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Im Gespräch: Benno Möhlmann „Es reicht nicht, mit Fähigkeiten geboren zu werden“

 ·  Begabung ist im Sport fast unverzichtbar für jeden, der es weit bringen will. Wie erkennt man sie? Wie wichtig ist sie? Welche Talente brauchen Trainer?

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Wenn Sie auf irgendeinem Fußballplatz einen jungen Menschen sehen, ihm einen Ball zuwerfen und ihn danach beobachten: Wie lange brauchen Sie, um zu wissen, ob es ein außergewöhnliches Talent ist oder nicht?

Ich kann sehen, ob einer geschmeidig und beweglich ist, aber das sind viele andere Leute auch. Und ich kann sehen, wie oft er den Ball hochhalten kann, aber das beherrscht auch ein Jongleur. Ich werde nicht sehen, wie gut er Fußball spielen kann, wie er sich im Zweikampf verhält, wie er in einer Mannschaft funktioniert und ob er mit der psychischen Belastung auf dem Platz zurecht kommt. Ich habe viele Fußballer erlebt, die im Training die tollsten Dinge vollbracht haben, die hatten eine perfekte Ballannahme und eine wunderbare Schusstechnik. Als es aber ins Stadion ging, sind sie oft gescheitert.

Wenn Vereine zehn oder zwölf Jahre alte Jungen verpflichten - ist das dann nicht einfach nur Zockerei?

Ja, das ist eine Zockerei. Aber bei jeder Zockerei gibt es eine Wahrscheinlichkeit, und das richtige Talent zu verpflichten, ist wahrscheinlich wahrscheinlicher, als in der Lotterie zu gewinnen. Ich bin in Lohne, einer kleinen Stadt in Niedersachsen, groß geworden. Bei mir im Verein war damals ein Mittelstürmer, der talentierter war als jeder andere, der öfter getroffen hat als jeder andere. Da habe ich oft nur geguckt, was der alles konnte. Aber er hat es nur in die Bezirksliga geschafft. Das hat damals keiner für möglich gehalten.

Waren Sie als Spieler talentierter - oder sind es nun als Trainer?

Technisch war ich als Fußballer nicht sehr talentiert. Aber ich hatte sehr viel Willen und sehr viel Ehrgeiz, damit konnte ich vieles kompensieren. Es war nie mein Ziel Profi zu werden. Ich habe einfach den Fußball gemocht, und wenn ich Lehrer geworden wäre, hätte ich sicher lange in irgendeiner Oberliga-Mannschaft gespielt. Als Trainer habe ich ein gewisses Talent, aber ich war nicht von Beginn an ein Supertrainer. Egal, was ich gemacht habe, ich habe immer versucht aus meiner Persönlichkeit das Beste zu machen und immer alles zu geben. Und ich habe immer dazugelernt, das tue ich auch heute noch. Das ist mindestens genauso wichtig wie Talent.

Was mussten Sie erst lernen?

Ich bin jetzt alt genug, deshalb kann ich das auch sagen: Ich bin ein bisschen launisch. Manchmal bin ich sehr nachsichtig, und manchmal eben nicht. Ich habe lernen müssen, Menschen zu loben für Dinge, die für mich selbstverständlich sind. Anfangs war es für mich einfach nur okay, wenn einer eine gute Szene hatte. Wenn er die jedoch nicht hatte, habe ich ihn kritisiert. Aber jeder Mensch, jeder Spieler braucht Bestätigung und Lob für das, was er gut macht. Das habe ich in den letzten Jahren öfter ausgesprochen als früher. Ich bin noch nicht perfekt, aber ich habe mich in dieser Hinsicht verbessert.

Erkennen Sie in jedem Spieler des FSV Frankfurt ein Talent?

Ja, sonst hätte es keiner von ihnen so weit gebracht. Jeder von ihnen weiß, es ist auch ein Geschenk Gottes, dass sie mit dem Fußball ihr Geld verdienen können. Einige von ihnen können sich so entwickeln, dass sie auch eine Klasse höher zurecht kommen.

Dabei dachten wir immer, dass „Talent“ und „zweite Liga“ Begriffe sind, die sich eigentlich ausschließen.

Wenn man vom Talent für das Optimale spricht, dann schließt es sich auch aus. Das ist ja nichts Schlimmes. Die Menschen sind eben unterschiedlich, und nicht jeder kann der Beste und Erste sein. Ich habe auch schon Spielern gesagt, dass sie von der zweiten lieber wieder in die dritte Liga gehen sollen, weil sie dort glücklicher und zufriedener sind. Aber Talent ist für mich auch nicht das Entscheidende. Ich will wissen, wie sich einer auf seiner Position verhält, wie er von dort Einfluss auf das Spiel nimmt. Natürlich gehört eine Grundbegabung dazu, er muss mit dem Ball umgehen können, das ist sein Handwerkszeug. Aber wir sind ja kein Zirkus, deshalb muss jeder in der Mannschaft funktionieren.

