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Seelsorgeangebot in Frankfurt : Homosexuell, katholisch, willkommen

  • -Aktualisiert am

„Wir sind keine Disziplinaranstalt“: Ansgar Wucherpfennig, Leiter der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt Bild: Frank Röth

Mit einem Seelsorgeangebot für Schwule, Lesben und deren Angehörige stößt die Stadtkirche Frankfurt einen Prozess des Umdenkens an.

          Entschlossen trat er in die Pedale. Der Fahrtwind trug die Worte fort, die er sich aus der Seele schrie: „Dafür wirst du in der Hölle schmoren!“ Die Fahrkarte in die Hölle kostete 30 Euro und eine Unterschrift – mehr war nicht nötig, um aus der katholischen Kirche auszutreten. Heute fürchtet Thomas Michaels, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, die Hölle nicht. Statt Angst spürt er Erleichterung. Michaels ist 60 Jahre alt, gläubig und schwul. Daraus macht er kein großes Geheimnis, aber auch kein Thema. Vor neun Jahren ist er aus der katholischen Kirche aus- und vor knapp zwei Jahren wieder eingetreten. Raus wollte er, weil ihn die Haltung der katholischen Kirche im Umgang mit Homosexuellen störte. Rein ist er wieder, weil genau diese Haltung eine andere geworden ist. Offener und dem einzelnen Menschen zugewandt, wie er sagt.

          Nicht zuletzt entschied sich Michaels wieder für den Eintritt, weil die katholische Stadtkirche in Frankfurt seit einigen Jahren ein Beratungsangebot für Homosexuelle anbietet. Der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Ansgar Wucherpfennig, ist gemeinsam mit Seelsorgerin Helga Weidemann Ansprechpartner für Schwule und Lesben – für Menschen, die sich bisher aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen fühlten.

          „Wir sind keine Disziplinaranstalt“

          Wucherpfennig hört zu – das kann er gut. Er lässt Angehörige erzählen, die nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, wenn der Sohn plötzlich einen Mann, wenn die Tochter, Schwester oder Partnerin eine Frau liebt. Er hört zu, wenn Homosexuelle selbst anrufen, die mit sich, ihrem Glauben oder der Haltung der Kirche hadern. Meist sagt er wenig. Nur manchmal erzählt er, wie er erst auf Menschen wie Thomas Michaels treffen musste, um neue Perspektiven zuzulassen.

          Als sich die beiden Männer kennenlernten, war Michaels schon aus der katholischen Kirche ausgetreten. Es war schon Monate her, dass er, das Höllen-Lied auf den Lippen, zum Amtsgericht geradelt war. Auslöser für seinen Entschluss war damals die umstrittene Amtsenthebung eines Wetzlarer Pfarrers durch den damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gewesen. Der Wetzlarer Peter Kollas hatte 2008 zusammen mit einem evangelischen Pfarrer einem gleichgeschlechtlichen Paar nach dessen gesetzlicher Verpartnerung auch den kirchlichen Segen erteilt – Tebartz-van Elst berief Kollas daraufhin vom Amt des Bezirksdekans ab. Das war zu viel für Thomas Michaels. Er trat aus, blieb aber Christ, wie er sagt. „Die Nähe zu Christus kann mir keiner nehmen.“

          Wucherpfenning und Michaels begannen zu reden, über Gott und die Welt, den Glauben und die Rolle von Homosexuellen in der Kirche. Der Geistliche sah den Kirchenaustritt seines Freundes als logische Konsequenz. Schließlich verstand er die Gründe, konnte nachvollziehen, warum Michaels sich auf seine Sexualität reduziert fühlte. Aber irgendwann stellte Wucherpfennig sich immer häufiger die Frage: Wieso sollen sich Menschen wie Thomas Michaels ändern, wieso nicht die Kirche? „Wir können das nicht verantworten, dass wir Menschen, für die die Homosexualität zur Identität gehört, von der Kirche ausschließen“, sagt Wucherpfennig heute. „Wir sind keine Disziplinaranstalt.“ Er habe gelernt, wieder den Menschen zu sehen, und begonnen, an seiner eigenen Haltung zu zweifeln.

          Es gab viele Gespräche zwischen den beiden Männern, es gibt sie noch immer. Aber die Themen sind mittlerweile andere geworden. Über Homosexualität sprechen sie fast gar nicht mehr. Dafür über Musik, Kunst, Alltag. Doch es waren die Anfangsgespräche, die etwas in ihnen bewegt haben. Wucherpfennig hat das Amt des Seelsorgers übernommen. Michaels ist wieder in die Kirche eingetreten: „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mit meiner Homosexualität etwas Unrechtes tue. Gott hat mich mit dem Verlangen geschaffen. Warum sollte er mich deswegen ablehnen?“

          Die erwartete Kritik an der Frankfurter Stadtkirche und an dem Projekt „Homosexualität in der Kirche“ blieb aus. Zumindest offiziell. Getuschelt wurde – so laut, dass auch Wucherpfennig das hörte. „Das war wie ein Schuss in den Rücken“, erinnert er sich. Aber es gab auch Lob für den mutigen Schritt, die neue Haltung, und den Namen des Seelsorgeangebots: „Den Menschen sehen. Seelsorge für homosexuelle Männer und Frauen“, lautet der Slogan auf der Internetseite der Stadtkirche. „Die Kirche hat mit der Seelsorgestelle spät, für viele zu spät, deutlich gemacht, dass es Homosexualität in der Kirche gibt“, sagt Wucherpfennig. „Geben darf“, fügt er nachdenklich hinzu.

          Quelle: F.A.Z.

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