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Veröffentlicht: 19.11.2012, 18:53 Uhr

Im Gespräch: Martin Wentz „Die Stadt wächst in Ringen“

Nach Ansicht des früheren Planungsdezernenten Martin Wentz (SPD), der heute als Projektentwickler tätig ist, gibt es noch viele Flächen in Frankfurt, die bebaut werden könnten. Wohnungssuchende ins Umland zu schicken, lehnt er ab.

© Röth, Frank Sieht die andere Form der Innenentwicklung als „die schleichende Nachverdichtung einer Stadt“: Martin Wentz.

Das Bauen wird immer komplizierter im dichter werdenden Frankfurt. Angesichts des zur Neige gehenden Wohnbaulands und der stark steigenden Mieten: Genügt die reine Innenentwicklung, um den Druck vom Wohnungsmarkt zu nehmen? Müsste Frankfurt nicht stärker nach außen wachsen, wo schnell und günstig Wohnraum entstehen könnte?

Man sollte zunächst die Innenentwicklung genauer analysieren. Die Konversion, also die Änderung der Flächennutzung als die eine Form der Innenentwicklung, funktioniert in der Regel gut und löst wenige Auseinandersetzungen aus. Die andere Form der Innenentwicklung ist die schleichende Nachverdichtung einer Stadt. Dieser Prozess läuft in der Regel relativ langsam und deswegen auch sozialverträglich. In dem Moment, wo ich ihn forciere und zur wesentlichen Aufgabe der Stadtentwicklung erhebe, erhöhe ich natürlich den Widerstand. Ein Konzept der Innenentwicklung ist immer ein richtiges Konzept. Aber um des Konsenses in der Bevölkerung willen würde ich es nicht zum Primat der Stadtentwicklung machen.

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Wie kann die Stadt durch Konversion wachsen?

Innenentwicklung durch Konversion ist ein typischer Prozess aller Städte seit Jahrhunderten: Die eher belastenden gewerblichen Unternehmen waren früher am Stadtrand angesiedelt. Die Stadt wuchs, und die früher gewerblichen Flächen konvertierten zu neuen Stadtquartieren. Als 1880 der Beschluss gefasst wurde, die Frankfurter Bahnhöfe an der Taunusanlage zusammenzulegen zu dem neuen Hauptbahnhof, entstand auf einem früheren Gleisfeld das neue Bahnhofsviertel. Zur selben Zeit hat sich im Osten der Stadt das Fischerfeldviertel, auf dem früher ein Schlachthof war, als neues Stadtquartier entwickelt. Den Schlachthof verlegte man auf das Sachenhäuser Ufer, damals weit außerhalb der Stadt. So wurden die gewerblichen Flächen in einem Rhythmus von vielen Jahrzehnten immer wieder nach außen geschoben. Die Stadt wuchs, indem die jetzt frei von Gewerbe gewordenen Flächen zu neuen Stadtvierteln mutierten. Die Stadt wächst organisch in Ringen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg: Die belastenden und flächenintensiven Gewerbe rücken immer wieder nach außen und werden viele Jahrzehnte später wieder von der wachsenden Stadt eingeholt.

Die letzten Konversionsflächen sind bald aufgebracht. Wo könnten neue hinzukommen?

Viele gewerbliche Unternehmen brauchen hervorragend erschlossene Flächen am Stadtrand, wo die Grundstückspreise niedrig sind und noch größere Grundstücke zur Verfügung stehen. Dort ist man nicht eingeschnürt durch die heranwachsende Stadt. Wir haben in den neunziger Jahren diesen Prozess genutzt, indem der Westhafen und das Schlachthofgelände aufgelassen wurden und neue Stadtteile entstanden. Dieser Prozess ist nie zu Ende. Ich kann ihn als Kommunalpolitiker beschleunigen und verzögern, aber ich kann ihn nicht aufhalten, weil dahinter ökonomische Zwänge stehen. Für die Gewerbebetriebe und für die Stadtentwicklung, um dem Wachstumsdruck auch nachgeben zu können. Eigentlich müsste man die belastenden Industrieanlagen weit nach außen legen. Dann haben sie wieder hundert Jahre Ruhe.

Aber dauert das nicht viel zu lange? Wenn man zum Beispiel ein neues Gewerbegebiet anlegen würde, um die größtenteils nicht hafenaffinen Nutzungen aus dem Osthafen zu verlagern, wären ja mehrere Jahrzehnte notwendig. Brauchen wir nicht schnell Erleichterung auf dem Wohnungsmarkt? Die Bevölkerung wächst rasant, verbunden damit sind Wachstumsschmerzen wie die steigenden Mieten.

Stadtentwicklung ist ein relativ langsamer Prozess. Wenn wir Stadtentwicklung in der Fläche betrachten, egal, ob Innen- oder Außenentwicklung, haben wir es immer mit Prozessen zu tun, die mindestens ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns nicht nur auf den laufenden Projekten ausruhen, sondern dass in dem Moment, wo man ein Projekt angeschoben hat, schon das nächste geplant wird. Nur so kommt mehr Kontinuität in die Stadtentwicklung. Sonst entsteht Druck, ganz schnell zu bauen, aber man weiß nicht mehr, wo es noch geht.

Wo sehen Sie noch Potential für die Innenentwicklung?

Die Stadt entwickelt zum Beispiel im Frankfurter Osten entlang der Hanauer Landstraße bis zum Ratswegkreisel einen Stadtteil, ohne dass Wohnen dort zugelassen wird. Ich rede nicht über den Osthafen! Das ist keine glückliche Lösung.

Aber das hängt zusammen mit Entwicklungshemmnissen wie der nahegelegenen Gefahrguthalle und den aus der Seveso-II-Vorschrift resultierenden Mindestabständen für Wohnungen zu Störfallbetrieben.

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