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Im Gespräch: Norbert Geis „Auch eine berufstätige Frau kann eine gute Mutter sein“

 ·  Der 73 Jahre alte CSU-Politiker Norbert Geis ist seit 25 Jahren Bundestagsabgeordneter und hat in dieser Zeit als Konservativer für manche Schlagzeile gesorgt.

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Herr Geis, gehören Sie mit Ihren Moral- und Wertevorstellungen einer vom Aussterben bedrohten Spezies an?

Nein. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Mehrheit der Bevölkerung meine Vorstellungen teilt.

Auch die Mehrheit der Union?

Selbstverständlich auch die. Aber was habe ich denn für Wertevorstellungen?

Sie vertreten zum Beispiel ein sehr konservatives Familienbild.

Was ist daran konservativ? Meine Frau und ich haben vier Kinder. Wir führen ein modernes Familienleben. Meine Frau war und ist berufstätig. Sie hat sich jeden Tag ins Auto gesetzt und ist von Edelbach-Kleinkahl nach Aschaffenburg hier in mein Anwaltsbüro gefahren. Die Kinder haben wir bei den Großeltern gehabt, und mit drei Jahren sind sie in den Kindergarten gegangen, den meine Frau mit anderen Müttern zusammen gegründet hat, damit wir im Dorf auch einen Kindergarten haben.

Haben Sie sich auch um die Erziehung gekümmert?

Ganz überwiegend hat meine Frau die Kinder erzogen. Aber ich sage gerne scherzhaft: Ich habe fünfmal Latein gelernt - einmal selbst und viermal mit den Kindern.

Sie erregen mit Ihren Äußerungen zur wilden Ehe Gaucks, zur Homosexualität oder zur Popmusik zwar seit Jahrzehnten großes Aufsehen. Aber durchsetzen konnten Sie sich mit Ihren Forderungen nicht.

Wenn Sie auf die olle Kamelle von der Madonna anspielen, sollten Sie auch sagen, dass die ihren Auftritt in Deutschland damals abgesagt hat.

Das hatte aber doch nichts mir Ihren Äußerungen zu tun.

Das glaube ich auch nicht. Ich habe aber auch die Aufregung um meine Äußerungen nicht verstanden. Ich habe damals auf Anfrage geantwortet, dass, wenn die Popsängerin tatsächlich mit einem Rosenkranz oder Kreuz im Genitalbereich herumfuchtelt, dies eine Sache für die Staatsanwaltschaft sein könnte. Die Meldung aber war, ich hätte die Veranstaltung verbieten wollen. Das war Unsinn.

Im Wikipedia-Eintrag über Sie finden sich viele skurril anmutende Forderungen wie etwa das Verbot des Madonna-Konzerts oder den Einsatz von bewaffneten Zugbegleitern. Ärgert es Sie, wenn aus 25 Jahren Bundestagsarbeit nur diese Zuspitzungen von Ihnen in Erinnerung bleiben?

Sie müssen nicht alles glauben, was in Wikipedia erscheint. Fakt ist, dass ich eine starke parlamentarische Tätigkeit vorweisen kann und viele Dinge auf den Weg gebracht habe.

Apropos Bundestag: Andrea Lindholz von der Frauen-Union findet, dass Sie mit 73 Jahren alt genug sind, um das Bundestagsmandat 2013 einer Jüngeren, nämlich ihr zu überlassen.

Ich werde mich dazu jetzt nicht äußern, sondern im Kreisvorstand vor den Sommerferien eine Erklärung abgeben. Ich möchte zu bedenken geben, dass unser Bundespräsident 72 Jahre alt war, als er sein Amt angetreten hat. Ich gehe davon aus, dass die Leute, die in der Partei Verantwortung haben, einen Kandidaten oder eine Kandidatin danach auswählen, ob er oder sie kompetent, durchsetzungsfähig und vital ist und welche Chancen er oder sie bei Wahlen hat.

Schon vor vier Jahren hatte Ihr damaliger Herausforderer Thorsten Rollmann an Sie appelliert, einen Nachfolger aufzubauen. Dies ist nicht geschehen. Bedeutet das, Sie werden es auf eine Kampfabstimmung ankommen lassen?

Dazu sage ich nichts. Nur soviel: Ich habe mich durchaus nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin umgesehen. Aber es hat sich nicht so entwickelt, wie ich mir das vorgestellt habe.

Können Sie dazu näheres sagen?

Nein.

Wäre es nicht an der Zeit, dass die CSU am bayerischen Untermain endlich einmal einer Frau eine aussichtsreiche Kandidatur gönnt?

Es geht nicht darum, ob eine Frau oder ein Mann ein Mandat übernimmt, sondern um Kompetenz. Frau Merkel hat nicht deshalb die hohe Zustimmung, weil sie eine Frau ist, sondern weil sie eine hervorragende Arbeit macht.

