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„Ich-Stärkungs-Training“ in der Schule : Lernen, sich selbst toll zu finden

  • -Aktualisiert am

Mutprobe: Die Viertklässler sind begeistert vom „Ich-Stärkungs-Training“ mit Peter Wengler. Bild: Wonge Bergmann

Nach dem Konflikttraining in der Arche Nordweststadt sollen Viertklässler selbstbewusst durch das Leben gehen. Viele Mutproben müssen die Kinder dabei überstehen.

          Es ist die erste Mutprobe an diesem Vormittag. Zwei dicke blaue Matten liegen übereinander auf dem Boden der Turnhalle. 20 Viertklässler der Erich-Kästner-Schule stehen rundherum. Sie lauschen Peter Wengler. Der Mann ist groß und kräftig. Seine hellen blauen Augen suchen immerzu Kontakt, unentwegt lächelt er die Kinder an. Schließlich sagt er: „Ihr müsst genau zuhören. Es kann ein bisschen gefährlich werden.“

          Nicht Mathe oder Musik stehen heute auf dem Stundenplan, sondern Konflikttraining. Wengler erklärt, was es mit den beiden Matten auf sich hat. Dann zeigt er auf einen kleinen, schwarzhaarigen Jungen. Der löst sich aus dem Kreis. Seine Klassenkameraden bücken sich und heben die obere blaue Matte über ihre Köpfe. Der Junge legt sich mit dem Rücken auf die untere Matte und legt den Kopf auf die rechte Seite. Wengler sagt: „Ich zähle bis drei, und dann lassen wir alle die Matte runterfallen.“

          Das Kommando kommt. Die Kinder ziehen ihre Hände weg, das blaue Teil saust hinab und begräbt den Jungen. Schnell heben die Mitschüler die Matte wieder an, er schlüpft lachend darunter hervor. „Cool“, ruft er, „ich will nochmal.“ Das Mädchen neben ihm lächelt. Gar nicht so schlimm, die Übung. Jetzt ist sie dran. Rauf auf die Matte, Kopf nach rechts, Hände flach und - wusch.

          Jedem wird zugehört

          „Ich-Stärkungs-Training“ nennt Wengler das, was er an einem solchen Vormittag anbietet. „Ich-Stärkungs-Training bedeutet, dass ihr nicht nur andere, sondern auch euch selbst toll finden sollt.“ Wer selbstbewusst an der Bushaltestelle stehe, werde nicht dumm angequatscht. „Wer aber schüchtern ist, bekommt schneller Ärger.“

          Dass es heute um Konflikttraining geht, liegt an einer Studie. Die Universität Bielefeld hat herausgefunden, dass Kinder sozial schwacher Familien öfter Gewalt erleben als Kinder aus anderen Elternhäusern. Daraufhin hat sich eine Stiftung des Bayer-Konzerns, die die Studie in Auftrag gegeben hatte, dazu entschlossen, an 13 Orten in Deutschland solche Programme für Schüler zu finanzieren. Als Partner suchte sich die Stiftung das Kinder- und Jugendhilfswerk Arche aus. Zwei Standorte gibt es in Frankfurt, einen in der Nordweststadt, einen in Griesheim. Das Konzept der Arche ist in ganz Deutschland gleich: Jeder darf kommen, jedem wird zugehört. „Es gibt keine Hürden für die Kinder“, sagt Sozialpädagoge Jacco Scherer, „niemand muss sich anmelden oder einen Einkommensbescheid der Eltern vorlegen.“ Seit zwei Jahren arbeitet die Arche eng mit der Erich-Kästner-Schule zusammen.

          „Angst vor einem Mörder“

          In der Turnhalle teilt Wengler Filzstifte und Papier aus. „Was macht euch wütend, und was macht euch Angst?“ Die Kinder sollen es in zehn Minuten aufmalen. Die nächste Mutprobe verlangt, dass jeder vor die Klasse tritt und selbstbewusst sein Bild vorstellt. „Selbstbewusst - wisst ihr, wie das geht?“ Wengler macht es vor. Er geht ein Stück zurück, hält kurz inne und schreitet zurück in die Mitte. Er drückt die Schultern durch, schaut jedem Kind nacheinander in die Augen und lächelt noch ein bisschen mehr als sonst.

