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Im Gespräch: Daniel Kehlmann : Die Vermessung des Worts

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Als Autor am Vortragpult: Daniel Kehlmann kennt das, es passiert ihm öfter. Hier ist er 2013 zur Frankfurter Buchmesse auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt. Bild: Kaufhold, Marcus

Mit Daniel Kehlmann auf Entdeckungsfahrt durch die Literatur: Der Bestsellerautor hält die Frankfurter Poetikvorlesung und Tausend Zuhörer reisen Woche für Woche mit ihm. Denn über sich selbst und seine Bücher spricht er nur, wenn man ihn fragt.

          Wieso lässt man sich als Autor auf Poetikvorlesungen eigentlich ein?

          Meist ist es ja nicht so viel Arbeit wie für Frankfurt. Und um die Frage ganz ehrlich zu beantworten: Es ist zwar immer eine Ehre, wenn man gefragt wird, aber es wird normalerweise auch ganz gut bezahlt. Es herrscht übrigens auch so etwas wie ein Akkumulationsprinzip. Je mehr Dozenturen man schon gemacht hat, desto öfter wird man gefragt.

          Der Fluch der guten Tat.

          Genau. Und oft ist die Anfrage so liebenswürdig und entgegenkommend, dass man gar keine Chance hat, nein zu sagen.

          Was haben Sie sich gedacht, als Sie gefragt wurden, ob Sie nach Frankfurt kommen könnten?

          Ich habe mit meinem Vorgänger Michael Lentz gesprochen, den ich sehr mag, als Mensch und als Kollegen, und er hat damals genau das Gleiche gedacht wie ich: ein großer Schrecken, dass das so viel Arbeit ist und dass einem das gar nicht in die Vorstellungen davon passt, wie man das folgende Jahr hatte verbringen wollen. Und dann der Gedanke, dass es aber auch eine schöne künstlerische Herausforderung ist. Man hofft, dass am Ende ein künstlerisches Produkt steht, über das man sich freuen und auf das man stolz sein kann.

          Und wie entsteht es?

          Ich war gefesselt von den Vorträgen von Ingeborg Bachmann, mit denen die Frankfurter Poetikvorlesungen 1959 begonnen haben. Das gab die Richtung vor, der ich gefolgt bin, zum Teil sehr assoziativ. Ich wollte in meinen Vorlesungen so arbeiten wie in einem Roman, mit wiederkehrenden Motiven, die der Zuhörer wiedererkennen kann, aber nicht muss. Das ist etwas, was für mich zum Aufbau eines guten Romans gehört. Ich wollte das Ganze wirklich komponieren.

          Sie sprechen in Frankfurt über Bachmann, Shakespeare und Georg Kreisler, aber nur sehr wohlkomponiert und beiläufig über sich selbst. Weshalb liegt Ihnen dieses uneigentliche Sprechen über das eigene Schreiben?

          Zum einen ist es grundsätzlich eleganter, nicht unverschlüsselt und direkt über sich selbst zu sprechen. Man sollte ja auch in Gesellschaft nicht dauernd von sich reden, sondern von anderen Dingen, das aber so, dass man sich nicht versteckt, sondern selbst präsent ist. Zum anderen macht man sich Positionen zu den eigenen Büchern oft überhaupt erst dann zurecht, wenn man nach ihnen gefragt wird. Darüber hat ja Juli Zeh in ihren Frankfurter Vorlesungen gesprochen, die mir auch sehr gut gefallen haben.

          Was heißt das?

          Die Theorie zum Roman, den man geschrieben hat, kommt sehr oft erst nachträglich, weil man eben aufgefordert worden ist, sich zu ihm zu äußern. Daher liegt ihr oft etwas Unauthentisches zugrunde. Sie müssen nicht unbedingt stimmen, die Theorien, die man sich zu den eigenen Sachen notgedrungen erfindet. Wenn man Menschen über etwas sprechen hört, das sie wirklich interessiert, sind sie normalerweise von vornherein authentischer, mehr bei der Sache.

          Ganz bei sich.

          Ich glaube, ja. Und ich hoffe, dass meine Vorlesung dadurch, dass ich über Dinge spreche, die mich wirklich interessieren, auch ehrlicher wird. Es ist ja häufig so in der Literatur, dass man denkt, je weniger etwas stilisiert und geformt ist, desto ehrlicher und authentischer ist es. Das ist aber Unsinn. Die literarische Form ist ein Weg zur Ehrlichkeit.

          In Ihrer ersten Vorlesung haben Sie gesagt, im Werk öffne der Autor seine Seele. Tut das der Seele gut, oder ist es harte Arbeit?

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