Heißt das, es gab in den vergangenen Jahrzehnten hier in der Region keine kompetenten Politikerinnen?

Nein. Wir haben durchaus fähige Frauen.

Woran liegt es dann, dass unter den vielen Aschaffenburger CSU-Landtagsabgeordneten seit 1946 mit Marielies Schleicher nur eine einzige Frau war?

Vergessen Sie Ursula Schleicher nicht. Sie war im Bundestag und im Europaparlament und dort Vizepräsidentin. Im Übrigen war auch die SPD bislang seit 1946 nur mit einer Frau im Landtag vertreten, Frau Karin Pranghofer.

Sie sind für das umstrittene Betreuungsgeld. Glauben Sie wirklich, dass monatlich 100 Euro beziehungsweise 150 Euro ein Anreiz sind, um Kinder zu kriegen?

Das Betreuungsgeld ist als Ausgleich für die Frauen vorgesehen, die ihr Kind zu Hause erziehen und nicht in die Kita geben. Aber ich sage auch ganz deutlich: 150 Euro sind zu wenig. Früher zahlte der Bund Erziehungsgeld in Höhe von 300 Euro monatlich.

Wenn Eltern Geld dafür erhalten, dass sie die Krippe nicht in Anspruch nehmen, könnte ich auch Geld fordern, wenn ich nicht in die stark subventionierte Oper gehe.

Das ist ein ebenso bekanntes wie falsches Argument. Man darf Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Es geht um die Wahlfreiheit. Einer Frau, die sagt: Ich kann mein Kind nicht in die Kita geben, weil es unter der Trennung leidet, soll kein finanzieller Nachteil entstehen, wenn sie selbst daheim bleibt und auf eine Erwerbstätigkeit verzichtet oder wenn sie die Betreuung des Kindes anderweitig organisiert. Wir wollen beides, den Ausbau der Kitaplätze und das Betreuungsgeld. Ich verstehe nicht, warum man daraus einen Glaubenskrieg macht.

Sind Kinder Ihrer Meinung nach in einer Krippe genauso gut aufgehoben wie zu Hause?

Eines meiner Enkelkinder geht in eine Krippe. Ich glaube nicht, dass die Kita für ein Kind einen großen Nachteil bringt.

Aber einen kleinen?

Sie müssen davon ausgehen, dass in den ersten drei Jahren die Bindung des Kindes entscheidend ist. Das kann eine Erzieherin nicht in dem Maße leisten wie die Mutter des Kindes.

Als Berufspolitiker waren Sie unter der Woche häufig nicht zu Hause, sondern in Berlin. Bedauern Sie es, dass Sie wenig Zeit für die Kinder hatten?

Ich habe das immer als einen großen Nachteil empfunden.

Kann eine berufstätige Frau ihrer Meinung nach eine gute Mutter sein?

Ja, weil es letztlich auf die Zuneigung zum Kind ankommt. Die Mutter kann dem Kind das sogenannte Urvertrauen vermitteln

Kann es das auch vom Vater bekommen?

Selbstverständlich.

Sie haben Herrn Gauck geraten, seine Lebensgefährtin zu heiraten. Bereuen Sie Ihre Einmischung, die Ihnen vom Tagesspiegel den Titel „bayerischer Taliban“ einbrachte?

Das ist die typische Übertreibung eines Journalisten. Ich habe Herrn Gauck lediglich geraten, seine persönlichen Verhältnisse zu ordnen, damit er nicht angreifbar ist. Mir ging es dabei auch um das Institut der Ehe. Ich möchte hinzufügen, dass ich ihn für einen exzellenten Bundespräsidenten halte.

Sie haben jüngst in einem Interview gesagt, dass Sie Ihr Kind genauso lieben würden, wenn es schwul oder lesbisch wäre. Aber wie kann sich das Kind geliebt fühlen, wenn es weiß, dass Sie Homosexualität für eine Perversion der Sexualität halten.

Das hat doch mit der Liebe des Vaters zum Kind nichts zu tun. Ich kann doch mein Kind lieben, auch wenn es sich zu bestimmten Fragen anders verhält, als ich mir das wünsche.

Sie sind strenggläubiger Katholik. Aus dem Vatikan hört man in jüngster Zeit von Verrat, Intrigen und kriminellen Machenschaften. Erschüttert Sie das?

Der Begriff „strenggläubig“ hat etwas Negatives. Das möchte ich so für mich nicht gelten lassen. Natürlich bedauere ich die Vorgänge im Vatikan.

Beschädigen diese den Papst?

Der Papst hat weltweit ein hohes Ansehen. Vielleicht nicht so sehr in seinem Heimatland Deutschland. Manche Stellungnahmen zum Papst empfinde ich als kleinkariert. Ich glaube nicht, dass der Papst beschädigt wird, weil in seiner Nähe ein Diebstahl begangen worden ist.

Die Fragen stellte Agnes Schönberger

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