Es scheint, als gehe der Trend zurück zur neunjährigen Gymnasialzeit. Auch an der Freiherr-vom-Stein-Schule?
Bei uns gab es, und dafür bin ich dankbar, eine sachliche Diskussion über G8 und G9. Wir sind im Kollegium und in der Schulleitung übereingekommen, im nächsten Schuljahr bei G8 zu bleiben. Das ist aber keine Festlegung für die Zeit danach, das Rennen ist offen.
Wovon hängt der Ausgang ab?
Zum Beispiel von der Landtagswahl im Herbst. Wenn danach flächendeckend G9 eingeführt wird, wie es die SPD will, würde sich die Lage ändern.
Trotzdem könnten Sie, wenn Sie von der G9-Option überzeugt wären, schon zum nächsten Schuljahr wechseln. Zum generellen G8 würde vermutlich keine denkbare Regierung zurückkehren.
Mit dem Wechsel zu G9 ist es nicht so einfach, wie es manchmal dargestellt wird. Da stehen einige Missverständnisse im Raum, das stelle ich im Gespräch mit Lehrern und Eltern immer wieder fest.
Zum Beispiel?
Vielen ist gar nicht bewusst, wie gering der Unterschied zwischen G8 und G9 ist, wie nahe sie beieinanderliegen.
Das müssen Sie erklären.
Die These, dass mit G8 die Belastung zugenommen hat, stimmt insofern nicht, als an den G9-Gymnasien, die viele Eltern aus der eigenen Schulzeit kennen, fast dieselbe Stundenzahl unterrichtet wurde wie nach der Schulzeitverkürzung, nämlich in der Mittelstufe durchschnittlich 32 Stunden je Woche. Nur fiel das damals nicht so sehr auf, weil auch am Samstag Unterricht stattfand und der Rest der Woche um diese vier Stunden entlastet war. Nach dem Verzicht auf den Samstag wurde die Stundenzahl auf etwa 30 reduziert. Unter G8 haben wir 33 Stunden je Woche.
Es geht also nur um zehn Prozent.
Ja, oder anders gerechnet: Wer G8 macht, hat am Ende der fünfjährigen Mittelstufe - und nur um die geht es ja bei der Schulzeitverkürzung - insgesamt etwa 166 Wochenstunden absolviert. Wer G9 macht, hat am Ende der dann sechsjährigen Mittelstufe insgesamt etwa 181 Wochenstunden gehabt. Wir reden also über einen Differenz von 14 bis 15 Wochenstunden. Das ist nicht einmal die Hälfte einer Unterrichtswoche. Auf die Schullaufbahn bezogen könnte man sagen, dass der Unterschied zwischen G8 und G9 nicht ein volles Schuljahr beträgt, sondern ein knappes halbes Jahr.
Die Schüler sind also ein Jahr länger in der Schule, bekommen aber kaum ein halbes Jahr mehr Unterricht. Das könnte man auch als Vorteil sehen, weil dann mehr Freizeit bleibt.
Ja, nur haben sich viele Familien darauf eingestellt, dass die Kinder bis in den Nachmittag in der Schule betreut werden. Oft sind beide Elternteile berufstätig oder ein Elternteil ist alleinerziehend. Bei einer Rückkehr zu G9 fallen in der fünften Klasse zwei Wochenstunden weg, die ich in der pädagogischen Mittagsbetreuung auffangen muss. Das addiert sich bei fünf fünften Klassen auf zehn Stunden. Stadt und Land haben jedoch ausgeschlossen, dass es bei einer Rückkehr zu G9 mehr Zuweisungen für Ganztagsangebote gibt.
Wegen des zusätzlichen Jahrgangs, der durch G9 entstünde, brauchen die Schulen auch mehr Platz.
Ja, aber die Schuldezernentin hat schon mitgeteilt, dass die Gebäudeplanung langfristig auf G8 ausgerichtet ist. Das heißt für mich als Schulleiter, dass wir in den nächsten Jahren an unserer Schule weniger Schüler aufnehmen können.
