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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Lutz Raettig „Banker müssen zeigen, welchen Nutzen sie bringen“

 ·  Banker und Finanzexperten wollen heute auf dem „Finance Summit“ in der Goethe-Universität über Folgen der Krise diskutieren. Eine Finanzsteuer wäre gefährlich, findet Organisator Lutz Raettig.

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Josef Ackermann geht nach Zürich, Axel Weber ist schon da. Ist es am Zürichsee am Ende doch schöner als am Main?

Wer Berge und Seen mag, wird sich vielleicht in Zürich wohler fühlen als in Frankfurt. Aber die beiden Finanzplätze sind überhaupt nicht vergleichbar. Frankfurt ist das wichtigste Finanzzentrum Europas größter Volkswirtschaft, ist viel internationaler und spielt mit seinem Leistungsangebot in der globalen Champions League. Zürich ist wichtiger als Zentrum für das Privatkundengeschäft.

Wie geht es denn in Frankfurt weiter? Droht hier ein größerer Stellenabbau durch die Krise?

Ein klares Nein! Die Stellenstreichungen einzelner Institute finden nicht in Frankfurt statt. Und es ist nicht so, dass ausländische Banken ihre Mitarbeiter hier abziehen - auch wenn sich einige stärker auf ihre Heimatmärkte konzentrieren. Die Zahl der Mitarbeiter in Frankfurter Kreditinstituten liegt bei 73.600. Das sind sogar 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr, und auch über einen längeren Zeitraum hinweg hält sich die Zahl bereits konstant.

Viele Häuser haben doch zum Beispiel ihren Eigenhandel eingestellt.

Dafür werden andere Abteilungen verstärkt, das Risikomanagement, das Controlling oder die Abteilungen, die sich um die Refinanzierung kümmern, zum Bespiel. Ein wichtiger Vorteil Frankfurts ist die enge Bindung an eine sehr stabile Volkswirtschaft. Die Banken konzentrieren sich hier auf das Geschäft mit Unternehmen anstatt nur auf reine Finanzmarktgeschäfte.

Aber Häuser wie die Commerzbank und die DZ-Bank mussten hohe Verluste in Griechenland verkraften.

Entscheidend ist, dass das Finanzsystem insgesamt weiter funktioniert. Und das ist hier absolut gegeben: Die drei Eckpfeiler des Finanzplatzes, die Börse, die Banken und die Notenbanken, entwickeln sich sehr stabil und stärken damit den Finanzplatz.

Bei der Commerzbank ist die Krise zum Dauermodus geworden. Vorstandschef Martin Blessing hat aus Sparzwang sogar schon die Mitgliedschaft in dem von Ihnen geführten Verein Frankfurt Main Finance zurückgefahren.

Es gibt immer einmal Zeiten, in denen Unternehmen jede Ausgabe und jedes Engagement überprüfen müssen. Aber die Commerzbank unterstützt uns in vielen Projekten weiter.

Ist Frankfurt weiter für Auslandsbanken attraktiv?

Es ist keine weggelaufen. Im Gegenteil: Mit der vietnamesischen Vietinbank hat kürzlich erst eine neue Niederlassung in Frankfurt eröffnet.

Zieht der Werbespruch „City of the Euro“ im Ausland noch oder verschweigen Sie das angesichts der Euro-Schwäche inzwischen lieber?

Der Euro ist und bleibt trotz aller Herausforderungen eine Erfolgsgeschichte - für Frankfurt, aber auch generell. Er ist eine wichtige Alternative zum Dollar als Anlagewährung geworden und wird das auch bleiben. Die Europäische Zentralbank ist eine der wichtigsten Refinanzierungsquellen der Banken.

Vor der EZB hat sich das Occupy-Camp inzwischen zur Dauereinrichtung entwickelt. Waren Sie einmal da?

Ja, ich habe mit einigen auch gesprochen. Aber der Bewegung fehlt das Profil, es ist nicht so recht zu erkennen, wogegen sie eigentlich genau protestieren. Aber man muss solchen Protest natürlich trotzdem ernst nehmen.

