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Im Gespräch: Klaus-Jürgen Etzrodt „Manchmal muss man einen Verein auch sterben lassen“

 ·  Klaus-Jürgen Etzrodt hat einen Beruf und eine Berufung. Als städtischer Mitarbeiter verwaltet er die Großhallen der Stadt. Und als Vorsitzender eines Vereins, der 1200 Vereine koordiniert und berät, kämpft er für das Ehrenamt.

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In wie vielen Vereinen sind Sie Mitglied?

In fünf: bei den Freunden Frankfurts, im Karnevalsverein 13. Husaren, im Großen Rat der Frankfurter Karnevalsvereine, im Stadtverband Frankfurter Vereinsringe und beim SV Bonames.

Wie viel Zeit investieren Sie in der Woche für Ihre Vereinstätigkeiten?

Zirka 15 Stunden.

Ist man erst dann ein gutes Vereinsmitglied, wenn man so viel Zeit für den Verein übrig hat?

Das kann man so allgemein nicht sagen, denn das hängt von der Aufgabe ab, die man in einem Verein hat. Zum Beispiel muss ein Schatzmeister oder anderer Funktionsträger mehr Zeit aufbringen als ein einfaches Vereinsmitglied. In der Zeit, in der ich für den Stadtverband tätig bin, verbringe ich viele Stunden mit dem Besuch von Veranstaltungen, Sitzungen und Versammlungen. Aber das macht auch Spaß, nicht alles ist also ein aufreibendes Engagement.

Trotzdem muss man Zeit investieren, wenn man sich in einem Verein engagiert. Schreckt das nicht viele junge Leute ab?

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Viele junge Menschen konsumieren die Angebote der Vereine, spielen also Fußball oder tun andere Dinge. Das ist ja auch gut so, denn dafür sind Vereine ja da. Aber den Schritt, Verantwortung im Verein zu übernehmen, machen immer weniger junge Leute.

Haben Vereine ein Imageproblem?

Nein. Aber trotzdem geht das ehrenamtliche Engagement überall zurück. Außerdem haben wir in der Stadt eine hohe Fluktuation in der Bevölkerung. Die Menschen kommen und gehen und auch Eltern engagieren sich nicht mehr so wie früher, fahren Kinder eben nicht mehr zum nächsten Auswärtsspiel.

Warum ist das so?

Eltern liefern ihre Kinder im Kindergarten und im Sportverein ab. Damit ist das Thema für sie erledigt.

Gibt es Vereine, die dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten geraten?

Das ist schwer zu sagen. Meist findet sich immer eine Lösung. Aber natürlich kann es dazu kommen, dass ein Sportverein eine weitere Mannschaft nicht gründen kann, weil Betreuer fehlen. Schlechter sieht es etwa bei Karnevals- oder Gesangsvereinen aus: Die leiden unter Nachwuchsmangel.

Was muss ein Verein tun, um erfolgreich zu sein?

Es gibt Selbstläufer, vor allem im Sport. Da gibt es immer wieder Idole, Fußballer zum Beispiel. Das merken Vereine nach einer Europameisterschaft dann an steigenden Eintrittszahlen, auch von jugendlichen Migranten, von denen viele Fußball spielen. Außerdem gibt es viele Vereine, in denen ganze Familien engagiert sind und das an die nächste Generation weitergeben. Kleinere Vereine müssen mehr für sich werben, auch im Internet. Aber man kann eben nicht immer erfolgreich sein, und manchmal muss man einen Verein einfach sterben lassen.

Apropos Migranten: Es wird gerne gesagt, die Vereine seien wichtig für die Integration. Stimmt das?

Ja. In den Vereinen wird mit dem Menschen nämlich so umgegangen, wie sie sind. Dort wird nicht künstlich eine Integrationspolitik betrieben. Außerdem gibt es in den Vereinen viele Diskussionen, die über das Vereinsleben hinausgehen, über den Stadtteil zum Beispiel. Das kann dazu beitragen, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich als Frankfurter heimisch fühlen und dass Vorurteile abgebaut werden. Da haben Vereine einen große Chance, die sie auch nutzen. Diese ausgeprägte Integrationsfähigkeit greift im Übrigen nicht nur bei Menschen mit Migrationshinweis, auch ältere Menschen finden in unseren Vereinen Heimat und Kontakt.

Es gibt auch Vereine, die von Migranten gegründet worden sind. Sind die auch Mitglieder im Stadtverband Frankfurter Vereinsringe?

