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Im Gespräch: Alexander Klar, Leiter des Museums Wiesbaden „Wir zertrümmern auch ein Klavier“

 ·  Im neuen Jahr hat man am Museum Wiesbaden viel vor: Große Ausstellungen stehen ebenso an wie die Wiedereröffnung des Südflügels nach langer Sanierung.

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Ellsworth Kelly kennt man als Maler der starken Farbe. Warum beschränkt sich Ihre nächste große Ausstellung im Frühjahr auf sein schwarz-weißes Werk?

Im Grunde entsteht Kellys ganze Arbeit aus dem Schwarz-und-Weiß-Denken. Vor allem geht es darin um Formen, die sich in Schwarz und Weiß einfach deutlicher manifestieren. Die Farbe kommt erst später dazu.

Muss man Kellys schwarz-weiße Arbeit also als eine Art Vorstufe zum farbigen Schaffen betrachten?

Zumindest im chronologischen Verlauf seines Gesamtwerkes. Er hat Ende der vierziger Jahre mit Schwarz und Weiß angefangen. Eines seiner berühmtesten Werke ist ja dieses Fenster im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, wo er sich eigentlich Kunst ansehen wollte. Was ihn aber mehr fasziniert hat, war dieses Fenster. Und das hat er dann in einer schwarz-weißen Arbeit wiedergegeben. Erst einmal ist sein Werk also aus der Form heraus geboren worden.

Wer hatte die Idee zu dieser unfarbigen Schau?

Kelly selbst hatte wohl schon öfter formuliert, dass er so eine Ausstellung wichtig fände. Dann ist Ulrich Willmes vom Haus der Kunst in München darauf aufgesprungen, hat Mitmacher gesucht und in meinem Vorgänger Volker Rattemeyer gefunden.

Trotzdem haben die Arbeiten aber autonomen Wert.

Ja. Die Ausstellung ist eine vollgültige Kelly-Retrospektive. Ihr fehlt nur eine Facette: die Farbe. Und ob sie tatsächlich fehlt, wird die Ausstellung zeigen. Bei Ellsworth Kelly geht es zuerst um den Raum. Deswegen, glaube ich, ist die Ausstellung bei uns auch sagenhaft gut aufgehoben, weil wir einfach so gute Räume dafür haben. Seine Arbeiten sind eigentlich eher Rauminstallationen als Gemälde.

Kelly erhielt schon 2010 den Jawlensky-Preis der Stadt Wiesbaden.Wieso mussten wir zwei Jahre auf die mit dieser Ehrung verbundenen Ausstellung warten?

Der Preis wurde ihm 2010 zwar zugesprochen, aber wir verleihen ihn 2012. Das hat pragmatische Gründe, man musste einfach eine Weile ansparen. Denn eine solche Ausstellung ist eminent...

...teuer?

Sie ist uns teuer. Dass wir uns das mit dem Haus der Kunst teilen, ist eine enorme Hilfe. Und dann ist es immer noch viel Geld: Die Ausstellung kostet insgesamt mehr als eine Million Euro. Das liegt schon daran, dass die Sachen sehr schwer zu transportieren sind. Gerade in die großen Arbeiten darf ja keine Macke reinkommen. Es geht um vollkommen ebenmäßige Oberflächen. Für den Transport solcher Arbeiten gibt es in sich gefederte Kisten. Das übertrifft alles, was wir bis jetzt gehabt haben.

Was ist denn der Wiesbadener Anteil an der Ausstellung - oder wird sie eins zu eins aus München übernommen?

Es ist eine Übernahme. Denn das intellektuelle Konzept stand schon. Bei uns wird die Ausstellung aber komplett anders aussehen als im Haus der Kunst. Die Räume sind anders. Ich rücke auch etwas ab von der reinen Chronologie hin zu einer thematischen Gruppierung. Denn so eine Ausstellung muss ganz dringend vermittelt werden.

Allein mit der Hängung werden Sie das kaum schaffen. Was machen Sie also?

Zum einen alle üblichen Angebote, Audioguide, Wandtexte, Führungen. Aber viele Arbeiten erschließen sich auch über Kellys Fotografien. Denn beim Fotografieren sieht er das, was er dann umwandelt. Deswegen werden wir die Fotografien in Verbindung mit den großen Leinwänden zeigen und nicht getrennt wie im Haus der Kunst. Ellsworth, den ich im Sommer besucht habe, war zuerst nicht so glücklich damit. Denn er mag es nicht didaktisch. Aber ich finde, dass man hier schon eine Hilfestellung zum genauen Hinsehen bieten sollte.

Meist bleibt nach einer Preisträger-Ausstellung das eine oder andere Werk in Wiesbaden. Auch diesmal?

Das ist ausdrücklich gewünscht.

Womöglich auch schon etwas konkreter projektiert?

Konkret insoweit, als ich im vergangenen Jahr schon ein wenig Geld gespart habe. Wir haben gut gewirtschaftet. Ellsworth Kelly ist ja nicht billig zu haben, und wir wollen keine Arbeit auf Papier. Ich möchte schon ein „Werk-Werk“ haben und habe das auch an allen relevanten Stellen fallen gelassen. 350.000 Euro brauchen wir ad minimum. Aber ich bin guten Mutes, dass wir das hinbekommen.