Es zeugt ja auch vom schlechten Bild der Banker in der Öffentlichkeit. Vor drei Jahren haben Sie gesagt, dass Sie teils sogar im Freundeskreis angefeindet würden. Hat sich das gebessert?

Es wird weniger aggressiv auf die Banker zugegangen, aber wir haben das noch nicht hinter uns. Die Banker müssen besser zeigen, welchen Nutzen sie zum wirtschaftlichen Wachstum beitragen und dass sie keine Hasardeure sind. Das lässt sich nicht mit ein paar Glamourauftritten machen, sondern das ist Kärrnerarbeit.

Viele fänden es schon gut, wenn sich die Banken an den Kosten der Krise beteiligten, zum Beispiel über eine Finanztransaktionssteuer. Was spricht dagegen?

Die Steuer kann gefährlich sein. Würde sie nicht in ganz Europa eingeführt, würde viel Geschäft von hier abwandern, zum Beispiel nach London. Außerdem würden am Ende die privaten Sparer mit ihren Altersvorsorge-Anlagen die Steuer mitzahlen.

Aber in London gibt es doch schon eine Stempelsteuer auf Finanzgeschäfte.

Die Stempelsteuer wird aber nur sehr stark eingeschränkt und mit vielen Ausnahmen durchgesetzt.

Jeder Kunde, der eine Tafel Schokolade kauft, zahlt doch auch Steuern.

Finanzgeschäfte sollen die Kreditversorgung der Wirtschaft sicherstellen oder die Altersvorsorge. Das sind viel weiter in die Zukunft gerichtete Geschäfte als der Kauf einer Tafel Schokolade. Die Steuer würde daher der gesamten Volkswirtschaft schaden.

Sie waren großer Verfechter der Börsenfusion mit New York.

Und zu der Position stehe ich immer noch.

Was sagen Sie zu dem Verbot der EU-Kommission?

Mit Blick auf die Versuche, unregulierten Börsenhandel auf regulierte Plattformen zu übertragen, ist das eine vertane Chance. Auch wird sich die Industrie zwangsläufig weiter konsolidieren müssen, um auf den globalen Märkten sinnvoll agieren zu können. Dieser Prozess wurde nun ausgebremst.

Wie geht es weiter mit der Börse?

Stark genug ist die Deutsche Börse auch allein. Das Modell, neben dem eigentlichen Handel auch noch nachgelagerte Dienstleistungen anzubieten, ist erfolgreich. Der größte Kritiker dieses Modells war immer die London Stock Exchange, und die versucht jetzt, genau das gleiche aufzubauen. Die Börse wird weiter unter Preisdruck stehen. Banken haben nicht mehr so viele Möglichkeiten, ihre Erträge zu steigern, deshalb müssen wir immer sehen, wo wir Kosten senken können.

Aber die meisten Banken und vor allem viele Banker verdienen doch weiterhin bestens.

Banken verdienen schwankend und im Trend eher weniger. Viele müssen ihre Geschäftsmodelle überdenken. Dann wird auch weniger verdient, weil die neuen Kapitalvorschriften erfüllt werden müssen. 25 Prozent Eigenkapitalrendite sind heute nicht mehr realistisch. So wird auch das Thema Auslagerungen und Kräftebündeln wieder wichtiger.

Werden denn die selbsternannten „Masters of the Universe“ im Investmentbanking auch weniger verdienen?

Ich glaube schon. Viele Banken haben die Vergütungsmodelle umgestellt, um auch so Übertreibungen zu verhindern.

Wann ist endlich einmal keine Krise mehr?

Das weiß ich nicht. Klar ist aber, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen: Finanzbranche und Aufsichtsbehörden, Regulatoren und Wissenschaft. Eine wichtige Diskussionsplattform dafür ist der Frankfurt Finance Summit. Das ist einer unserer Beiträge zur Bewältigung der Krise.

Die Fragen stellte Tim Kanning.

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