          Jetzt sind die anderen dran. Ein Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren hat Angst vor Messern: Ihr Bild zeigt eine kleine Figur und ein riesiges Messer. Ein Mädchen mit Zöpfen wird wütend, wenn es hässlich genannt wird: Ihr Bild zeigt drei Kinder, die ein viertes, abseits stehende Kind hässlich nennen. Als sie das Gemalte erklärte, nicken zwei Mitschülerinnen. Auch sie haben so eine Szene gemalt. „Ich habe Angst, dass mich ein Mörder tötet“, sagt ein Junge, der einen grimmigen grünen Mann gemalt hat. Er drückt die Schultern zwar nicht durch, als er vorne steht, spricht aber laut und setzt sich schnell wieder hin.

          In „emotionalen Notsituationen“

          Wer sich traut, vor anderen über seine Ängste zu reden, traut sich auch noch mehr, wie Wengler sagt. Wer Mut habe, könne sich auch einmal gegen die Gruppe stellen und sich für einen Klassenkameraden einsetzen. „Ich will, dass ihr niemanden ausgrenzt“, sagt Wengler. Das sei ihm besonders wichtig.

          „Viele Schüler leben in finanziellen und vor allem emotionalen Notsituationen“, erläutert Sozialpädagoge Jacco Scherer. Das Kinderhilfswerk Arche bietet an der Erich-Kästner-Schule ein kostenloses Mittagessen, Nachmittags- und Pausenbetreuung an. Dafür hat die Arche eigene Aufenthaltsräume im Schulhaus. „Für die Kinder in der Nordweststadt gibt es nur wenig Orte, an denen sie sich sicher aufhalten können“, meint Scherer. „Schon früh werden sie hier mit Kriminalität konfrontiert.“

          Konflikttrainer Wengler schließt am Anfang immer einen Vertrag mit den Kindern. Auf einen Papierbogen an der Wand malt er ein fröhliches und ein trauriges Gesicht. Darunter listet er mit der Klasse auf, wie sie sich den Umgang miteinander wünschen. Spaß, helfen, Respekt stehen in der lachenden Hälfte, hauen, ärgern, ausgrenzen in der anderen. Die Viertklässler unterschreiben den Vertrag.

          Mit viel Kinderlachen

          „Wer von euch hat manchmal Angst?“, will Wengler wissen. „Ich habe keine Angst“, ruft ein Junge aus der Ecke. Er fürchte sich vor gar nichts. „Jeder hat doch manchmal Angst“, sagt ein anderer leise. Das will der Trainer hören, das ist sein Stichwort. Er erzählt, wann er sich das letzte Mal gefürchtet habe. „Ich war auf einem Einsatz. Ihr müsst wissen: Ich bin nämlich Polizist“, sagt er. Die Kinder schauen ihn mit großen Augen an. Mehr als zwei Stunden war er einfach Peter, der Trainer mit den Mutproben, und jetzt soll er auf einmal Polizist sein?

          „Das stimmt doch gar nicht“, sagt der Junge, der manchmal Angst hat, und zeigt auf den Schriftzug auf Wenglers Hemd. „I-GSK“ steht darauf - eine Abkürzung für „Institut für Gewaltprävention, Selbstbehauptung und Konflikttraining“, das im Auftrag der Stiftung des Bayer-Konzerns die Trainer stellt. „Wer glaubt, dass ich kein Polizist bin?“, fragt Wengler und schaut in die Runde. Fast die Hälfte der Kinder hebt den Arm.

          Dann ist es Zeit für die letzte Mutprobe. Sie ist eigentlich nur eine Variation der ersten. Die zwei blauen Matten lehnen an der Wand. Drei Kinder quetschen sich dazwischen. Drei andere rennen gegen die äußere der Matten. Es klatscht, die Kinder lachen. Wengler nickt. Wozu Mut wichtig ist, haben sie heute gelernt.

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