Es ist schon ein kleiner Vatikan, der in Fulda den Domplatz vis-à-vis vom barocken Stadtschloss und der prächtigen Orangerie schmückt. Mit seinem weiß getönten Innenraum und der Kuppel nimmt der Hohe Dom zu Fulda unverkennbar Anleihen am Petersdom in Rom und an der Lateranbasilika. Das war auch die Absicht, mit der Barockbaumeister Johann Dientzenhofer in Fulda ans Werk ging, nachdem er 1699 nach einer Studienreise, die ihn nach Rom geführt hatte, vom Papst als Baumeister empfohlen worden war. Der Dom, der Sankt Salvator als Christus dem Erlöser geweiht ist, gilt bis heute als Symbol des Katholizismus in Deutschland.
Am 14. August, 300 Jahre nach seiner Weihe durch Fürstabt Adalbert von Schleifras kraft eines päpstlichen Privilegs, feiert das Bistum Fulda das Jubiläum am Dienstag und am Mittwoch, und in Fulda versteht man zu feiern. Den Auftakt bildet morgen um 18.30 Uhr ein Konzert mit Textbeiträgen im Dom unter dem Titel „Gedenken an den Dom“. Am Mittwochfolgt um 19.45 Uhr ein Pontifikalamt mit Bischof Heinz Josef Algermissen, an das sich die traditionelle Lichterprozession durch den Schlossgarten anschließt. Zum Domjubiläum gibt das Bistum eine eigene Briefmarke heraus, und weil auch die Kirche mit der Zeit geht, wurde aus dem „Angelusläuten“ des Fuldaer Doms ein Klingelton abgeleitet, der von den Bistumsseiten im Internet kostenlos auf das Smartphone heruntergeladen werden kann.
Ein Wunsch wurde nicht erfüllt
Das alles hätte sich Bonifatius nicht träumen lassen, dessen sterbliche Reste in der Krypta des Domes zu Fulda bestattet sind. Bonifatius war nicht der Gründer des Klosters zu Fulda. Aber der Missionar aus dem Süden Englands hatte seinen Freund und Schüler Sturmius beauftragt, das Kloster 744 in Fulda zu errichten. Bonifatius, den die ebenfalls aus dem Süden Englands stammende, später heilig gesprochene, Benediktinerin Lioba in der Missionierung des fränkischen Reiches unterstützte, muss als alter Mann nicht mehr recht an den Erfolg seiner Mission geglaubt haben, schildert Werner Kathrein, Domdechant von Fulda, Kirchenhistoriker und Hochschullehrer, die späten Jahre des Bonifatius.
Der Missionar, der in den frühen 670er Jahren bei Exeter geboren worden war, kam am 5. Juni 754, also im Alter von immerhin 80 oder mehr Jahren, ums Leben, als er und seine Mitreisenden im heute niederländischen Dokkum von ungläubigen Friesen oder ganz schlichten Räubern ermordet wurde. Bonifatius wurde auf seinen Wunsch hin in Fulda beigesetzt. Sein weiterer Wunsch, im Grabe mit Lioba vereint zu sein, wurde - einstweilen - nicht erfüllt.
Lange Phase der Zerstörung
Im 8. und 9. Jahrhundert stieg das Kloster zu Fulda zu Ruhm auf. Es muss eines der wichtigsten geistlichen Zentren nördlich der Alpen gewesen sein. Etwa dort, wo heute der Dom steht, entstand mit vergleichbaren Ausmaßen die Ratgar-Basilika, die als die größte Basilika nördlich der Alpen galt und 819 geweiht wurde. Bonifatius fand hier seine Ruhestätte. Im 10. Jahrhundert entstand vor der Basilika ein Paradies, eine offene Säulenanlage auf dem Gebiet des heutigen Domplatzes. Derweil die Fürstäbte in einem kleineren Territorialstaat herrschten, der etwa von Bad Hersfeld im Norden bis ins heute fränkische Hammelburg im Süden reichte, sank die Bedeutung des Klosters im Laufe des Mittelalters, bis sich diese Epoche schließlich selbst verzehrt hatte. In Deutschland und Europa veränderte die Reformation nicht nur die Welt der Kirche, sondern die Kultur, die Politik, die Wissenschaften und die Ökonomie. Reformation und Gegenreformation schlugen wie Wellen über Teilen des Kontinents zusammen. Über Jahrzehnte wurden Schlachten geschlagen, die von Überzeugungen des Glaubens ebenso getrieben waren wie von politischen Interessen. Der spanisch-niederländische Krieg dauerte sogar von 1568 an 80 Jahre, bis er mit dem 30 jährigen Krieg 1648 im Westfälischen Frieden endete.
In dieser langen Phase der Zerstörung, mit der die neue Zeit begann, suchte die katholische Kirche mit dem Konzil von Trient in drei Tagungsperioden während der Jahre 1545 bis 1563 die Erneuerung durch die Rückbesinnung auf ihre Werte. Mit der katholischen Reform wollte sich die Kirche der protestantischen Reformation entgegenstellen - auch in Fulda.
Reformwille
Dort wurde Balthasar von Dernbach 1570 im Alter von 22 Jahren zum Abt gewählt. Er hat die katholischen Reformbemühungen nach Kathreins Worten „auf geharnischte Weise“ durchzusetzen versucht. Von Dernbach holte 1574 die Jesuiten nach Fulda und war durch päpstliche Privilegien autorisiert. Durch den Malefizmeister Balthasar Nuss ließ er Hexenprozesse führen, denen, je nach Quelle, etwa 250 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.
