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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Max Hollein, Leiter von Städel, Liebieghaus und Schirn „Eine der treuesten Seelen der Frankfurter Kultur“

 ·  Er kann auf zahlreiche Erfolgsausstellungen zurückschauen. Aber die Eröffnung des Städel-Erweiterungsbaus 2012 bezeichnet zweifelsohne den bisherigen Karrierehöhepunkt für den Dreifach-Direktor.

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© Wonge Bergmann Arbeitsplatz Museum: Max Hollein im Erweiterungsbau des Städel.

So voll wie 2012 war es in Städel, Liebieghaus und Schirn noch nie. Die Besucherzahl in den drei Häusern hat im vorigen Jahr die Millionengrenze überschritten. Wie wollen Sie das noch toppen?

Es geht nicht darum, das zu überbieten. Die Besucherzahlen sind für uns auch nicht das einzige Kriterium. Darin zeigen sich aber ein besonderes Interesse und eine große Begeisterung für alle drei Häuser.

Spätestens nach der Eröffnung des Städel-Erweiterungsbaus hat einen das Gefühl beschlichen, Sie hätten jetzt so ziemlich alles geschafft, was Sie in Frankfurt erreichen konnten. Zieht es Sie nicht zu neuen Taten und an einen anderen Ort?

Ich hatte gehofft, dass diese Frage nicht kommt.

Viele stellen sie in der Stadt.

Ja, ich höre sie auch immer wieder - tatsächlich schon seit Jahren. Aber die große Aktivität, die hohen Besucherzahlen, die vielen Initiativen bringen doch auch zum Ausdruck, dass ich nach wie vor mit voller Kraft hinter den drei Häusern stehe und auch für deren Zukunft plane. Ich bin mittlerweile der am längsten dienende Direktor der Schirn und damit eine der treuesten Seelen der Frankfurter Kultur. Frankfurt ist die Stadt, in der ich sehr gerne wohne und arbeite. So möchte ich es auch weiter halten. Dennoch bin ich 43 Jahre alt und denke, es wird irgendwann in meinem Leben noch die eine oder andere Wendung geben.

Fällt die Frankfurter Kultur in ein schwarzes Loch, wenn Sie weggehen?

Ganz bestimmt nicht. Aber noch einmal: Das steht auch derzeit nicht zur Diskussion.

Dass sich der Erfolg ziemlich gleichmäßig auf alle drei Ausstellungsinstitutionen verteilt, scheint auch darin begründet, dass ihre Leitung in einer Hand liegt.

Es gibt gewisse Synergieeffekte, allerdings mehr unterhalb der Oberfläche. Wir legen starken Wert darauf, dass die Häuser eigenständig bleiben und auch als solche wahrgenommen werden. Was mich besonders freut: Wenn ein Haus eine sehr starke Resonanz erfährt, leiden die anderen Häuser nicht darunter. Dabei wurde, als ich das Städel übernommen habe, prophezeit, dass nun die Schirn vernachlässigt werde.

Was sind die wichtigsten Gründe für den großen Publikumszuspruch?

Der Erfolg der Schirn ist auf die Programmpolitik zurückzuführen und auf die Treue, das Interesse der Besucher. Beim Städel gibt es ein großes Besucherinteresse auch wegen der Erweiterung für unsere zeitgenössische Sammlung: Die Besucher sind jünger, das Besucherspektrum breiter geworden. Aber insgesamt haben wir in allen drei Häusern ein treues Stammpublikum.

Gibt es noch Potentiale?

Unter den Besuchern sind deutlich mehr Frauen als Männer. Hier haben wir noch einiges zu leisten. Die Männer sind unser Wachstumsmarkt. Bei der Munch-Ausstellung hatten wir einen Besucherinnenanteil von 68 Prozent.

Wie wollen Sie die Männer ansprechen? Mit einer Playboy-Lounge?

In dieser Hinsicht bleiben wir lieber bei unseren bewährten Medienpartnern. Trotzdem: Beim männlichen Publikum muss man früh ansetzen, um es zu gewinnen. Wenn Sie sich unser Vermittlungsprogramm für Jugendliche anschauen, dann sehen Sie, dass wir eigene Programme für Jungs haben.