Besitzt das Museum schon einen Kelly?

Nein. Das ist aber absolut ein Desiderat. Ich möchte deswegen auch versuchen, zur guten Übung des 19. Jahrhunderts zurückzukehren, als sich Wiesbadener Bürger fürs Museum engagiert haben.

Die meisten der bisherigen Jawlensky-Preisträger wurzeln im amerikanischen Minimalismus und der Concept Art, die Volker Rattemeyer zu einem Schwerpunkt des Museums machte. Wird sich das unter Ihrer Ägide ändern?

Das Haus hat ein Profil, und auch der Preis, der ja immerhin einer der am höchsten dotierten Kunstpreise in Deutschland ist, ist entsprechend geprägt. Das zu ändern, fände ich sehr unsinnig.

Themenwechsel: Der Abschluss der Sanierung des Südflügels zögert sich lange hinaus. Wann ist es soweit?

Er wird schon 2012 fertig werden. Viele Probleme gab es mit dem Boden. Es ist halt ein Altbau, in dem man hin und wieder auf Überraschungen stößt. Auch Klimafragen müssen wir noch einmal prüfen. Für die Eröffnung visieren wir jetzt den Sommer dieses Jahres an.

Der Südflügel soll dann im Wesentlichen den Alten Meistern gehören. Womit kann denn Wiesbaden punkten, was man im soeben wiedereröffneten StädelMuseum nicht viel besser sehen kann?

Wir sind nicht per se ein Altmeister-Haus. Andererseits haben wir so hochrangige Alte Meister, dass wir sie natürlich zeigen wollen. Unser Grundkonzept ist die Gegenüberstellung von Alt und Neu, also der Hinweis darauf, dass alle Kunst einmal „Contemporary“ war.

Alte und zeitgenössische Kunst hängen also in direkter Nachbarschaft?

Ja, genau. Drei Werke sind als Auftragswerke entstanden, in denen sich jüngere Künstler auf unsere Sammlung beziehen. Unsere Alten Meister nehmen wir gewissermaßen als Folie. Natürlich haben wir auch Werke, die Spitzenwerke sind - mit Werken wie der Wiesbadener Heimsuchung oder unserem Frans Snyders sind wir schon sehr gut aufgestellt.

Wo gibt es Lücken?

Wir haben chronologische Lücken. Wir haben gute Niederländer des 17. Jahrhunderts, aber fast nichts aus dem 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert sind wir wieder gut: Wir haben Anselm Feuerbachs „Nanna“, die der Mittelpunkt einer Ausstellung im Jahr 2013 sein wird, Liebermann, Corinth. Unsere Position ist nach wie vor Moderne und Gegenwart, aber wir wollen die Alten Meister künstlerisch aufregend zeigen.

Diesmal beteiligen Sie sich am Wiesbadener Kunstsommer, mit dem die Stadt den 50. Geburtstag von Fluxus feiert.

In diesem Haus ist Fluxus schließlich entstanden. Auch lag damit das Thema auf der Hand: Es geht um das Performative. Fluxus ist nämlich keine Kunstrichtung des Objekts. Es geht um Ephemeres, um Dinge, die passieren und wieder verschwinden. Wir werden uns sehr auf die Tradition aus der John-Cage-Ecke werfen. Im September liegt der Schwerpunkt auf den Performances. Da werden wir aufführen, was weiland aufgeführt wurde.

Aber Sie werden kein Klavier zertrümmern.

Doch, werden wir. Außerdem haben wir alle lebenden Fluxus-Künstler eingeladen mitzumachen. Dabei sind Ben Patterson, Alison Knowles, Hannah Higgins wird für ihren Vater kommen, gerade bekam ich Post von der Tochter von Emmett Williams. Wir möchten Eric Andersen einladen, Willem de Ridder und Philip Corner, dessen Klavierzertrümmerungsstück damals aufgeführt worden ist. Corner wird auf alle Fälle kommen. In der Ausstellung wollen wir dann zeigen, wie alles entstanden ist, nämlich als Entwürfe, wie man Dinge tut. Aber natürlich zeigen wir auch ein paar ikonische Objekte, und Ben Patterson entwirft uns den Pavillon, der vor der Tür stehen wird.

Greifen Sie auf örtliche Fluxus-Stützpunkte wie die Sammlung Berger zurück?

Ich habe bei Michael Berger Objekte angefragt. Ich bin auch in Kontakt mit René Block...

...der vor zehn Jahren den Wiesbadener Kunstsommer zum vierzigsten Fluxus-Geburtstag kuratiert hat.

Jetzt geht es aber zunächst einmal um die Präsentation und die Frage, wie man heute mit Fluxus umgeht. Soweit ich erkennen kann, ist Fluxus die letzte Bewegung, die sich nicht hat vermarkten lassen - wir sind also vor allem mit enthusiastischen Künstlern in Verbindung, weniger mit enthusiastischen Galeristen.

Die Fragen stellte Katinka Fischer.

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Von Matthias Alexander

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