Home
http://www.faz.net/-gzg-778cu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Sozialforscher Axel Honneth „Es stünde der Universität gut an, das Ivi zu dulden“

Das frühere Anglistik-Institut der Frankfurter Universität am Kettenhofweg wird wohl bald geräumt werden. Sozialphilosoph Axel Honneth hat einen Solidaritätsaufruf für die Besetzer unterschrieben. Im Interview sagt er, weshalb.

© Eilmes, Wolfgang Vergrößern Stellt sich „schon seit langem die Frage, ob temporäre Besetzungen von leerstehenden Häusern nicht eine wirkmächtige Aktionsform sind“: Frankfurter Sozialforscher Axel Honneth

Sie haben Sympathie für die linken Studenten, die das „Institut für vergleichende Irrelevanz“ (Ivi) betreiben. Warum?

Zum einen bin ich immer sehr angetan, wenn Studenten großes Interesse an eigener Theoriearbeit und Diskussionen von gesellschaftlichen Belangen bekunden. Zum anderen stelle ich mir schon seit langem die Frage, ob temporäre Besetzungen von leerstehenden Häusern nicht eine wirkmächtige Aktionsform sind.

Aber Hausbesetzungen sind illegal.

Ich finde sie als Form des zivilen Ungehorsams dann gerechtfertigt, wenn die Häuser aus Spekulationsgründen lange Zeit leer stehen. Das war aber beim Kettenhofweg nicht der Fall. Hier gab es ja eher einen Verkaufsnotstand.

Die Universität hat die Besetzer lange dort geduldet. Hat sie deshalb eine Verpflichtung gegenüber dem Ivi?

Im juristischen Sinn natürlich nicht. Ich fände es aber gut, wenn die Universität eine gewisse Verantwortung verspüren würde, für das Ivi einen vergleichbaren Platz zu schaffen.

Hat dieses „Institut“ denn etwas wissenschaftlich Bedeutsames produziert?

Da die Ergebnisse nicht zugänglich sind, kann ich das nicht beurteilen. Ich denke, dass die dort geführten Diskussionen interessant und substantiell waren. Allzu Bedeutendes sollte man aber nicht erwarten. Es geht ja dort weniger um die Theorieproduktion, sondern um die kritische Durcharbeitung von Theoriebeständen, um sich selbst ein Bewusstsein der Zeit zu bilden.

Kopie von Institut für vergleichende Irrelevanz - Die Hängepartie um das besetzte Haus am Kettenhofweg geht weiter. © Rosenkranz, Henner Vergrößern Nach Gerichtsbeschluss zu räumen: das bisher besetzte „Institut für vergleichende Irrelevanz“ in Frankfurt

Die Ivi-Betreiber reklamieren für sich, so etwas wie die letzte Bastion der Kritischen Theorie in Frankfurt zu sein. Was sagen Sie dazu?

So etwas zu behaupten ist anmaßend. An vielen Orten der Universität finden Lehrveranstaltungen zur Kritischen Theorie statt. Die Frankfurter Tradition ist den meisten damit befassten Fachbereichen bewusst. Und es gibt auch andere Orte in Frankfurt und ganz Deutschland, in denen die Kritische Theorie gepflegt und fortgesetzt wird. Das Ivi ist eher ein Ort, in dem die Kritische Theorie in einer anderen Form wachgehalten wird. Es ist nicht gebunden an die Neutralitätszwänge, denen die Wissenschaft unterliegt.

Wie hoch ist Ihrer Meinung nach das intellektuelle Niveau der Studenten, die sich im Ivi engagieren?

Ich kenne das Ivi nur vom Rande her; eingeladen war ich dort nicht. Aber mein Eindruck ist, dass das eine Ansammlung hochintelligenter und sehr begabter Studierender ist, die ihren eigenen Kopf haben. Dafür spricht schon der Name „Institut für vergleichende Irrelevanz“, der von ironischem Können zeugt.

Welche Rolle spielt der Exzellenzcluster zur Erforschung gesellschaftlicher Normen, in dem Sie selbst Mitglied sind, bei der Weiterentwicklung der Kritischen Theorie?

Es ist ein Versuch, Denkzusammenhänge institutionell zu etablieren, in dem ein Ansatz der Frankfurter Schule - nämlich der durch Habermas herausgearbeitete - fortentwickelt wird. Aber man kann so einen Cluster nicht als einen Tendenzbetrieb begreifen. Bewähren muss sich solch ein Forschungsverbund an den Standards, die die Wissenschaft setzt, und nicht an dem Prüfstein, ob er die Frankfurter Schule weiterentwickelt.

Mehr zum Thema

Genau das erwarten aber vermutlich die linken Studenten. Ihnen missfällt der Exzellenzcluster als ein Produkt der Elitenbildung, die sie für verwerflich halten.

Das beruht auf einem Missverständnis. Man kann aus wissenschaftspolitischen Gründen gegen diesen Cluster sein. Aber er muss nicht die Speerspitze der Kritischen Theorie sein, das ist nicht seine Aufgabe.

Der Exzellenzcluster hat kürzlich seinen Neubau auf dem Campus Westend der Universität bekommen. Dort würden Unterstützer des Ivi auch gerne einen Containerbau für das Projekt errichten. Die Universität hat dies umgehend abgelehnt. Finden Sie das bedauerlich?

Ich fand den Vorschlag der Ivi-Unterstützer zumindest originell. Wenn an dem Ort, wo sie die Container aufstellen wollen, längere Zeit eine Brachfläche wäre und man für wenig Geld ein solches Provisorium dort errichten könnte, stünde es der Universität gut an, das zu dulden und sogar mitzubetreiben.

Sollte die Universität dafür Geld bereitstellen?

Ich habe den Eindruck, die Universität ist so blank, dass sie für so etwas kein Geld in die Hand nehmen kann. Wenn schon der reguläre Lehrbetrieb nicht gesichert ist und auf Exzellenzcluster gesetzt wird, die die Lehre nicht gerade fördern, dann ist es wohl nicht möglich, so etwas wie das Ivi finanziell zu unterstützen.

Die Fragen stellte Sascha Zoske.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Im Gespräch: Birgitta Wolff „Goethe-Uni muss nicht jeden Studenten anlocken“

Vom 1. Januar an wird die Wirtschaftswissenschaftlerin Birgitta Wolff die Goethe-Uni führen. Im Interview spricht sie über Wettbewerb, Vertrauen, Geld und das Führungsverhalten von Frauen. Mehr

22.07.2014, 11:00 Uhr | Rhein-Main
Dumme Fragen Haben Zebras schwarze oder weiße Streifen?

Es gibt keine dummen Fragen, lautet eine Redensart, nur dumme Antworten. Die Kollegen vom SZ-Magazin haben seltene und seltsame Fragen aus dem Netz gesammelt. Wir haben uns herausgefordert gefühlt und sie beantwortet. Mehr

18.07.2014, 17:45 Uhr | Gesellschaft
Römisches Reich „Sklaverei war oft besser als Lohnarbeit“

In der spätrömischen Marktwirtschaft ließ es sich recht gut leben, sagt die Altertumsforscherin Susanna Elm. Selbst die Sklaven kamen zu Wohlstand. Mehr

19.07.2014, 12:04 Uhr | Wirtschaft

2018 oder nie

Von Tobias Rösmann

Der Frankfurter CDU-Vorsitzende Uwe Becker hat sich selbst als Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl 2018 vorgeschlagen. Das ist mutig, birgt diese frühe Festlegung doch politische Stolpersteine. Mehr