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Goethe-Universität Frankfurt : Am Horizont ein „House of Theology“

Im Fokus: Judentum, Christentum und Islam. Vereint auf dieser Wand, waren Menora, Kreuz und Halbmond in diesem Jahr im Berliner Bode-Museum zu sehen. Bild: dpa

Bekommt die Uni Frankfurt ein „House of Theology“ - ein Dach, unter dem die verschiedenen Theologien vereint sind? Lohnen würde es sich, gerade weil sich gezeigt hat, dass es zwischen den Religionen noch Entscheidendes zu besprechen gibt.

          Am 18. und 19. Januar wird es ernst für Markus Wriedt und Thomas Schmidt. Dann erwarten die beiden Sprecher des Graduiertenkollegs „Theologie als Wissenschaft“ ein Prüfungsgremium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Es soll sich ein Bild von dem Graduiertenkolleg machen. Anfang Mai soll dann auf der Basis dieses Besuchs und des schon eingereichten Fortsetzungsantrags entschieden werden, ob die DFG es noch einmal für viereinhalb Jahre fördert; für die erste Phase gab es rund 2,1 Millionen Euro.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In dem interreligiös und -disziplinär angelegten Kolleg arbeiten seit April 2012 vier Hochschulen zusammen: die Universität Mainz, die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, die Jüdische Hochschule Heidelberg und – federführend – die Universität Frankfurt. An ihr arbeiten auch die Sprecher des Kollegs: Wriedt ist Kirchenhistoriker am Fachbereich Evangelische Theologie, Schmidt Religionsphilosoph am Fachbereich Katholische Theologie.

          Zwischen den Religionen gibt es Entscheidendes zu besprechen

          Wichtig für das Kolleg ist das an der Goethe-Universität ansässige Institut für Studien der Kultur und Religion des Islams, für das der Koranexeget Ömer Özsoy an dem Kolleg mitwirkt. Die Etablierung einer universitär betriebenen islamischen Theologie ist ausdrücklich ein Ziel des Kollegs. Vertreten sind über die anderen beteiligten Professoren zudem die Disziplinen Dogmatik, Kirchengeschichte und Fundamentaltheologie (jeweils katholischer Provenienz), Jüdische Religionsphilosophie, Jüdische Studien, Alte Geschichte und Philosophiegeschichte des Mittelalters.

          Eine Fortsetzung des Projekts würde sich lohnen, gerade weil es gezeigt hat, dass es zwischen den Religionen noch Entscheidendes zu besprechen gibt. Schmidt beschreibt das Kolleg als ein „Laboratorium“, in dem, einem Experiment ähnlich, viele Lernprozesse stattfänden. „Wir haben zum Beispiel gelernt, sorgfältiger auf die Sprache zu achten“, sagt er. Was genau unter „Offenbarung“ verstanden werde, unter „Vernunft“ oder „Glaube“, sei schon innerhalb einer Religion verschieden, aber auch zwischen Judentum, Christentum und Islam. Auch wurde deutlich, dass sich der hierzulande gängige Theologie-Begriff nicht gleichermaßen auf alle Religionen ausdehnen lässt, wie Wriedt hinzufügt. „Es gibt unterschiedliche Formen der Reflexion von Glaubensüberzeugungen.“

          Eine neue Einrichtung für theologische Forschung und Ausbildung

          Ziel des Kollegs ist es, zu untersuchen, wie Theologien entstanden sind und wie jene wissenschaftliche Reflexion des Glaubens heute neu plausibel gemacht werden kann. Denn dass die „Deutungskompetenz der Theologie(n) und ihr Wissenschaftscharakter zunehmend als prekär empfunden werden“, daraus machten schon die Antragsteller des Kollegs vor gut vier Jahren keinen Hehl. Schmidt und Wriedt setzen unter anderem viel auf den Besuch von Orten, an denen theologische Reflexion stattfindet. Die Kollegiaten waren zum Beispiel schon in Istanbul, Jerusalem und Oxford; auch in der englischen Universitätsstadt wird viel Religionsforschung betrieben.

          Die DFG fördert jeweils zwölf Promovenden über drei Jahre. Derzeit arbeitet bereits die zweite Gruppe an ihren Dissertationen. Zu ihr gehören Wael Abbas und Tabea Kraaz. Würde das Kolleg weitergeführt, wären am Ende fast 50 Stipendiaten durch diese interreligiöse und -disziplinäre Schule gegangen und könnten ihre Erfahrungen in ihre jeweiligen Tätigkeitsfelder weitertragen. „Wir hätten dann vier Generationen gut ausgebildet“, sagt Schmidt. Er verbindet mit einer möglichen Fortsetzung des Kollegs aber noch eine andere Hoffnung. Dieser Schritt könne dazu beitragen, eine neue Einrichtung für theologische Forschung und Ausbildung an der Goethe-Universität zu schaffen, ein „House of Theology“, in dem die verschiedenen Theologien unter einem Dach vereint wären.

          Die Basis dafür wird nach Ansicht Schmidts mit der Fortsetzung des Kollegs verstärkt, denn dann vertiefe sich der Austausch, Vertrauen könne weiter wachsen. Vorschläge für ein „House of Theology“ habe es immer wieder gegeben, die Erfahrungen im Kolleg seien jedoch belastbarer als jene Konzepte.

          Die interreligiöse Ausbildung beugt Einzelgängertum vor

          Schmidt und Wriedt haben aber auch konkrete Ideen, womit sich das Kolleg in der nächsten Zeit beschäftigen soll: unter anderem mit religiösen Experten, deren Legitimierung in den einzelnen Religionen und der Deutungshoheit, die sie innehaben – einen Rabbiner beispielsweise oder einen Korangelehrten. Der für alle Religionen zentrale Begriff der „Offenbarung“ steht im Mittelpunkt der bevorstehenden Winterschool, und die nächste Summerschool führt die Stipendiaten nach Sarajevo, wo es um die Vielfalt des christlichen und muslimischen Glaubens gehen soll.

          Nach Ansicht der beiden Sprecher fördert das Kolleg schon jetzt die Verständigung. „Die Stipendiaten tragen dazu bei, Ängste und Vorurteile abzubauen“, sagt Wriedt. Indem sie mit anderen religiösen Traditionen und mehreren Disziplinen konfrontiert würden, weite sich ihr Horizont, ergänzt Schmidt. „Das trägt zur Professionalisierung bei und beugt einem Einzelgängertum vor. Und das ist ein Gewinn.“

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