Viele haben ein beinahe schon schwärmerisches Verhältnis zu Talent und können kaum glauben, was ein Messi, ein Özil oder Ronaldo auf dem Platz vollbringen. Sie wirken eher zurückhaltend.

Ja, weil eben nicht alles nur Talent ist. Wir müssen uns doch nur mal Mesut Özil anschauen, es ist unglaublich, wie sehr er sich in den letzten zwei Jahren bei Real Madrid noch einmal weiter entwickelt hat. Das hat nicht unbedingt etwas mit Talent zu tun, es ist in erster Linie Arbeit und Wille. Natürlich hat Özil eine außergewöhnliche Begabung, er war schon in Bremen ein exzellenter Spieler, aber damit war er nicht zufrieden. Ich glaube, dass er noch immer nicht fertig ist, er kann noch besser werden. Bis 25 oder 26 kann man sich immer verbessern.

Braucht man nicht nur Talent in den Füßen, sondern auch im Kopf - Härte und Disziplin?

Absolut. Das, was dein Körper dir als Chance anbietet, das musst du über den Kopf aufnehmen, verarbeiten und nutzen. Es reicht eben nicht, mit irgendwelchen Fähigkeiten geboren zu werden.

Wie viel kann denn falsch gemacht werden auf dem Weg aus der Jugend zu den Profis?

Jede Menge. In Fürth habe ich einmal Nii Lamptey trainiert. Der hatte mit Ghana die U17-WM gewonnen, spielte schon mit sechzehn als Profi in Anderlecht und galt damals als eines der größten Talente überhaupt. Aber in Belgien hat er so oft und so lange gespielt, bis der Körper irgendwann kaputt war. Mit achtzehn ist er nach England verkauft worden, später hat er es noch mal in Fürth versucht. Aber mit Mitte zwanzig war seine Karriere im Prinzip beendet. Lamptey ist an seinem schwachen Körper gescheitert, andere kommen vielleicht nicht mit der Ansprache eines Trainers zurecht. Ich glaube, dass man die Jungen schon fordern sollte, aber man muss ihnen auch Zeit geben, wenn sie einmal nicht so gut spielen. Da darf man ein Talent nicht fallen lassen, und man darf auch nicht draufhauen.

Macht es Sie wütend, wenn einer zu wenig aus seinem Talent macht?

Nein, nicht mehr. Früher hat es mich geärgert, inzwischen tut es mir vor allem für den Verein und die Mannschaft leid, die viel Vertrauen und Hoffnung in so einen Spieler setzen.

Wer hätte aus Ihrer Bundesligazeit mehr aus seinem Talent machen müssen?

Ich kann Ihnen sagen, wer das Optimum aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat: Hasan Salihamidzic. Der ist mit siebzehn aus Bosnien nach Hamburg gekommen, und schon ein Jahr später hat ihn Felix Magath dort zu den Profis geholt. Aber das war Hasan egal. Zwei Wochen bevor die Saison losgegangen ist, hat er mit den Amateuren trainiert, hat dort Spiele gemacht, er ist gelaufen und hat gekämpft, obwohl er mit dieser Mannschaft gar nichts mehr zu tun hatte. Das hat mich unglaublich beeindruckt. Diese Einstellung hat Hasan so weit gebracht, er hat die Champions League mit den Bayern gewonnen. Dabei hatten viele andere sicher mehr Talent.

Wenn Sie damals als Aktiver Spielern begegnet sind, die mehr Talent hatten, waren Sie neidisch?

Nein, nie. Vor allem bei Werder Bremen habe ich ja mit vielen richtig guten Leuten zusammen gespielt, ich war Kapitän und ich habe die auch aufgefordert, richtig mitzuarbeiten. Man kann sich nicht nur auf sein Talent verlassen. Rudi Völler hat immer viele Tore gemacht, aber wenn der Ball nicht Richtung Tor lief, dann hat er am Anfang nie so richtig mitgemacht, das kam erst später.

Wie groß ist Ihre Sehnsucht mit einigen der besten Spieler Deutschlands oder sogar Europas zu arbeiten?

Ich habe diese Sehnsucht nicht. Ich war schon als Spieler sehr pragmatisch und realistisch. Ich hatte keine überragenden Talente, sicherlich war ich ein paar Jahre in der Bundesliga ganz gut drauf, aber ich hätte nie Forderungen in Richtung Nationalmannschaft gestellt. Sowohl als Spieler als auch als Trainer habe ich mehr erreicht, als ich eigentlich erstrebt hatte. Ich wollte nicht Bundesligaspieler werden, als ich achtzehn war. Und ich wollte kein Erstligatrainer werden, als ich meine Spielerkarriere beendet habe. Mein Ziel war es nur, durch den Fußball irgendwie meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Aber strebt man nicht immer nach mehr?

