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Im Gespräch: Ben Patterson, Fluxus-Pionier „Das war das erste große internationale Netzwerk“

 ·  Vor 50 Jahren entstand dieFluxus-Bewegung in Ben Pattersons Wahlheimat Wiesbaden. Dem Kulturpreisträger der Stadt wird eine Retrospektive gewidmet.

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Hat es Sie überrascht, dass Sie in diesem Jahr den Kulturpreis bekommen?

Ja! Eigentlich wusste ich gar nicht, dass es ihn gibt.

Sie wussten nicht, dass es den Kulturpreis gibt?

Ja. Ich saß im Zug auf dem Weg nach Genua, war ungefähr auf der Höhe von Mannheim, als Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz anrief.

Haben Sie sich schon einmal dafür verflucht, dass Sie bei den Festspielen Neuester Musik, die 1962 im Museum Wiesbaden stattfanden, öffentlich ein Klavier zertrümmert haben?

Verflucht nicht. Aber vor 50 Jahren hat der Bürgermeister wegen dieser Geschichte praktisch sein Amt verloren. Heute kriegt man dafür einen Kulturpreis. The times have changed.

Stört es Sie, dass man die historischen Ereignisse von damals auf die Zertrümmerung eines Klaviers reduziert?

Da war viel mehr, und die Klavierzertrümmerung war dabei nicht die Hauptsache. Aber in diesem Jahr will jeder ein Klavier zertrümmern: in Wiesbaden, Mannheim, Köln, Wien. Steinway hat im Moment keine Absatzprobleme.

Wie ist aus einem Musik-Festival Fluxus geworden?

Das, woraus Fluxus tatsächlich entstand, waren nur zwei Abende. George Maciunas hat das Neo-Dada genannt. Es war nicht nur Musik, es gehörten auch Gedichte dazu. Vorläufer waren Stücke mit Alltagsgegenständen wie Tomas Schmits „Zyklus“ aus einem Kreis aus Weinflaschen. Das hatte auch eine ganz eigene Ästhetik. Für das Publikum war das natürlich schockierend. Aber für mich waren solche Sachen viel wichtiger als die Zertrümmerung eines Klaviers.

Wie kommt es, dass Fluxus ausgerechnet in Wiesbaden entstand, wo Sie seit vielen Jahren leben?

1962 war George Maciunas in Wiesbaden stationiert, und Emmett Williams war bei der Zeitung „Stars and Stripes“ in Darmstadt. George kannte das Auditorium des Museums Wiesbaden und hat einfach gefragt. Es war Zufall. Auch bei mir. Von New York wollte ich nach Europa. Als ich in Frankfurt gelandet bin, habe ich Joe Jones in Wiesbaden-Erbenheim besucht. In seinem Haus konnte ich dann wohnen. Auch geographisch liegt Wiesbaden sehr zentral, und vom Flughafen aus gelangt man nonstop zu jedem Punkt der Erde.

Kann man Fluxus definieren?

Emmett Williams hat gesagt: Wenn man Fluxus definieren kann, ist es nicht Fluxus. Fluxus ist im Museum angekommen und muss dafür definiert und katalogisiert werden. Zum Wesen von Fluxus hat immer das Intermediale gehört. Das war das erste große internationale Netzwerk. Damals ging das alles mit Luftpost, aber es funktionierte. Die breite Basis war sehr wichtig, der Einfluss aus Japan und des Zen, während hier in Europa gerade Existenzialismus angesagt war. Das mischte sich dann. Keine andere Kunstrichtung ist so breit gefächert.

Fluxus war auch eine sehr performative Angelegenheit. Wie stellt man das aus?

Fast alle haben irgendwann auch Objekte gemacht. Weil aber der wichtigste Teil von Fluxus tatsächlich performativ ist, werden im Museum Wiesbaden während des Kunstsommers Partituren, Erläuterungen und Dokumentationen von Performances ausgestellt. Das ist das Konzept von Museumsdirektor Alexander Klar, und ich finde, das ist richtig. Vor 50 Jahren wusste im Übrigen noch niemand, was das Wort Performance bedeutet. Heute sind Abteilungen für Performance an den Kunstschulen selbstverständlich.

Das ist das Verdienst von Fluxus?

Ja. So etwas gab’s vorher nicht.

Parallel zur Museumsausstellung gibt es von Juni an im Nassauischen Kunstverein eine Retrospektive auf Ihr Werk.

Ja. Eine Tournee, die in Houston angefangen hat, dann nach New York ging und jetzt nach Wiesbaden kommt; nur bei ein paar Objekten erlauben einige Museen die weite Reise nicht. Zu sehen sein werden Partituren, Foto-Dokumentationen, Videos und Objekte. Was es in Houston nicht gab, ist „Ben’s Guestroom“. Dort werde ich Künstler zeigen, die mich interessieren.

Nennen Sie schon Namen?

Im Moment lieber noch nicht.

Wie hat sich Ihre eigene Arbeit seit 1962 verändert?

Es hat sich ständig in die Breite entwickelt. Aber der Witz bleibt immer da, der geht nicht weg. Ich habe mit wechselnden Materialien gearbeitet. Auch immer mit Alltagsmaterialien, die man nicht mit Kunst in Verbindung bringt. Bei Fluxus gibt es ja keine Grenzen. Als Alexander Klar mir vorschlug, während des Kunstsommers einen Pavillon vor dem Museum zu installieren, war ich plötzlich ein Architekt. Es bleibt ein Abenteuer.

Was wird in diesem Pavillon passieren?

Zunächst gibt er dem Museum vorübergehend ein neues Gesicht. Meine Idee war, einen Treffpunkt und ein Informationszentrum zu schaffen, mit Café, Lounge, Mediathek.

Es hat ja eine klassische Form und erinnert an einen Portikus, nur farbig.

Ja, eine klassische Form aus Containern. Das ist Fluxus.

Lebt denn Fluxus in der Kunst von heute irgendwo fort?

Viele Künstler beziehen sich heute noch explizit auf Fluxus. René Block hat 1995 mit dem Institut für Auslandsbeziehungen die Ausstellung „Fluxus in Deutschland“ konzipiert, die seitdem durch die Welt tourt. Die Anfragen hören nicht auf. Man ist immer noch neugierig.

Empfinden Sie es nicht als Ironie, dass man heute den 50.Geburtstag einer revolutionären Bewegung feiert und einem ihrer Protagonisten den Kulturpreis verleiht?

Ja. Wir gehören jetzt selbst zum Establishment. Jedes große Museum hat Fluxus-Arbeiten. Damals haben wir in New York vor dem Museum of Modern Art demonstriert, weil man dort kein Interesse hatte, uns auszustellen. Heute sollten wir dort vielleicht demonstrieren, dass sie die Fluxus-Arbeiten rauslassen und auf Reisen schicken.

 

Die Fragen stellte Katinka Fischer.

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