http://www.faz.net/-gzg-76h95
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 11.02.2013, 19:23 Uhr

Im Gespräch: Michael zu Löwenstein „CDU für konservative Muslime die richtige Partei“

Zuwanderer geraten immer stärker in den Blick der Politiker. Der CDU-Fraktionschef spricht über Chancen und Schwierigkeiten, die seine Partei bei diesem Thema hat, über Frankfurt als Schmelztiegel und die Willkommenskultur in Deutschland.

© Fricke, Helmut Realist: Michael zu Löwenstein hält die Hinwendung zu Migranten in einer Stadt wie Frankfurt für essentiell.

Die CDU hat vor der jüngsten Kommunalwahl Ezhar Cezairli und Albina Nazarenus-Vetter aufgestellt, um die Kontakte in die türkische beziehungsweise deutschrussische Community zu verbessern. Ist die Rechnung aufgegangen?

Wir haben die beiden Damen zunächst einmal aufgestellt, weil sie überzeugende Persönlichkeiten sind. Aber natürlich wollten wir uns dadurch auch breiter aufstellen, um die Wähler und die Stadtgesellschaft in unserer Fraktion angemessen zu repräsentieren. Weil beide mit guten Ergebnissen gewählt worden sind, hat sich unsere Überlegung bestätigt, dass beide mit ihrer speziellen Ausrichtung gut zu uns passen.

Inwieweit bereichern die beiden die Diskussion in der Fraktion?

Sie sind sehr wichtig. Als Quereinsteiger bringen sie frische Ideen rein. Frau Cezairli hat sehr gute Verbindungen in die türkische Community und ist ja auch Vorsitzende des deutsch-türkischen Clubs. Und der Verein, in dem sich Frau Nazarenus-Vetter sehr engagiert, leistet hervorragende Arbeit aus eigenem Antrieb: Hausaufgabenhilfe, Kinderbetreuung und vieles mehr. Das ist das Gegenteil von Subventionsmentalität. Sie hat in einer Rede in der Stadtverordnetenversammlung eindrucksvoll geschildert, dass man die deutsche Sprache lernen muss und einen großen Willen braucht, sich in diese Gesellschaft einzubringen. Und dass man es schaffen kann.

Sind solche Biographien besonders für die CDU wichtig, weil sie eine Verbindung schaffen zu einer Welt, die nach wie vor vielen Parteimitgliedern eher unbekannt ist?

Solche Biographien sind einfach unersetzlich. Aber das gilt für alle Parteien. Denn alle haben das Problem, dass sich immer weniger Menschen für die Kommunalpolitik interessieren. Das führt dazu, dass die Parteien generell weniger Kontakt zur Stadtgesellschaft haben. Verschärft gilt dieses Problem noch bei all jenen Menschen, die aus anderen Kulturen und Völkern hierherkommen. Die CDU hat aber in der Tat ein ganz spezielles Problem mit einer größeren Distanz vieler Migranten.

Wegen des „C“ im Namen?

Ja, aber auch wegen unserer politischen Haltung zur doppelten Staatsbürgerschaft. Das wird uns oft als feindselige Haltung ausgelegt. Wir müssen da Vorurteile abbauen. Wir, aber auch die anderen Parteien, haben noch längst nicht so viele Mitglieder mit Migrationshintergrund, wie wir sie nach der Bevölkerungsstruktur haben müssten.

Muss die CDU in der nächsten Wahl noch mehr gute Listenplätze für Kandidaten wie Cezairli und Nazarenus-Vetter bereitstellen?

Ich weiß nicht, ob sich das in Listenplätzen ausdrücken muss. Aber dass wir insgesamt viel stärker als bisher auf diesen Teil unserer Mitbürger zugehen müssen, ist klar.

Wie soll das konkret aussehen?

Wir müssen es schaffen, in Gespräche zu kommen. Politisch müssen wir den Schwerpunkt auf frühkindliche Bildung und Sprachförderung setzen. Wenn 70Prozent der unter Sechsjährigen in Frankfurt heute einen Migrationshintergrund haben, und wenn wir wissen, dass diese Kinder bei den Einschulungsuntersuchungen einen höheren Prozentsatz an Sprachproblemen zeigen, dann ist Sprachförderung schlechthin essentiell.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Datenreport Zufriedene Migranten, muffelige Deutsche

Ärmer, aber glücklicher: Einwanderer haben oft weniger Geld und ein niedrigeres Bildungsniveau, zeigt der Datenreport des Statistischen Bundesamts. Trotzdem sind sie optimistischer und zufriedener als die Muffel-Deutschen. Mehr

03.05.2016, 11:15 Uhr | Politik
Video Frauen ohne Grenzen: Anti-Terror-Einheit in der Familie

Die Organisation Frauen ohne Grenzen mit Sitz in Wien will verhindern, dass sich junge Muslime radikalisieren und baut dabei auf die Hilfe ihrer Mütter. In speziellen Kursen sollen sie für Anzeichen der Radikalisierung sensibilisiert werden. Mehr

03.04.2016, 11:25 Uhr | Gesellschaft
Migrationsforscher im Gespräch Die meisten Menschen wollen unbequeme Fakten nicht hören

Der Soziologe Ruud Koopmans kritisiert, dass sich muslimische Migranten zu wenig anpassen würden. Multikulti hält er für fatal, Merkels Türkei-Politik ebenso. In Deutschland wird er bislang kaum gehört – und er ahnt, warum. Mehr Von Sven Astheimer

29.04.2016, 10:42 Uhr | Wirtschaft
Berlin Vorschläge der Union schüren Ängste unter Muslimen

Forderungen nach einer staatlichen Kontrolle von Moscheen in Deutschland stoßen bei vielen Muslimen auf wenig Verständnis. In einem am Freitag veröffentlichten Zeitungsartikel sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder, in einigen Moscheen würden Predigten gehalten, die mit dem deutschen Staatsverständnis nicht in Einklang stünden. Mehr

29.04.2016, 18:14 Uhr | Politik
Nach Programmparteitag So radikal will die AfD Deutschland umbauen

Weniger Fremde, mehr Deutschtum: Mit ihrem Programm will die AfD Deutschland grundlegend verändern – das betrifft nicht nur die Ablehnung des Islam. Eine Auswahl von 20 Forderungen, nach deren Umsetzung das Land nicht wiederzuerkennen wäre. Mehr Von Oliver Georgi

02.05.2016, 14:20 Uhr | Politik

Nicht ohne politische Mitstreiter

Von Michael Hierholzer

Ina Hartwig soll die neue Kulturdezernentin in Frankfurt werden, wenn es nach der SPD geht. Dass sie politisch unerfahren ist, könnte auf dem Posten seine Schwierigkeiten bergen. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen