Fühlen Sie sich als Don Quijote, der gegen Windmühlenflügel kämpft, wenn Sie die immer größer werdenden Autos auf den Straßen sehen?
Solche Vergleiche hinken immer ein wenig. Aber das Beispiel mit den großen Autos zeigt tatsächlich, woran es derzeit mangelt und weshalb Mobilitätsmanagement eine Rolle spielen müsste. Auf der einen Seite werden die Autos immer effizienter und sparsamer im Verbrauch. Auf der anderen Seite drängt es die Konsumenten, immer noch ein größeres und schnelleres Auto zu kaufen.
Werden dadurch die Energie-Einsparungen aufgefressen?
Ja, auf einmal sind in der gesamten Flotte viele der Einsparungen wieder weg, die mit enormem technologischem Aufwand erzielt worden sind. Man kann das an den Statistiken der Emissionen ablesen. Wir als Europäische Mobilitätsplattform Epomm haben uns deshalb der Aufgabe verschrieben, diese Lücken zu schließen.
Welche Lücken?
Die Lücken zwischen Technologie und Verhalten. Oder zwischen Infrastruktur und Verhalten. Mobilitätsmanagement ist das verbindende Glied, das hier fehlt.
Wen oder was soll das Mobilitätsmanagement, dieses intelligente Steuern von Verkehr, verbinden?
Mobilitätsmanagement setzt vor allem bei der Verkehrsnachfrage und dem Mobilitätsangebot an und verbindet die Maßnahmen zu einem Gesamtkonzept, das von vornherein die gesamten Auswirkungen von Mobilität berücksichtigt. Mobilitätsmanagement macht es möglich, Technologien und Infrastruktur besser zu nutzen und kontraproduktive Effekte zu vermeiden. Ziel ist ein möglichst effizientes Verkehrssystem, das Mobilität auf umweltfreundliche und energiesparende Weise ermöglicht. Damit stärken wir auch die Wirtschaft. Dafür setzen wir uns als Epomm ein.
Das Elektroauto gilt als Hoffnungsträger. Ist das nicht ein großer Irrtum, weil das E-Auto genauso wie das Benzin-auto Energie frisst?
Physikalisch ist der Elektromotor dreimal effizienter als der Verbrennungsmotor. Die Einführung einer neuen Technologie wie etwa die Elektro-Mobilität braucht aber ein Gesamtkonzept. Man muss sich ja überlegen, ob man nur die klassischen Fahrzeuge ersetzen möchte oder ob die neue Technologie nicht auch Chancen für neue Formen der Mobilität eröffnet.
Aber der Strom muss dennoch irgendwo herkommen.
Vollkommen richtig. Er sollte aus erneuerbaren Quellen kommen. Der Ausstieg aus der fossilen Energie ist mittelfristig unumgänglich. Die E-Mobilität könnte dazu führen, dass man auf jede Weise elektrisch unterwegs ist. Wir haben ja schon die elektrifizierte Eisenbahn und die elektrisch angetriebenen Straßenbahnen oder U-Bahnen. Nun fehlen noch die Elektroautos für kurze Strecken und die Elektroräder und Elektroscooter, die die Benzinmopeds ersetzen können.
Warum Elektrorad und nicht normales Fahrrad?
Mit dem E-Bike kann man neue Zielgruppen für das Radfahren erschließen. Manche fahren nicht mit dem Rad, weil’s zu steil ist, weil man schwitzt oder weil die tägliche Strecke zur Arbeit etwas zu lang ist. Beim Elektro-Rad gibt’s diese Hürden nicht. In Österreich haben wir zurzeit einen richtigen Boom bei den E-Bikes, das ist auch gut für Tourismus und Wirtschaft.
Hört sich gut an. Aber wie schafft man eine solche Elektro-Kette im Verkehr?
Ein gutes Mobilitätsmanagement könnte ermöglichen, dass das Elektroauto seinen Platz findet in einem Gesamtkonzept. Dann könnte man viele Staustunden, viele Kilometer Umwege, viele Folgekosten vermeiden. Die Gefahr einer isoliert eingeführten neuen Technologie liegt darin, dass sie die Lösung aller Probleme verspricht. Aber auf einmal merken dann alle: Wir haben trotz neuer Technik immer noch Staus und Unfälle.
