http://www.faz.net/-gzg-6y7ff
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.03.2012, 20:40 Uhr

Hotels und Restaurants in Hessen Gegen die Bettensteuer, gegen die Hygiene-Ampel

Hotels und Restaurants in Hessen erleben einen Boom. Die Branche freut sich, aber sie klagt auch, vor allem über die Bettensteuer.

von
© Wahl, Lucas Aufschwung im Federbett: Immer mehr Reisende wollen in Hessen übernachten.

Eine nominale Umsatzsteigerung von fast vier und eine reale von 2,8 Prozent hat im vergangenen Jahr das hessische Hotel- und Gaststättengewerbe erzielt. Diese Zahlen, sagte gestern der Präsident des hessischen Hotel- und Gaststättenverbandes, Gerald Kink, markierten die besten Wachstumsraten seit mehr als zehn Jahren. „Der Aufschwung ist endlich auch in der Gastronomie angekommen“, fügte er hinzu.

Jacqueline Vogt Folgen:

Zahlreiche hessische Kommunen haben in den vergangenen Tagen ihre Besuchs- und Übernachtungszahlen für 2011 bekanntgegeben, immer war von Zuwachs die Rede - jüngst in Frankfurt, wo im vergangenen Jahr 6,4 Millionen Übernachtungen gezählt wurden, noch einmal gut fünf Prozent mehr als 2010. Insgesamt, so bilanzierte Verbandspräsident Kink, der selbst in Wiesbaden das Hotel Oranien führt, habe das Gastgewerbe in Hessen 2011 fast drei Milliarden Euro netto und damit ein Zehntel des bundesweiten Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Die Auslastung aller Betten in Hessen hat 2011 bei zusammen 32,7 Prozent gelegen. 12,4 Millionen Gäste kamen in Hessen an, 29 Millionen Übernachtungen wurden gezählt.

Hygiene-Ampel führe in die Irre

Das Wachstum führt der Verband unter anderem auf den von der FDP in der schwarz-gelben Koalition im Bund durchgesetzten reduzierten Mehrwertsteuersatz für Übernachtungen zurück, der seit 1.Januar 2010 gilt. Dadurch, sagte Kink, sei die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Hotels nachhaltig gestärkt worden. Dass die seinerzeit in Politik und Öffentlichkeit umstrittene Gabe an die Branche zu segensreichen Auswirkungen in Sachen Investitions- und Beschäftigungsförderung geführt habe, sagt der Verband schon lange und auch, dass das nicht durch andere Maßnahmen konterkariert werden dürfe. Kink wiederholte das gestern: Die sogenannte Bettensteuer, eine kommunale Abgabe auf Übernachtungen, die bis zu drei Euro betragen kann, lehnt der Verband ab. Zu den Städten, die eine Bettensteuer erheben, gehört Darmstadt. Der Hotel- und Gaststättenverband hat dagegen eine Normenkontrollklage am Hessischen Verwaltungsgerichtshof eingereicht, entschieden ist noch nichts. Sollte die Abgabe für rechtens erklärt werden, sei „ein Flächenbrand“ zu befürchten, meinte Kink gestern. Viele Kommunen stünden „in den Startlöchern“, zu leiden hätten unter der Steuer vor allem die kleinen und mittleren Betriebe.

Ebenso wie die Bettensteuer lehnt der Hotel- und Gaststättenverband die bundesweit diskutierte, aber noch nicht verordnete Hygiene-Ampel zur Benotung der Sauberkeit von Gaststätten ab. Dies vor allem, so Kink, weil dem Verbraucher dadurch keine Vorteile entstünden, er sogar in die Irre geführt werde. Kritik hat sich immer wieder daran entzündet, dass Betriebe nach diesem Ampel-Modell nicht nur mit grünen und gelben, sondern auch mit roten Plaketten gekennzeichnet werden sollen. In diesem Falle, so die Argumentation der Gegner, müssten die Lokale doch eher geschlossen werden, und würden sie das nicht, lasse sich eine rote, „Stopp“ signalisierende Plakette nicht rechtfertigen. Die Hygiene-Ampel, sagte Kink, komme, wenn sie je Realität werde, einer Stigmatisierung nahe, zur Schaffung von Transparenz im Gastgewerbe sei sie nicht geeignet.

Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden

Für das laufende Jahr 2012 rechnet die Hotel- und Gaststättenbranche mit anhaltendem Aufwärtstrend und einem Umsatzplus von nominal rund zwei Prozent. Derzeit arbeiten im hessischen Gastgewerbe, zu dem fast 18.000 Hotels, Restaurants, Cafés und Bars gehören, 154.000 Frauen und Männer, ein Viertel davon sind Teilzeitbeschäftigte. Die meisten Beschäftigten hat laut Statistischem Landesamt in Wiesbaden mit 117.201 die Gastronomie, von ihnen wiederum sind 70.109 in Restaurants, Cafés, Eisdielen und Imbisshallen tätig, 9123 in der sogenannten getränkegeprägten Gastronomie, also vorwiegend in Bars, und 37969 in Kantinen und Catering-Unternehmen.

Trotz des Booms haben viele Betriebe Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Die Zahl der Auszubildenden lag 2011 unterhalb von 5000, vor zwei Jahren waren es 6200. Es werde immer schwieriger, junge Leute für Berufe in Hotels und Gaststätten zu gewinnen, sagt Kink. Ein Grund dafür seien die „nicht immer arbeitnehmerfreundlichen Arbeitszeiten“.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zu wenig Thermalwasser Plan eines Geothermie-Werks in Hessen scheitert

Das erste Erdwärme-Kraftwerk in Hessen sollte Energie aus großer Tiefe holen. Die Landesregierung unterstützte das Projekt. Nun stellt sich heraus: Die Wärme reicht nicht. Mehr

23.08.2016, 16:47 Uhr | Rhein-Main
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Ditib-Kooperation problemlos Lorz: Zahl der Lehrerstellen erreicht Allzeithoch

An den hessischen Schulen stehen zum neuen Schuljahr 50.900 Stellen für Lehrkräfte zur Verfügung. Um die Zahl zu würdigen, bedient sich Kultusminister Lorz eines Begriffs aus der Börsensprache. Mehr

25.08.2016, 11:29 Uhr | Rhein-Main
Zerstörerische Naturgewalt In Kalifornien tobt ein Flächenbrand

Bereits 80.000 Menschen mussten wegen den Bränden bereits ihre Häuser verlassen. Auch von einem weltberühmten Restaurant ist nur noch ein Haufen Asche übrig. Mehr

21.08.2016, 17:35 Uhr | Gesellschaft
Zentralstelle in Gießen Hessen baut Kampf gegen Internetkriminalität aus

Unlängst haben sie den mutmaßlichen Verkäufer der beim Münchener Amoklauf verwendeten Waffe überführt - nun sollen die Gießener Internet-Ermittler weiteren Zuwachs bekommen. Mehr

25.08.2016, 12:20 Uhr | Rhein-Main

Stopp für Tempo 30

Von Matthias Alexander

Am Ende geht es bei Tempo 30 auf großen Frankfurter Straßen um die Frage, ob es eine leichte Reduzierung der Fahrgeräusche rechtfertigt, Autos nachts durch die Stadt schleichen zu lassen. Mehr 4 11

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen