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Im Gespräch: Armin Veh „Die Untergangsstimmung muss weg“

01.02.2012 ·  Die Eintracht steht vor wegweisenden Wochen in der zweiten Liga. Ihr Trainer spricht von großem Potential.

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Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf der Wintervorbereitung, wie schätzen Sie Ihre Mannschaft kurz vor dem Start der zweiten Saisonhälfte ein?

Ich würde mir wünschen, dass wir weiter wären.

Meinen Sie personell, nachdem sich die Verpflichtung von Patrick Helmes endgültig zerschlagen hat?

Nein, nicht nur wegen der erfolglosen Suche nach einem neuen Stürmer. Auch weil Pirmin Schwegler mit seiner Zehenverletzung ausfällt; Mohamadou Idrissou und Bamba Anderson sind ebenfalls angeschlagen. Wir haben in Qatar richtig gut trainieren können, aber leider konnten wir nicht so gezielt mannschaftstaktisch üben, weil nie alle Mann an Bord waren, teilweise standen mir nur 17 Feldspieler zur Verfügung. Grundsätzlich hätte ich das Team gerne stabiler. In seiner Struktur. In seinem Auftreten. Es muss rübergebracht werden, dass wir den Aufstieg wirklich erreichen wollen. Dass wir es schaffen und dass wir voll davon überzeugt sind. Das kann man aber nicht herbeireden. Das muss ich sehen - auch von der Körpersprache her.

Wenn Sie an das Spiel gegen Braunschweig denken, welches Gefühl überwiegt: Vorfreude oder Besorgnis?

Ich hätte natürlich gerne noch einen Stürmer gehabt, weil ich ihn für dringend notwendig erachtet habe. Zu unserem Spiel passen im Normalfall zwei Angreifer auf dem Feld am besten. Aber jetzt kann ich es nicht mehr ändern.

Die Bayern oder Dortmund kommen mit drei Stürmern aus. Warum die Eintracht nicht?

Erstmal muss man ein bisschen was vom Fußball verstehen, um diese Frage zu beantworten. Die Bayern spielen halt nur mit einer echten Spitze...

...warum machen Sie es dann nicht auch so?

Ich spiele dann mit einer Spitze, wenn ich die Mannschaft dazu habe.

Ist der Frankfurter Kader einer, mit dem man das 4-4-2-System spielen muss?

Mit unseren Mittelfeldspielern schon. Klar ginge auch 4-2-3-1, aber wenn man sich die zweite Liga ansieht und die Mannschaften analysiert, die gegen uns in einer kompakten Deckung immer besonders tief stehen, dann haben wir mit zwei Mann in der Spitze eben eine Anspielstation mehr. Mit einem Stürmer ist vieles statisch und leicht auszurechnen, es sei denn, man verfügt über Spieler mit einer individuellen Sonderklasse, wie sie Bayern oder Dortmund haben, die zentral einrücken und so vor dem Tor des Gegners immer wieder Überzahlsituationen schaffen. Es gäbe im Übrigen kein großes Problem, wenn wir denn drei fitte Stürmer hätten. Haben wir momentan aber nicht.

Sie rechnen also nicht damit, das Idrissou nach seiner Knöchelverletzung schnell wieder eine echte Alternative wird?

Er muss gesund werden, dann muss er es bleiben. Aber ich weiß es nicht, wie es mit ihm weitergeht, das können auch die Ärzte nicht exakt vorhersagen. Nur soviel ist sicher: Zu hundert Prozent kann ich ihn nicht einplanen.

Unser Gefühl ist, die Personalie Helmes hat den Verein zu lange beschäftigt. Dazu entstand bei der Diskussion der Eindruck, dass Sie als Trainer die Neuverpflichtung vor allem deswegen als zwingend erforderlich bezeichnet haben, weil Sie Zweifel am Potential der Mannschaft haben.

Dieses ganze Geschwätz, und die Interpretationen, was ein Fußballtrainer denken könnte, damit kann ich nichts anfangen. Ich will keine Alibis. Ich bin doch keine Dreißig mehr. Ich möchte, dass wir erfolgreich sind. Dass ich Sachen verlangen würde, die wirtschaftlich nicht machbar sind, ist falsch. Dass ich den Verein zu einem Vabanquespiel verleiten würde, nur damit ich am Ende gut dastehe, ist eine aberwitzige Vermutung, die ich aber auch schon lesen musste. Ich fordere nichts, ich spreche nur Dinge an, die in meinen Augen notwendig sind. Es gibt natürlich Trainerkollegen, die lassen sich einen Kader vor die Nase setzen und sagen zu allem ja und amen. So einer bin ich aber nicht. Ich mache meine Leute doch nicht schlecht, sondern möchte die Qualität der Mannschaft verbessern und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass wir unsere Vorgaben erreichen. Ob es am Ende klappt, kann ich nicht versprechen. Fußball ist kein Computerspiel.

Warum gab es keinen Plan B für den Fall, wie er nun eintrat, dass Helmes nicht kommen würde?

Dafür muss man sich ein bisschen in der Szene auskennen und wissen, dass man gerade im Winter unheimlich viel Geld ausgeben muss, wenn man einen guten Spieler haben möchte. Und die möglichen Alternativen haben uns nicht überzeugt. Wir haben deswegen bei Helmes alles versucht, was für uns möglich war, aber es hat nicht gereicht. Schade. Ein Grundproblem in diesem Zusammenhang ist, dass viele meinen, wir hätten mit 19 Millionen den größten Spielerertat und leiten daraus Möglichkeiten ab, die es so nicht gibt. Es sollte niemand vergessen, dass alleine zwei Millionen aus dieser Summe auf die Abfindungszahlung von Ioannis Amanatidis entfielen.

