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Im Gespräch: Soziologe Tilman Allert „Der Kellner ist ein Kulturträger“

Soziologie hilft nicht bei der Kindererziehung, aber beim Beantworten der Frage, warum Flugpassagiere Tomatensaft trinken. Und Religiosität ist einflussreicher, als viele meinen: Tilman Allert im Gespräch.

© Gyarmaty, Jens „Die Religiosität ist auf eine Weise dominant in unserem Handeln, die wir uns gar nicht mehr klarmachen“, meint der Soziologe Tilmann Allert

Das Weihnachtsfest liegt wenige Tage zurück. Was sagt die Art, wie wir Weihnachten feiern, über uns aus?

Sehr viel. Das Weihnachtsfest ist stillgestellte Zeit, in der wir uns vom Tempodruck lösen, unter dem das Leben in einer modernen Zeit steht. Auch Erwachsene werden gewissermaßen wieder Kinder, die Zeit der Ankunft, die Idee einer möglichen Korrektur durch exemplarische Güte, hier wird eine lebenslange Magie-Erwartung handlungswirksam.

Von christlichen Bezügen reden Sie gar nicht mehr?

Doch, gerade. Die Religiosität ist auf eine Weise dominant in unserem Handeln, die wir uns gar nicht mehr klarmachen. Wer den Glauben über den Kirchenbesuch definiert, sieht leere Kirchen. So entsteht die These eines Bedeutungsverlustes. Aber der Raum der Geschichten und Mythen ist auch in der modernen Gesellschaft durch die Religion bestimmt. Ich hadere ein bisschen mit meiner Disziplin, dass sie die Bedeutung der Religion beinah nur noch im Blick auf den Islam thematisiert.

Inwieweit kann Religiosität überdauern, wenn die Kirchen leer sind?

Das kann sie, indem sie nach wie vor die großen zyklischen Ereignisse des Lebens begleitet, also Geburt, Familiengründung, Krankheit, Alter, Tod - Krisenerfahrungen der Menschen, die deutungsbedürftig sind. Darauf gibt es zwar auch verweltlichte Antworten, aber selbst darin ist die Wirkungsmacht des Religiösen nach wie vor sichtbar.

Aber religiöse Bedürfnisse leben sich ja längst auch in esoterischen Buchhandlungen und Volkshochschulkursen aus.

Ja nun, was haben wir da vor uns? In dem Maße, in dem der Glauben den Institutionenraum verlässt, in dem er eigentlich zu Hause ist, wird er zugänglich für Deutungen, die aus anderen Kulturkreisen kommen. Wie schon Max Weber gesagt hat, ist alle Religion diesseitsorientiert. Damit meint er, dass man sie in Anspruch nimmt zur Krisendeutung und zur Identitätsstiftung.

Könnte man sich nicht viele Erkenntnisse der Soziologie auch mit gesundem Menschenverstand erschließen?

Das ist eine Formulierung, der ich sofort zustimme. Die Soziologie ist eine Disziplin, die Voraussetzungen und Folgen menschlichen Handelns überprüft. Dabei ist sie ausgerichtet auf die Detrivialisierung von Zusammenhängen. Das heißt, wir müssen Vorgänge, die in der Alltagswahrnehmung vollkommen selbstverständlich erscheinen, durch Abstraktion und perspektivische Differenzierung als nichtnatürlich und nichttrivial interpretieren. Das ist die eine Seite. Die andere: Wir müssen in der Lage sein, die Befunde zu retrivialisieren, verstehbar machen.

Zum Beispiel?

Wollen wir Befunde über die berufliche Situation von Krankenschwestern auf einer Intensivstation, einem täglichen Umgang mit dem möglichen Tod, vermitteln, können wir nicht sagen: „Lesen Sie erst mal die Klassiker der Soziologie.“ Sondern wir müssen Erkenntnisse in die Sprache des Falles übersetzen und dabei dennoch die gebotene analytische Stimmigkeit nicht verletzen.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen?

Durch Beobachtung wie durch theoretische Reflexion. Mich interessieren elementare Formen des Austauschs. Eine Kooperation mit dem Schauspielhaus etwa ermöglicht es, dass meine Studenten Proben besuchen können. Dort können sie etwas für die Soziologie zentral Wichtiges beobachten, der Regelcharakter von Kommunikation wird anschaulich. Da wird zum Beispiel eine Szene geprobt, und plötzlich ruft Reese (der Intendant): „Stopp, die Szene bitte noch einmal, das war mir zu melancholisch.“ Das Konstruierte des Sozialen zu sehen ist Gold wert für jemanden, der in eine Disziplin einsteigt, in der er sich distanzieren muss von der Alltagswahrnehmung.

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