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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Sarah Sorge „Wenige Gymnasien werden zu G9 zurückkehren“

 ·  Seit 100 Tagen ist Sarah Sorge als Dezernentin für Schulen und Kitas verantwortlich. Sie spricht über ihr Verhältnis zur Kultusministerin, fehlende Hortplätze, das Betreuungsgeld und die Kritik am Stadtschulamt.

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Stimmt die Beobachtung, dass Sie mit Nicola Beer einiges gemeinsam haben?

Ich denke, schon. Wir sind fast ein Jahrgang, kommen beide aus Frankfurt, haben hier und auch auf Landesebene Politik gemacht. Wir haben schulpflichtige Kinder und wissen auch aus unserem persönlichen Alltag, was Eltern bewegt.

Und Sie sind beide neu in wichtigen Ämtern, Frau Beer als Kultusministerin und Sie als Dezernentin. Könnte das ein Vorteil sein für die Zusammenarbeit von Stadt und Land in der Bildungspolitik?

Das kann sein. Grundsätzlich denke ich schon, dass die neue Kultusministerin näher dran ist am Alltag in Schulen und Kitas als ihre Vorgängerin Frau Henzler. In Wiesbaden habe ich mit Frau Beer eine Zeitlang Wissenschaftspolitik gemacht, da haben wir in vielen Fragen in eine gemeinsame Richtung gedacht - mal abgesehen von den Studiengebühren.

Wie empfinden Sie die Atmosphäre im Römer, verglichen mit der im Landtag?

Ich habe das Gefühl, dass hier alle das Große und Ganze im Blick haben. Der Ton ist freundlicher als in Wiesbaden, die Welt ist friedlicher. Allerdings gibt es auch in Wiesbaden einen Unterschied zwischen der offenen Bühne im Landtag und dem, was sich hinter den Kulissen tut.

Ein Thema, bei dem auch in Frankfurt die Emotionen hochkochen, ist der Hortplatzmangel. Sind Sie schon privat gefragt worden, ob Sie unbürokratisch zu einem Betreuungsplatz verhelfen könnten?

Nein, so funktioniert das nicht. Und meine Freunde und Bekannten wissen das auch. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Situation für alle Frankfurter Grundschüler zu verbessern.

Noch aber fehlen in vielen Stadtteilen Plätze für die Nachmittagsbetreuung.

Ich kenne die schwierige Situation, auch aus eigener Erfahrung als Mutter. Allerdings ist es die Aufgabe des Landes, die Ganztagsschulen auszubauen. Da hat sich in der Ära Henzler zu wenig getan. Ich hoffe, dass mit Frau Beer mehr geschieht.

Den Eltern, die heute einen Hortplatz suchen, ist mit dem Verweis auf künftige Ganztagsschulen nicht geholfen.

Deshalb tun wir auch alles Mögliche, um die Lücke bis zur flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule zu überbrücken. Die Stadt finanziert Hortplätze und darüber hinaus direkt an den Frankfurter Grundschulen ein vielseitiges Betreuungsangebot. 53 Prozent aller Frankfurter Grundschüler haben einen Betreuungsplatz, damit können wir uns im bundesweiten Vergleich absolut sehen lassen.

Und doch scheint es, als ob durch die Konzentration auf den Krippenplatz-Ausbau die älteren Kinder ins Hintertreffen geraten.

Der Fokus liegt auf der U-3-Betreuung. Wir haben schon unheimlich viel geleistet, um dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz nachzukommen. Ende dieses Jahres kommen wir auf einen Versorgungsgrad von 34 Prozent, Ende nächsten Jahres auf 43 Prozent. Und selbst das wird sicher nicht reichen. Es gibt Studien, nach denen in einer Dienstleistungsmetropole wie Frankfurt 60 Prozent nötig sind. Wir werden da nicht nachlassen.

Was sind die größten Hürden beim Ausbau?

Zunächst haben wir in Frankfurt das Problem, dass es kaum freie Flächen oder Gebäude für Kitas gibt. Unsere Mitarbeiter gehen wie die Spürhunde durch die Stadt und suchen nach Standorten. Wir müssen die Betreuungsplätze ja auch wohnortnah anbieten. Doch inzwischen haben wir die Umsetzungsphase erreicht, viele Kitas sind in Planung oder Bau. Deshalb wird das U-3-Angebot in nächster Zeit auch so rapide wachsen.

Dann könnte es passieren, dass es für die neuen Einrichtungen zu wenige Erzieherinnen und Erzieher gibt.

Bis jetzt ist der Mangel nicht so riesig, aber perspektivisch steuern wir auf dieses Problem zu.

Insofern käme Ihnen das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld doch zupass.

Nein, auf gar keinen Fall. Auch als Frauendezernentin halte ich das Betreuungsgeld für absolut kontraproduktiv. Jede Struktur, die Frauen davon abhält, regelmäßiger Erwerbsarbeit nachzugehen, ist gesellschaftspolitisch fatal, auch für Kinder. Das Geld wäre besser investiert in den Ausbau der Kitas. Dieser Meinung sind auch moderne CDU-Kollegen wie hier in Frankfurt.

Die Standortsuche gestaltet sich nicht nur für Kitas schwierig. Auch für das geplante neue Oberstufengymnasium ist noch kein Platz gefunden. Oder doch?

Wir sind mit dem Stadtschulamt auf der Suche. Gleichzeitig wird das Konzept mit dem Staatlichen Schulamt für die Oberstufe abgestimmt. Ideal wäre ein Standort, der gut zu erreichen ist, also in der Nähe einer S- oder U-Bahn-Linie. Auch eine Turnhalle muss auf das Grundstück passen.

Es gibt auch die Forderung nach einem zusätzlichen grundständigen Gymnasium, also von Klasse fünf bis zum Abitur. Der Stadtelternbeirat hat jüngst wieder die Überlastung der bestehenden Gymnasien beklagt.

Die Gymnasien sind momentan an ihren Kapazitätsgrenzen. Wenn die Schülerzahlen langfristig weiter steigen sollten, müssen wir handeln. Aber zunächst wollen wir einmal abwarten, wie sich die Entlastung durch das Auslaufen der G-9-Jahrgänge auswirkt.

Die Landesregierung hat allerdings jetzt in Aussicht gestellt, dass Gymnasien zur neunjährigen Schulzeit zurückkehren dürfen. Dann würde die erwartete Entlastung ausbleiben.

Grundsätzlich ist es richtig, an manchen Gymnasien G8 und an manchen G9 vorzuhalten, da für manche Schülerinnen und Schüler eine längere oder eben eine kürzere Schulzeit pädagogisch sinnvoll ist. Die hessische Landesregierung sollte jedoch erst nachdenken und prüfen und dann ihr Konzept präsentieren, statt die eben erst verebbte Unruhe wieder in die Elternschaft und die Schulen zu tragen. Ich gehe momentan davon aus, dass wenige der Frankfurter Gymnasien wieder zu G9 zurückkehren werden.

Das Stadtschulamt, für das Sie verantwortlich sind, hat nicht den besten Ruf. Zu Recht?

Bevor ich als Dezernentin begonnen habe, sind mir solche Stimmen auch zu Ohren gekommen. Inzwischen habe ich mir aber selbst ein Bild gemacht, das diesem Vorurteil diametral widerspricht. Ich habe Leute kennengelernt, die sehr engagiert, flexibel und zielorientiert arbeiten. Von der Spitze bis in die kleinsten Abteilungen.

Warum sind dann in den Schulen so viele Klagen zu hören, dass Mitarbeiter nicht erreichbar sind, Anfragen liegenbleiben, Bauprojekte falsch oder gar nicht gesteuert werden?

Das große Problem ist die Kommunikation. Die Abläufe der Verwaltung sind nicht jedem in den Schulen klar. Wenn wir zum Beispiel heute eine Probebohrung in einem sanierungsbedürftigen Schulgebäude vornehmen, gehen manche davon aus, dass schon morgen die Bauarbeiten beginnen. Und wenn es dann nicht so ist, trägt das Schulamt die Schuld. Wir haben aber Strukturen, die bewirken, dass die Dinge ihre Zeit brauchen. Zum Beispiel müssen demokratische Entscheidungsprozesse und Brandschutzvorschriften beachtet werden. Da kann man im Einzelnen vielleicht schimpfen, aber ganz abschaffen sollte man das nicht.

Wie lässt sich die Kommunikation zwischen Schulen und Schulamt verbessern?

Wir müssen zum Beispiel klarstellen, dass die Kommunikation immer zwischen dem Schulleiter und dem regional Zuständigen im Amt abläuft. Wenn ständig auf allen Ebenen von Eltern, Lehrern und so weiter über 270 Ecken kommuniziert wird, führt das nur zu Missverständnissen und Frustrationen.

Sie planen im Stadtschulamt also keine gravierenden personellen oder strukturellen Veränderungen?

Im Großen und Ganzen nein, im Kleinen schon. Und natürlich entwickeln wir die Strukturen kontinuierlich fort.

Das Gespräch führte Matthias Trautsch.

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