Wie wird sich der Lehrerbedarf entwickeln?
Erst einmal sinkt er, denn die Zahl der Wochenstunden wird ja geringer. Das bedeutet, dass sich für Referendare die Chancen auf Einstellung verringern, dass wir Kollegen vielleicht sogar an andere Schulen abordnen müssen. Es tut einer Schule jedoch nicht gut, wenn die personelle Entwicklung stagniert.
Kurzfristig spart die Landesregierung mit der Rückkehr zu G9 also sogar Geld. Langfristig müssten für den zusätzlichen Jahrgang aber mehr Lehrer eingestellt werden.
Das wird dann in der übernächsten Wahlperiode aktuell, aber das ist politisch gesehen ja noch lange hin.
Welche Probleme wirft eine Umstellung der Gymnasialzeit noch auf?
Für uns stellt sich zum Beispiel die Frage, was mit den Schülern des letzten G8-Jahrgangs passiert, wenn sie in der Mittelstufe sitzenbleiben. Dann müssen sie nicht nur ein, sondern zwei Jahre länger in die Schule gehen. Und was ist mit eine G8-Oberstufenschüler, der während der Einführungsphase ein Jahr wiederholen muss, es unter ihm aber gar keinen nachwachsenden Oberstufenjahrgang gibt. Muss er dann wieder in die Mittelstufe und damit vom Kurssystem in einen Klassenverband wechseln?
Welche Auswirkungen hätte die längere Gymnasialzeit auf das Fremdsprachenangebot?
Die zweite Fremdsprache hat von der G8-Einführung profitiert, sie wird schon ab der sechsten Klasse unterrichtet und hat als Hauptfach eine höhere Stundenzuweisung. Manche, die es nicht so mit Fremdsprachen haben, stöhnen darunter, viele sehen darin aber einen Gewinn. Man muss abwarten, ob mit G9 auch ein Rückschritt bei der zweiten Fremdsprache einhergeht.
Bei allen Bedenken gegen G8 oder G9, ist zu sagen, dass letztendlich die Eltern entscheiden, auf welche Schule sie ihr Kind schicken - vorausgesetzt sie bekommen dort auch einen Platz. Das ist doch ein Gewinn an Wahlfreiheit.
Vielfalt ist ja zu begrüßen, aber in einer mobilen Gesellschaft sind wir auf eine gewisse Einheitlichkeit bei den Schulen angewiesen. Was passiert, wenn ein G9-Schüler nach einem Umzug nur noch eine G8-Schule in Wohnortnähe hat? Muss er dann eine Stufe wiederholen oder, wenn es umgekehrt ist, in die nächsthöhere Klasse gehen?
Mal abgesehen von organisatorischen, finanziellen und rechtlichen Fragen - wird das neue G9 dasselbe sein, das es bis zur G8-Reform gegeben hat?
Nein, denn die Gesellschaft und die Gymnasien haben sich verändert. Wir haben in Frankfurt inzwischen ein Übergangsquote in den gymnasialen Bildungsgang von 52 Prozent. Das liegt nicht daran, dass die Eltern alle vom Humboldtschen Bildungsideal beseelt sind, sondern daran, dass sie an ihrer Arbeitsstelle die Erfahrung machen, dass nur Bewerber mit Hochschulreife eingestellt werden.
Die Gymnasium haben ihre Exklusivität verloren, aber auf dem Weg zum Abitur tuen sich viele Schüler schwer. Kann es sein, dass manche Eltern sich von einer Schulzeitverlängerung auch versprechen, dass ihr Kind das Abitur auch ohne Gymnasialempfehlung schaffen könnte?
Ich kann aber nur davon abraten, ein Kind gegen die Empfehlung der Grundschule aufs Gymnasium zu schicken, sei es G8 oder G9. Meine Erfahrung ist, dass diese Kinder Probleme bekommen.
Die Fragen stellte Matthias Trautsch.

