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Im Gespräch: Henning Scherf „Selbst singen euphorisiert“

 ·  Der frühere Bremer Bürgermeister will mit dem gestern eröffneten Deutschen Chorfest demonstrieren, welche Befriedigung das Singen in einem Chor bieten kann.

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Macht das Singen glücklich?

Die Chance besteht. Ein Patentrezept zum Glücklichwerden ist das Singen natürlich nicht. Aber ich kenne viele Menschen, die ein Leben lang in Chören gesungen, hier ihre Persönlichkeit entwickelt haben und Freundschaften pflegen. Für die ist das Singen eine Lebensmitte.

Singen Sie selbst?

Ja. Nicht nur in der Badewanne. Ich gehöre dem Bremer Rats-Chor an, bin sogar dessen Vorsitzender. Wir singen zum Beispiel die h-Moll-Messe von Bach oder das Brahms-Requiem. Ich beobachte gerade bei den älter werdenden, allein lebenden Frauen, dass sie sich in diesem Chor aufgehoben fühlen.

Bietet ein Chor Heimat?

Na klar. Man kann zum Beispiel mit Leuten, die dement sind, noch singen. Wenn die Sprache nicht mehr funktioniert, ist Musik eine Möglichkeit der Kommunikation.

Ist Musik tatsächlich so tief im Gedächtnis verankert?

Offenbar. Ich habe mit Menschen gesungen, die nicht mehr ihren Namen kennen. Die singen Volkslieder oder Kirchenlieder von der ersten bis zur letzten Strophe und sind dabei glücklich. Man sieht ihnen das an den Augen an. Ist das nicht toll? Ich habe die wunderbarsten Geschichten mit altersverwirrten Menschen erlebt, die über das Singen noch an der Gesellschaft teilnehmen.

Die Menschen sind den ganzen Tag von Musik umgeben. Weshalb sollen sie noch selbst singen, wenn die Profis das viel besser können?

Wenn man vom Konsumenten zum Produzenten wird, bedeutet das für die menschliche Persönlichkeit einen Qualitätssprung. Selber singen, mit anderen Musik machen, und dann noch die Erfahrung machen, dass sich etwas entwickelt, dass man immer besser wird: Das ist ein wunderbares, euphorisierendes Gefühl.

Früher wurde in jeder Grundschule gesungen. Das ist verlorengegangen. Ist dieser Verlust verschmerzbar?

Nein. Das ist ein richtiger Kulturverlust. In Frankfurt ist aber gerade eine Gegenbewegung im Entstehen. Alle Grundschulen hier haben sich vorgenommen, wieder im Unterricht zu singen.

Sprechen Sie vom Primacanta?

Ein vorbildliches Projekt. Es spricht sich langsam herum, wie begeistert die Grundschulkinder mitmachen. Auch die Migrantenkinder. Ich habe den Eindruck, dass das Singen wieder im Kommen ist. Wir haben inzwischen mehr als 5000 Kindergärten in Deutschland, die jeden Tag singen. Kinder, die singen, lernen früher sprechen, sie lernen sich hinzustellen, ohne Blödsinn zu machen, sie werden durch das Singen wirklich gefördert.

Ist Singen für Kinder so wichtig wie Rechnen und Lesen?

Ja, das würde ich sagen. Singen ist für pubertierende Kinder einen Lebenshilfe ohnegleichen. Im Chor fremdeln sie nicht, da gehören sie dazu. Da spielt keine Rolle, ob einer ein bisschen Babyspeck mehr hat. Sie stehen da, holen ihren Ton, lernen richtig atmen und finden über das Singen zu ihrem Körper. Das ist, übrigens auch für Alte, fast wie eine Heilgymnastik.

Sagt der frühere Spitzenpolitiker Scherf den Bildungspolitikern, dass sie hier etwas tun müssen?

Aber ja. Und ich habe den Eindruck, dass die Botschaft langsam ankommt. Petra Roth hat hier in Frankfurt Primacanta begeistert propagiert. Auch in Nordrhein-Westfalen tut sich was. Jedes Kind dort soll ein Instrument bekommen. Wir sagen, dass jedes Kind mindestens singen soll. Auch in Rheinland-Pfalz wird das Singen in den Schulen wieder gefördert. Ich spüre, dass da etwas in Gang kommt. Jahrzehntelang wurde gespart und die Musik runtergefahren. Da scheint sich zum Glück etwas zu ändern.

Der deutsche Männergesangsverein gilt als Inbegriff der Spießigkeit. Wie sieht das Leitbild eines modernen Chors aus?

Wir hatten große Rückschläge wegen der Nazis, die haben aus Singen Brüllen gemacht. In der Apo und der Studentenbewegung galt Singen als reaktionär. Am besten gewinnen wir die Kultur des Singens wieder zurück, wenn wir bei den Kleinen anfangen. Kinder müssen, bevor sie unter Schulstress geraten, diese positive Erfahrung mit dem Singen gemacht haben.

Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

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Von Matthias Alexander

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