Viele sind Mitglied bei uns. Das reicht von der Griechischen Gemeinde in Bockenheim bis zu den Spanischen Eltern in Bornheim.

Was genau macht der Stadtverband?

Wir führen in Frankfurt einen relativ soliden Bestand von 1200 Vereinen. Organisiert sind diese Vereine in 35 Vereinsringen, die bilden in den einzelnen Stadtteilen jeweils die Klammer und sind erster Ansprechpartner bei Problemen. Eine solche Klammer ist wichtig: Es sind etwa 330.000 Frankfurter in den 1200 Vereinen organisiert. Hinzu kommen vielleicht noch einmal 200 bis 300 Vereine außerhalb unserer Organisation, religiöse und politische Vereine vor allem, die nicht in allen Vereinsringen zugelassen sind.

Fast jeder zweite Frankfurter ist Mitglied in einem Verein?

Ja. Und wir als Stadtverband versuchen, die Entwicklung zu steuern. Seit mehr als zwei Jahren schulen wir zum Beispiel die Mitglieder in den Vereinsringen - im Steuerrecht, in der Kommunikation, in der Präsentation. Das machen wir, weil es immer schwieriger wird, Leute zu finden, die Verantwortung übernehmen. Wir sind der Meinung, dass das nicht nur damit zu tun hat, dass es solche Leute nicht mehr gibt, sondern auch damit, dass viele sich das nicht zutrauen. Sie wollen wir mit den Fortbildungen stärken.

Sportvereine haben es vermutlich leichter als Spartenvereine, weil sie ein breiteres Angebot haben.

Ja, das ist so. Jemand, der von weit herkommt, ist zum Beispiel weniger dazu geeignet, in einem Verein zur Förderung des deutschen Liedguts mitzumachen. Oder nehmen wir den Karneval. Das ist auch nicht unbedingt eine Sache, die in allen Ländern dieser Welt so hochgehalten wird - von Brasilien mal abgesehen.

Gibt es Stadtteile in Frankfurt, in denen es besonders viele oder besonders wenige Vereine gibt?

Ganz eindeutig. In der Innenstadt finden sich so wenige Vereine, dass es keinen Vereinsring gibt.

Woran liegt das?

Es gibt dort kaum Räume oder Hallen, in denen sich Vereine treffen können.

Also gibt es viele Vereine dort, wo sich Menschen besonders gut treffen können?

Ja, aber auch da, wo viele Menschen leben, zum Beispiel in Bornheim und in Sachsenhausen. Dort ist für Vereine auch eine relativ gute Infrastruktur vorhanden. Wichtig ist außerdem eine gewisse Vereinstradition in den Stadtteilen, die sich vor allem auch bei Großveranstaltungen zeigt. Das Höchster Schlossfest zum Beispiel gibt es seit 56 Jahren. Das schweißt die Vereine dort zusammen.

Werden die Vereine von der Kommunalpolitik ausreichend unterstützt?

Die Vereine werden gut unterstützt. Aber natürlich könnte es noch besser sein. Im Moment haben wir eine Riesenhaushaltsdebatte. Aber jeder Euro, der in die Vereine investiert wird, ist sinnvoll. Die Vereine gestalten für viele Menschen in Frankfurt ganz wesentlich die Freizeit. Deshalb ist es unheimlich wichtig, sie weiter zu fördern. In diesem Zusammenhang habe ich große Hoffnung, dass die Saalbau als wichtigster Anbieter von Räumen für unsere Vereine unter dem Dach der ABG Holding auch weiterhin ausreichend Räumlichkeiten zu bezahlbaren Preisen für unsere Vereine zur Verfügung stellen kann und nicht Unternehmen oder private Mieter mit Blick auf die Einnahmen bevorzugt. Für viele Vereine würde dadurch die Grundlage entfallen, das könnten wir auf keinen Fall tolerieren.

Sich in Vereinen zu organisieren gilt als typisch deutsch. Warum ist das so?

Ich finde, das ist eine vernünftige deutsche Eigenart. Ist irgendwo ein Engländer, gründet er einen Club. Zwei Deutsche oder Menschen, die in unserem Land leben, gründen halt einen Verein. In vielen Ländern, wie zum Beispiel in den USA, gibt es so ein Vereinsleben kaum, die beneiden uns oft. Es ist typisch deutsch, aber nicht alles, was typisch deutsch ist, muss schlecht sein.

Die Fragen stellten Tobias Rösmann und Stefan Toepfer.

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