Ich weiß nicht, ob ich wirklich eine Champions-League-Mannschaft trainieren möchte. Da muss man schon von innen heraus sehr, sehr stark sein. Da muss man beinahe schon ein übertriebenes Selbstbewusstsein besitzen.

Haben Sie das nicht?

Ich bin selbstbewusst, und ich weiß, dass ich auch gut bin. Aber ich weiß nicht, ob ich das auch da könnte. Champions League ist schon noch mal eine andere Welt. Ich glaube nicht, dass dort grundsätzlich bessere Trainer arbeiten. Aber durch ihre Persönlichkeit, durch den unerschütterlichen Glauben an sich selbst, durch ihre innere Stärke haben sie einfach eine andere Ansprache und einen anderen Zugang zu den Spielern. Und so Leute wie Mourinho oder van Gaal haben auch so etwas wie ein inneres Scheiß-egal-Gefühl - so etwas braucht man auch ab einem gewissen Punkt.

Einzuschätzen, in welchem Rahmen man als Trainer funktioniert. Ist das auch ein Talent?

Das ist sicher eine Fähigkeit, aber vielleicht liege ich nicht richtig und bin manchmal zu zurückhaltend. Ich würde gern noch mal in der Bundesliga arbeiten, weil ich das kann, das habe ich schon in jungen Jahren festgestellt. Ich muss es nicht, um bedingungslos zufrieden zu sein, aber ich habe einfach Lust darauf.

Erkennen Sie schon bei einem Spieler das Talent, später als Trainer arbeiten zu können?

Ja, natürlich. In Bremen habe ich ein paar Jahre mit Bruno Pezzey zusammen gespielt, und ich habe immer gedacht, dass er ein guter Trainer wird. Der hat die Spiele immer sofort analysiert, wusste alle Einzelheiten und hat gedacht wie ein Trainer. Leider hat man nicht gesehen, ob er es geschafft hätte, Bruno ist viel zu früh gestorben. Wir haben damals in Bremen sehr viel über Fußball gesprochen, und letztlich sind aus dieser Mannschaft viele Trainer geworden: Norbert Meier, Wolfgang Sidka, Thomas Schaaf, Rudi Völler, Dieter Eilts.

Als der FSV im Winter kurz vor dem Abstieg stand, haben die Verantwortlichen gesagt: „Benno Möhlmann ist ein talentierter Trainer, den holen wir ...“

... das haben sie eben nicht gesagt. Die haben gesagt: „Das ist ein erfahrender Trainer, den nehmen wir.“ Mit Talent bringt man immer auch eine gewisse Jugend in Verbindung und verspricht sich, dass eine gewisse Entwicklung nach oben möglich ist. Ich würde mich selbst auch nicht mehr als Talent bezeichnen. Ich denke schon, dass ich diesen Beruf inzwischen beherrsche. Ich kann Spielern das beibringen, was ich gerne möchte.

Was macht Sie zu einem guten Trainer, wie haben Sie den Verein gerettet?

Im Winter war es relativ einfach für mich. Der Mannschaft ging es schlecht, und sie hatte das Gefühl, dass es noch schlechter wird. In so einer Situation kann man die Spieler immer packen, die sind immer aufnahmefähig. Aber das liegt für mich schon wieder so weit zurück, gedanklich bin ich schon wieder bei der neuen Mannschaft und der neuen Saison. Jetzt haben wir eine andere Situation. Natürlich wollen wir zunächst einmal die Liga halten, aber ich kann der Mannschaft nicht einfach nur sagen: „Bloß nicht absteigen!“ Das muss man anders angehen, aber wie?

Wissen Sie das schon?

Ja, aber das werde ich erst einmal den Spielern sagen. Jeder einzelne kann sich verbessern, die Mannschaft kann sich verbessern, und dann wollen wir mal sehen, was da am Ende rauskommt.

Der Trainingsauftakt ist am kommenden Mittwoch, der Kader noch nicht vollständig. Suchen Sie nach Talenten oder Spielern, die dem Verein sofort weiterhelfen, wie man immer so schön sagt?

Es geht nicht nur mit Talenten, wir brauchen stabile und erfahrene Spieler, die uns eine gewisse Sicherheit verleihen. Aber natürlich wollen wir auch Schnäppchen finden, die aus unteren Ligen kommen und von denen wir uns einiges versprechen. Das gehört zum Fußball dazu. Ein Talent ist wie eine Verheißung, wie die Hoffnung auf eine große Zukunft - so einen Spieler will jeder Verein finden.

Das Gespräch führten Uwe Marx und Michael Wittershagen.

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Von Matthias Alexander

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