Liegen Sie bei der strategischen Planung mit Heribert Bruchhagen, dem Vorstandsvorsitzenden, auf einer Linie? Sie argumentierten entschlossen, dass sich an der Zusammenstellung des Aufgebots manches ändern muss, er war wieder der Mahner in Person. Wie passt das?

Es gibt keinen großartigen Dissens zwischen uns. Wir sind doch auch keine Feinde und haben das Gleiche vor. Es gibt verschiedene Wege, um ans Ziel zu kommen. Nur eines ist klar: Man muss ihn gemeinsam gehen, wenn man zusammen ankommen möchte.

Aktuell herrscht rund um die Eintracht bisweilen eine recht freudlose Atmosphäre, spätestens seit dem geplatzten Helmes-Deal. Müssten alle bei einem Klub, der auf dem dritten Tabellenplatz liegt, nicht mit breiterer Brust auftreten?

Erstens: Ich kann uns nicht größer machen, als wir sind. Dann würde ich mir in die Tasche lügen. Vor zwölf Monaten haben hier alle gemeint, es sei trotz Verletzungsmisere kein neuer Innenverteidiger notwendig, weil man stark genug sei und schon genügend Punkte habe. Wo das hinführte, wissen wir alle - direkt in den Abstieg. Den Eindruck aber, dass vieles negativ gesehen wird, teile ich. Das, was diese Mannschaft bisher erreicht hat, ist für ihre Voraussetzungen absolut in Ordnung. Nur wird es nicht gewürdigt. Selbst nach vier Punkten aus zwei Auswärtsspielen hintereinander, in Aue und Ingolstadt, hatte ich das Gefühl, wir müssten uns entschuldigen, dass es nicht zwei Siege geworden sind. Ja, wo führt denn das noch hin? Fakt ist: Wir liegen drei Punkte hinter dem Spitzenreiter und haben alles selbst in der Hand. Die Mannschaft arbeitet so gut sie kann, deswegen braucht sie aus dem Umfeld mehr Anerkennung. Die Untergangsstimmung muss schleunigst weg, wir alle müssen darauf hinfiebern, dass wir etwas erreichen können.

Kann Ihr Team mit Druck gut umgehen?

Schwer.

Jetzt haben Sie den fünften Innenverteidiger geholt. Vor der Winterpause hatten Sie gesagt, die Eintracht schießt zu wenig Tore. Was ist der Beweggrund, Martin Amedick verpflichtet zu haben?

Wenn Sie glauben, dass ich hier derjenige bin, der alle Planungen für die nächsten Jahre alleine macht, dann haben Sie sich getäuscht. Normalerweise brauche ich keinen Abwehrspieler. Aber es hat natürlich einen Grund, warum wir es gemacht haben. Eigentlich wollten wir Amedick schon im Sommer holen, aber da hatte es noch nicht geklappt. Nun ist er da, und zwar für die nächsten zweieinhalb Jahre, was die Planungen erleichtert. Hinten stehen wir mit Butscher und Amedick; Schildenfeld haben wir auch noch. Bei Anderson wissen wir nicht, wie es mit ihm weitergeht, da er ja nur ausgeliehen ist. Die Ablöse für ihn können wir normalerweise nicht bezahlen. Falls Djakpa mal ausfällt, kann Butscher auch linker Verteidiger spielen. Zudem ist es so, dass die Mannschaft von hinten heraus zuletzt nicht so geführt wurde, wie ich es mir vorstelle. Ich hoffe, dass beide, Butscher wie Amedick, das vom Typ her können.

Ist Ihre Mannschaft insgesamt zu leise?

Man kann ihr keinen Vorwurf machen. Charaktere kann und muss man nicht ändern. Die Jungs sind ja in Ordnung. Die Mannschaft ist willig und fleißig. Man kann niemandem einen Vorwurf machen, der kein Lautsprecher ist. Ich wünsche mir nur ein Stück mehr Emotionalität.

Wie stark ist der Faktor Trainer im Aufstiegskampf einzuschätzen?

Erfahrung ist ein wichtiger Punkt. Dass man weiß, was in welcher Situation zu machen ist.

Ist es für die Mannschaft von Interesse, zu wissen, ob ein Trainer bleibt?

Ich glaube, dass man das überschätzt. Es wird kaum einen Spieler geben, der sagt: Ich will nur bei dem Trainer spielen und nur bleiben, wenn der Trainer auch bleibt. Dann kommt doch ein anderer - und es geht weiter.

Sportdirektor Bruno Hübner, der gleichzeitig mit Ihnen angefangen hat, bleibt länger bei der Eintracht.

Das muss er auch. Im Management muss Kontinuität da sein. Im Trainerjob geht das nicht immer, obwohl ich es für einen Blödsinn halte, dass man immer jedes Jahr den Trainer wechselt. Nur die Vereine haben Erfolg, die auch wirklich Kontinuität haben. Aber: Die sind ja schon erfolgreich, sonst hätten sie keine Kontinuität. Das ist ja der Witz.

Sie selbst haben vom ersten Tag an in Frankfurt klargemacht, hier nur weitermachen zu wollen, wenn der Aufstieg klappt. Bleibt es dabei?

Ja. Das hat etwas mit der zweiten Liga zu tun. Bei allem Respekt: Aber ich will nicht mehr in der zweiten Liga trainieren.

Das Gespräch führten Marc Heinrich, Uwe Marx und Ralf Weitbrecht.

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