Überhaupt geht es ja doch darum, das Besucherinteresse dauerhaft und nicht nur von Event zu Event an die Kunstinstitutionen zu binden. Wie kann das in einer Stadt wie Frankfurt gelingen?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt, an dem wir sehr stark arbeiten. Man darf nicht vergessen, dass der größere Anteil der Besucher, in der Regel 60 bis 65 Prozent, aus der Region kommt. Dieses Publikum an das Haus zu binden, eine fortwährende Beziehung mit ihm aufzubauen und zu führen ist eine wesentliche Aufgabe für uns. Wenn eine Institution mit einem guten internationalen Ruf es nicht schafft, zuallererst ein regionales Publikum zu erreichen und zu begeistern, dann ist die Mission nicht erfüllt. Dazu bedarf es nicht nur programmatischer Glaubwürdigkeit, sondern auch zielgruppenspezifischer Kommunikation. Ich meine damit jetzt nicht Werbung, sondern Kommunikation, in der es vorrangig um Inhalte geht.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Zur Raffael-Ausstellung im Städel haben wir über unsere Website vorab einen Einführungskurs angeboten, mit dem man sich in fünf Folgen auf die Ausstellung vorbereiten konnte. Da helfen uns gerade auch viele Initiativen auf dem Gebiet der digitalen Technologien. Das Städel sollte gerade als Bürgerstiftung eine Vorreiterrolle in der Kommunikation und Vermittlung spielen. So wollen wir auch nicht nur mit den vielen Spendern, sondern mit allen, die im Zusammenhang mit der Städel-Erweiterung näher an die Institution herangerückt sind, weiter im Dialog bleiben. Auch gehen die Internet-Auftritte aller drei Häuser längst weit über rein serviceorientierte Informationsplattformen hinaus.

Derzeit ist in Frankfurt ein Thema, wie auch kulturferne Kreise an die Kunst herangeführt werden können. Wie gehen Sie damit um?

In den letzten Jahren haben wir schon einiges in dieser Richtung getan, wir werden das auch noch verstärken. Gewisse Gruppen an eine kulturelle Institution heranzuführen bedarf einer intensiven Vermittlungsarbeit. Das Museum ist nicht nur ein Ort, sondern hat auch eine Funktion, eine der Bildung, der Vermittlung. Das kann auch außerhalb unseres physischen Gebäudes passieren, ob das jetzt im digitalen Raum ist oder indem wir an andere reale Orte gehen.

Wenn es dann aber doch zu einem Museumsbesuch kommt, werden Sie nicht umhinkönnen, auf die Einhaltung bestimmter Regeln zu pochen und schwierigere Inhalte zu erklären. Müssen Sie ein Stück bürgerlicher Erziehung nachholen?

Nein, wir versuchen, die Regeln so simpel und so wenig autoritär zu gestalten, wie das möglich ist. Wir wünschen uns ein heterogenes Publikum. Es geht nicht darum, Inhalte zu nivellieren, sondern wir müssen das, was wir haben, auf unterschiedliche Weise vermitteln. Bei der „schwarzen Romantik“ bieten wir sechs verschiedene Kataloge an, je nachdem, wie jemand in dieses Thema einsteigen will, und es gibt zum Beispiel allein fünf unterschiedliche Audiotouren durch das Städel.

Wie sehen Sie die Zukunft des Phänomens Kunsthalle, das ja immer wieder totgesagt wird?

