Home
http://www.faz.net/-gzg-74hne
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Im Frankfurter Literaturhaus Ein Engel auf Erden

Christoph Ransmayr liest im Frankfurter Literaturhaus. Er fesselt seine Leser. Er trägt seine Texte vor, wie er sie schreibt.

© dpa Vergrößern Er hat manchmal Angst und liest doch vergnügt aus seinen Büchern: Autor Christoph Ransmayr.

Nicht jeder, der Bücher schreibt, kann seine Texte auch angemessen vortragen. Christoph Ransmayr kann es, und seine Leser wissen das. Sie füllten den Großen Saal des Frankfurter Literaturhauses bis auf den letzten Platz, als der österreichische Schriftsteller sein neues Buch vorstellte: „Atlas eines ängstlichen Mannes“ (S. Fischer) versammelt 70 Miniaturen rund um den Globus. „Ängstlichkeit ist eines der vornehmsten Gefühle meines Lebens“, bekannte der Autor vor seiner Lesung. Und: „Ängstlichkeit verbindet uns miteinander gegenüber der Welt.“ Einer Welt, in der Mord und Terror, Blutrausch und Zerstörungswut „die Arbeit der Engel“ behindern. Sofern nicht Menschen wie Pawlik sie übernehmen und etwa einen jüdischen Friedhof Stein für Stein wiedererrichten.

Claudia Schülke Folgen:  

„Die Arbeit der Engel“ hieß eine der fünf Miniaturen, die Ransmayr seinem Publikum mit bühnenreifer Kunstfertigkeit vortrug. Er hatte sie offenbar mit Bedacht ausgewählt: den „Luftangriff“ eines bolivianischen Kampfflugzeugs am Anfang und die „Flugversuche“ eines jungen Königsalbatros am Ende. Die Maschinengewehrsalve des ersten Fliegers hätte ihn fast das Leben gekostet im Hochland zwischen westlichen und östlichen Anden. Ein Grasbüschel diente ihm in der Todesangst als Zuflucht, ein Käfer, der sich daraus befreite, übertönte plötzlich den Fluglärm - ein Gegensatz, wie er sich schroffer kaum denken lässt.

Mehr zum Thema

Ihre Bestimmung ist es, mit den Engeln die Schöpfung zu behüten

Fast neidvoll blickt der Autor in Neuseeland einem Albatros nach, der sich nach vergeblichen Versuchen endlich in die Lüfte erhebt, die Welt mit ihren Schreckensnachrichten unter sich lässt. Um „die Arbeit der Engel“ zu verrichten, muss man aber nicht fliegen. Es genügt, um Gnade für einen Stier und ein Pferd zu bitten, auch wenn man in der Arena von Sevilla nicht erhört wird. Ransmayr hat sehr genau hingehört und hingesehen: Der „Tod in Sevilla“ war in seiner Intensität als Text nur schwer auszuhalten. Auch „Die Übergabe“ changiert zwischen hilfloser Empathie und einem fast zwanghaften Hinschauen auf die Vernichtung eines Landes und seiner Bewohner. Ein Bootsmann auf dem Mekong gibt sein Boot und damit seinen Lebensunterhalt an seinen Sohn weiter, um dahin zurückzukehren, wo nichts mehr ist. „Agent Orange“ hat die laotischen Wälder entlaubt, Napalm die Familie verbrannt. Zwei Millionen Tonnen Bomben auf Laos konterkarieren hier die verhaltenen Gesten eines alternden Mannes.

Diesem Muster aus sentimentfreiem Blick und diskreter Einfühlung folgen die fünf Miniaturen. Blutrünstige Politik und gleichgültige Natur halten sich die Waage in den kontemplativen Texten. In den meisten aber tritt der Mensch als das Tier auf, das zur Bestie pervertiert. Wäre da nicht Pawlik, der wie ein tschechischer Sisyphus Steine zusammenträgt, um die Mauer um einen jahrhundertealten jüdischen Friedhof zu erneuern. Nur zehn Juden von Trebitsch hatten den Holocaust überlebt, dreihundert waren nach Theresienstadt deportiert worden. Pawlik legt Kiesel auf die Gräber der anderen, um dem Vergessen aller entgegenzuwirken. Es gibt also auch bei dem vielgereisten und dabei wenig abgebrühten Ransmayr Menschen, die ihrer Bestimmung folgen: mit den Engeln die Schöpfung zu behüten.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Steinmetz-Handwerk Ein Stück Erdgeschichte, auch mit QR-Code

Der Frankfurter Familienbetrieb Hofmeister arbeitet seit 150 Jahren mit Naturstein. Er spürt aber den Wandel der Trauerkultur an der Nachfrage: Das Material ist kein Selbstläufer Mehr Von Kerstin Pasemann

07.04.2015, 18:49 Uhr | Rhein-Main
Frankreich Hunderte jüdische Gräber geschändet

Auf einem Friedhof im Ort Sarre-Union im französischen Elsass sind hunderte jüdische Gräber geschändet worden. In Frankreich leben die größten Gemeinschaften von Juden und Muslimen in Westeuropa. Mehr

16.02.2015, 17:40 Uhr | Gesellschaft
Europa League Sevilla stürmt erst im zweiten Durchgang

Mit zwei Toren in der zweiten Halbzeit hat Titelverteidiger FC Sevilla seine gute Ausgangsposition für das Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League in St. Petersburg gewahrt. Auch der AC Florenz trifft gegen Kiew erst spät, während Brügge und Dnjepropetrowsk überhaupt keine Tore erzielen. Mehr

16.04.2015, 23:29 Uhr | Sport
Frankfurter Anthologie Albert von Schirnding: Nachricht an meinen Engel

Nachricht an meinen Engel von Albert von Schirnding, gelesen von Thomas Huber. Mehr

26.12.2014, 17:00 Uhr | Feuilleton
Gespensterjäger im Kino Schön grün, dieser schleimige Geist

Mit Gespensterjäger ist ein frühes Erfolgsbuch von Cornelia Funke fürs Kino verfilmt worden. Eine Riege Stars veredelt das Projekt, doch wirklich gut ist allein die animierte Figur Hugo. Mehr Von Andreas Platthaus

04.04.2015, 13:15 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.11.2012, 21:24 Uhr

Der Gipfel der Erregung

Von Manfred Köhler

Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir ist ein gewiefter Stratege. So hat er kürzlich einen hessischen Energiegipfel zur Sprache gebracht - ein gutes Ablenkungsmanöver, um eine Niederlage zu verbergen. Mehr 1