Ist das Versprechen von unbegrenzter Mobilität noch einlösbar?
Unbegrenzt ist gar nichts auf der Welt. Nur oft die Dummheit, wie, so glaube ich, Einstein einmal festgestellt hat.
Aber glauben nicht viele an unbegrenzte Mobilität?
In der Tat glauben manche, wir verfügten über unbegrenzte Ressourcen. Fast jeder möchte ein Auto haben. 750 Millionen Wagen fahren derzeit weltweit herum, im Jahr 2050 sollen es 2,2 Milliarden sein. Keiner weiß, wie diese Auto-Armee angetrieben werden soll. Der große Auto-Traum, der uns in der Werbung vermittelt wird, sieht so aus: Cadillac, Hollywood, Küstenstraße, Sonnenuntergang. Das ist aber nicht die Realität. Die heißt: im Schritttempo in der Stadt fahren.
Welche Gegentrends machen Ihnen Mut, dass Europa und die Welt nicht in den Verkehrsinfarkt laufen?
Mehrere. Mut macht mir, dass mittlerweile fast jedem klargeworden ist, dass wir mit der Nutzung der fossilen Energien aufhören müssen. Nicht nur wegen der Umwelt, sondern auch wegen der Ökonomie.
Weil wir von Öl abhängig sind, das aus Ländern kommt, in die man nicht das größte Vertrauen haben kann?
So ist es. Deshalb müssen wir die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen ausbauen. Im Verkehr gibt es da einen riesigen Nachholbedarf. In der EU sind wir im Verkehrswesen zu 96 Prozent abhängig von fossilen Energien. Allein 2010 haben wir in der EU 210 Milliarden Euro für den Import von Öl ausgeben müssen. So kann das nicht bleiben, und zum Glück gibt es ja ein Umdenken. Deutschland hat die Energiewende ausgerufen, in Österreich setzen wir auf den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und sprechen von Energie-Autarkie, die es anzustreben gilt.
Was macht weiter Mut?
Dass in Europa immer mehr erkannt wird, wie fatal die Zersiedelung ist. Stattdessen müssen die städtischen Zentren revitalisiert, reurbanisiert werden. Denn hier werden immer mehr Menschen wohnen. Es gibt viele gute Beispiele in Europa, die zeigen, dass man auch in großen Städten Lebensraum zurückgewinnen kann.
Bedeutet Reurbanisierung zwangsläufig auch eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs?
Absolut. Ich brauche in den Städten eine Alternative zum Auto. Wenn diese Alternative, also Busse und Bahnen, nicht gut funktioniert, kann ich einen Autofahrer kaum zum Umsteigen bewegen. Wir müssen in Europa hier den Netz-Gedanken im Kopf haben. Schnelle Verbindungen von einer Stadt zur anderen mit Hochgeschwindigkeitszügen sind wichtig. Aber die Reise beginnt nicht an den Bahnhöfen, sondern zu Hause, und sie endet irgendwo bei einer Arbeitsstätte oder einer Wohnung. Der erste und der letzte Kilometer sind entscheidend für die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs. Da muss noch viel getan werden, um ein attraktives Gesamtnetz zu schaffen.
Auf europäischer Ebene?
Ja, auch da. Wir haben zwar einheitliche Verkehrsschilder, aber jedes Land hat seine eigene Art von Fahrplänen, von Verkehrssprache, von Hinweisen. Dem Nutzer wird es nicht leichtgemacht. Länder, Regionen, Kommunen müssen sich europaweit viel besser abstimmen. Und nicht jedes Land oder jede Stadt muss das Rad neu erfinden. Man kann von dem guten Beispiel anderer Kommunen oder Regionen profitieren. Nicht zuletzt dafür arbeiten wir auf unserer Epomm-Konferenz in Frankfurt. Mobilitätsmanagement muss in Europa denselben Stellenwert bekommen wie Technologie und Infrastruktur.
Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