Das inhaltliche Betreiben einer Kunsthalle als Institution ohne Sammlung wird immer schwieriger, gerade auch wenn man sich inhaltlich nicht nur der zeitgenössischen Kunst widmet, sondern auch dem 19.Jahrhundert und der Moderne. Es wird künftig weniger geben, die das in dieser Form weitermachen. Das hat mit Ausleihpolitik und Versicherungssummen zu tun. Umso mehr ist die Schirn sicherlich innerhalb Europas ein herausragendes Beispiel für eine erfolgreiche und programmatisch interessante Institution. In Hinsicht auf Leihgaben war es im letzten Jahr eindrucksvoll, was an Munch- oder auch Jeff-Koons-Werken zusammengekommen ist. Aber auch die „Parkettschleifer“ von Caillebotte sind nach Frankfurt gereist, eines der fünf bekanntesten Werke aus dem Musée d’Orsay. Das war eine große Geste von Seiten der Pariser Institution. Die Schirn hat sich einen so guten Ruf in der Fachwelt erworben, dass wir immer wieder exzellente Leihgaben bekommen und auch bedeutende Ausstellungen konzipieren, die danach an andere Museen weitergegeben werden. Und ja, es hat langfristig auch nicht geschadet, dass der Direktor der Schirn auch Direktor des Städel ist. Aber die Sammlung des Städel ist nicht so riesig, dass sie alles kompensieren könnte, zumal das Städel selbst ja auch sehr aktiv Ausstellungen macht.

Muss man heute nicht tricksen und große Namen ins Feld führen, um das Publikum in eine Kunsthalle zu bekommen, obwohl die Werke, die ausgeliehen werden können, die Erwartungen gar nicht erfüllen?

Wir tricksen gerade nicht, das sage ich ganz klar. Die Schirn kann - weil sie nicht alle wichtigen Werke weltweit bekommen würden - zum Beispiel nicht die große Cézanne-, Picasso- oder Van-Gogh-Retrospektive machen und will es auch nicht. Wir haben den interessanteren und ehrlicheren Weg gewählt: Wir werfen, wenn es um berühmte Namen geht, interessante Thesen auf und machen Entdeckungen im Œuvre eines Künstlers.

Hat sich das Städel mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus in seinem Wesen verändert?

Ich hoffe nicht. Ich glaube, dass wir vielmehr das Wesen dieses Museums - als Institution, in der Sie die Entwicklung der Kunst von der Neuzeit an verfolgen können - wieder klarer herausgestellt haben. Wer das Städel durchwandert, erlebt nicht nur 700 Jahre Kunstgeschichte unter einem Dach, sondern auch verschiedene Epochen der Architektur. Das Städel sammelte schon seit jeher zeitgenössische Werke, aber als Yves Klein und Gerhard Richter noch im Treppenhaus hingen, war die Wirkung dieser Werke eine andere als jetzt, wo sie in einem angemessenen Kontext und mit einer massiv erweiterten Sammlung in diesem Bereich gezeigt werden. Wir sind dabei der Logik der Institution gefolgt.

War die Koons-Schau eine Wende für das Liebieghaus?

Nein, es war keine Wende, wir sahen es als eine einmalige Chance, einen der wichtigsten und interessantesten, auch meistdiskutierten Künstler der Gegenwart zu präsentieren, der sich mit dem Skulpturbegriff auseinandersetzt und dies in Dialog mit der Sammlung des Liebieghauses bringt. Es war ein faszinierendes Experiment und aus meiner Sicht höchst erfolgreich und inspirierend. Das Liebieghaus wird aber sicher nicht einen Schwerpunkt für zeitgenössische Interventionen entwickeln. Es hat eine sehr klare programmatische Identität: ein bedeutendes Skulpturenmuseum, das stark vom Geist Winckelmanns geprägt ist. Die Sammlung endet im Klassizismus.

Auf welche Ausstellungen im neuen Jahr freuen Sie sich besonders?

Auf die „letzten Bilder“ in der Schirn, da wird es wunderbare Gegenüberstellungen geben, etwa Spätwerke von Monet und Manet, mit Leihgaben, bei denen einem die Augen übergehen werden. Die Ausstellung läuft parallel zur Yoko-Ono-Schau. Dass Yoko Ono, eine Figur der Zeitgeschichte, ihren 80.Geburtstag mit einer Ausstellung in der Schirn feiert, ist eine Auszeichnung für uns. Aber es freut offensichtlich auch die Künstlerin. Im Liebieghaus werden wir ab Februar ein neues Bild der antiken Skulptur entstehen lassen, und im Städel wird die Kunst des Klassizismus einziehen.

Die Fragen stellte Michael Hierholzer.

Quelle: F.A.Z.
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