als ich zuvor. Nach diesen fünf Wochen wäre ich jetzt zumindest in der Lage, die einzelnen Kapitel zu beziffern, in die sich mein poetologisches Programm unterteilen ließe. Ich habe gelernt. Aber ich würde vom Selbstverständnis her immer noch ein Riesenproblem damit haben. Da gefalle ich mir selbst einfach nicht. Vielleicht ist man da mit sich kritischer, als andere es wären.
Kann es sein, dass Sie wenig Wert darauf legen, anderen etwas vorzuschreiben?
Da haben Sie recht. Das ist keine Geste, die mir besonders am Herzen liegt. Woran mag das wohl liegen? Vielleicht weil ich gar keine näheren Verwandten sehe, an die ich mich mit so einer Vorschrift wenden könnte. Ich glaube, das will von mir auch keiner hören. So etwas Präskriptives würde bei mir wie eine Art Abfallprodukt anfallen. Es gibt ein paar Ideale, das Beschäftigen mit der Gegenwart und dem Gegenwärtigen, ihr Beschreiben, Mitschreiben und Aufschreiben. Das ist eine Idealvorstellung, aber ich finde nicht, dass ich eine Position habe, von der aus ich das anderen vorschreiben sollte. Ich bin auch zu sehr darauf gespannt, was die anderen bringen.
Und was bringen sie?
Im Augenblick gibt es einen weitverbreiteten konservativen Zug zum Erzählen. Es gibt aber auch eine sehr affige Art des Experimentellen. Es wäre völlig falsch einzufordern, alle sollen mal alles sprengen. Der Knast ist ja auch toll, der Knast namens Sprache, in dem man arbeitet, insofern, als man sich bewusst werden kann, was die Sprache einem zumutet und dass man damit auch arbeiten kann.
Wenn es um Ihre Romane geht, wird meist ihre literarische Verfasstheit betont. Aber als ich „Lookalikes“ las, mit seinem Blick auf deutsche Starimitatoren und brasilianische Candomblé-Anhänger, hatte ich plötzlich eher den Eindruck, dass Ihr Schreiben eine Art Anthropologie ist. Sind Sie mit dieser Sicht einverstanden?
Ja, könnte man so sagen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig die anderen das machen. Es ist nicht so, dass ich das einfordern würde, ich will ja keine Schule gründen. Aber es ist schon erstaunlich, wie wenig das passiert. Komischerweise ist das Wort Anthropologie ja gerade gar nicht so besonders viel im Schwange. Aber es bringt das schon auf einen Begriff, den ich absolut teilen kann, auch im Sinne dessen, was für einen Blick man auf die Dinge wirft. Es ist bei mir ja auch immer eine Suchbewegung.
Ihr Schreiben ist mit außerliterarischen Künsten gesättigt, mit Musik und anderen. Empfinden Sie die reine Wortkunst als Mangelerscheinung?
Nein, eigentlich nicht. Ich war immer sehr beeinflusst von der Musik als Apparatur, die forscht. Musik tut das und findet Dinge heraus - meist, bevor die Wörter dahin kommen. Aber eigentlich würde ich den Anfang dort anlegen, wo Walter Benjamin Baudelaire liest, im „Passagenwerk“. Das Fragmentarische daran, die Art und Weise der Betrachtung der Warenwelt, der flüchtigen Dinge, die Düfte, die Eindrücke. Das ist für mich der Anfang dessen, was ich als Pop sehe, eine Sichtweise der Welt, ein Abtasten. Das ist für mich der Urflash in Sachen Pop. Aber das Medium, das diese Sachen zur Diskussion stellt, ist eben oft die Musik.
Zum Abschluss Ihrer Vorlesung haben Sie im Frankfurter Literaturhaus aus „Lookalikes“ gelesen. Das Buch kreuzt zwischen Düsseldorf und Brasilien den Atlantik genauso unbekümmert wie sein Vorgänger „Hellblau“. Weswegen interessieren Sie sich so für Transfers?
Ich glaube, weil es sich um einen Moment handelt, wenn auch um einen gedehnten oder gedehntesten. Es ist im Grunde genommen fast wie bei der Wandlung in der Kirche. Dass man sich interessiert für diesen magischen Moment, der ja doch auch mit Sprache, auf jeden Fall aber mit Zeichen verbunden abläuft, in dem etwas den Zustand wechselt. Das ist dann vielleicht auch die Beruhigung oder Befriedigung einer Vorstellung von sowieso nicht festen Entitäten. Das ist vielleicht meine Philosophie, dass alles eigentlich eine prozesshafte Geschichte ist und in diesen transgressiven Momenten irgendwas zum Vorschein kommt, vielleicht eine Hoffnung auf die Erkenntnis, dass das eine, was vorher war, und das, was werden wird, beide nur in diesem Moment der Vermittlung ausgehandelt werden oder einfach behauptet werden und nichts Endgültiges sind. Das ist ja auch das Reizvolle für mich, der ich nur die kontaminierte Sprache zur Verfügung habe, die die Missverhältnisse herstellt oder das, aus dem man sich transgressiv entfernen müsste: Dass ich trotzdem nur die eine Sprache zur Verfügung habe und dass in der Reibung, die dann entsteht, ein ästhetischer Gewinn vermutet oder gesucht wird, nicht nur ein erkenntnistheoretischer, sondern auch ein ästhetischer, dass da die Kunst ihren Platz finden kann in diesem komischen Vermitteln.
Und die Wirklichkeit?
Ich bin immer ein Verfechter des Artifiziellen, auch in der Beschreibung der sogenannten Wirklichkeit, denn die ist natürlich gemacht. Deswegen kann ich als Künstler in Ecken gelangen, wo das, was man als „Jetzt nehmen wir doch mal Partei für die Wirklichkeit“ beschreibt, nicht unbedingt hinkommt. Ich glaube nicht an dass Verlassen der ästhetischen Position. Es muss auch gehen unter Beibehaltung des höchsten Anspruchs von Artifizialität.
Und das Buch zur Vorlesung?
Ich habe so viel Material gefunden, dass der Band im Herbst viel dicker sein wird als im Hörsaal. Die Frage ist, wo ist mein innerer Redaktionsschluss? Darf ich da etwas reinnehmen, was ich jetzt erst mitkriege? Muss ich mal in mich gehen - wo immer das ist.
Die Fragen stellte Florian Balke.