„Mit Abt Joachim von Gravenegg (1644 bis 71)“, fährt Kathrein fort, „hatte der Reformwille auch die eigentliche benediktinische Mitte des Stifts erreicht“. Ihm ging es um die Renaissance wirklichen Klosterlebens. Allerdings müssen Stiftskirche und Abtei in einem erbarmungswürdigen Zustand gewesen sein. In seinem Visitationsrezess von 1627 hatte der Kölner Nuntius Petrus Aloysius Carafa die Morbidität und Durchfeuchtung der Mauern der Stiftskirche bemängelt und die fehlende Möglichkeit, Novizen in den Orden aufzunehmen.
Loslösung von Fulda betrieben
Nun also kam Zweierlei zusammen: der Wille zu einem Neubeginn und das nicht zu leugnende Ende der alten Zeit, für die das Verrotten der alten Bauwerke sinnbildlich stand. Der Bau einer neuen Kirche war die beinahe zwingende Konsequenz. Für Kathrein ist der Dom somit die „Frucht“ und das „Abbild“ der Reform von Trient. Denn der Dom von Fulda ist für den Besucher, der das Bauwerk betritt, zunächst als Repräsentationskirche wahrnehmbar. Der Blick fällt in der Weite des Raums auf den für seine Zeit neuen Hochaltar. Dahinter und für den Besucher beim Betreten der Kirche zunächst nicht wahrnehmbar, liegt im Westen der Mönchschor, wo heute das Domkapitel zusammenkommt. Nicht zuletzt ist der Dom aber auch Wallfahrtskirche. Die Seitenschiffe sind zu breiten Prozessionswegen aufgelöst, damit die Gläubigen aus dem Fuldaer Land nicht nur zum Dom, sondern durch den Dom zum Grab des Heiligen Bonifatius pilgern können.
Der Abt Adalbert von Schleifras, unter dem die neue Kirche entstand, war 1650 in Reichlos geboren und evangelisch getauft worden. Kathrein legt nahe, dass die Aussicht auf ein „kirchliches Benefizium“, ein mit Einkommen verbundenes kirchliches Amt, ihn zur Konversion zum katholischen Glauben bewogen haben könnte. Schleifras wurde in Fulda Benediktiner, verfolgte nach Kathreins Worten zielstrebig eine kirchliche Karriere. Am 1. Juli 1700 wurde er Fürstabt von Fulda. Er betrieb die Loslösung Fuldas, das noch kein Bischofssitz war, von der Diözese Würzburg, berief Dientzenhofer als Baumeister und legte am 23. April 1704 den Grundstein für die neue Kirche, die am selben Ort wie die Ratgar-Basilika entstand. Die romanische Kirche wurde niedergelegt, aber die Krypta mit der Grablege des Heiligen Bonifatius blieb die Krypta der neuen Kirche, und die Türme der romanischen Basilika wurden barock überformt. Die Kirch- und Altarweihen des Neubaus begannen am 14. August 1712. Domprediger Wendelinus Harding verglich den Fürstabt wegen des Neubaus mit Phoenix, der aus der Asche erstand, und den neuen Hochaltar - den das Konzil von Trient als sichtbares liturgisches Zeichen in den Mittelpunkt der Kirche gerückt hatte, nachdem im Mittelalter die Gemeinde und der sakrale Raum durch einen Lettner voneinander getrennt waren - mit dem alexandrinischen Leuchtturm.
Durch Napoleon in Bedrängnis geraten
Mit „üppiger Leidenschaft“, schreibt Kathrein, wandte sich später Fürstabt Amand von Buseck dem Dom zu, der „es ebenso liebte, Entwürfe für Gärten wie für Pektoralien (Brustschmuck) anzufertigen“. Von Buseck empfing 1728 die Bischofsweihe und regierte von 1752 an, nachdem Papst Benedikt XIV, die Abtei in den Rang eines Bistums erhoben hatte, als Fürstbischof. Von Buseck liebte die Inszenierung und verstand es, Bonifatius als Bistums- und Landespatron regelrecht aufzubauen. Er holte die Weihe des Bonifatiusaltars in der Gruft nach und schuf die Ordnung zu jährlichen Wallfahrten zum Grab des Bonifatius.
In Bedrängnis kam die Kirche in der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Armeen Napoleon Europa eroberten. Die Domkirche verlor ihre materielle Basis, der Konvent wurde aufgehoben und das kulturelle Leben verstummte. Die Kirche wurde regelrecht geplündert. Nach den Schlachten von Jena und Auerstädt geriet Fulda unter napoleonische Verwaltung, der Dom wurde am 5. Dezember 1806 zum Gefangenenlager. Doch es war genau diese Bedrohung von Außen, in der die Katholiken - befreit vom Feudalen - zur Volkskirche zusammenrückten und neue Kraft gewannen.
Kulturkampf gegen Katholiken
Es war Adalbert von Harstall, der als letzter Fürstbischof von Fulda in die Rolle eines Volksbischofs wuchs. Zum Goldenen Priesterjubiläum von Harstalls 1812 - unter französischer Besatzung - sagte der bischöfliche Kaplan Leonhard Pfaff, dass nur noch Religion und Geschichte als Kräfte geblieben seien. Kathrein wertet diese Aussage als prophetisch, „denn aus diesen Kräften erfolgte die Reorganisation der deutschen Kirche im 19. Jahrhundert, für die der Fuldaer Dom und die Renaissance des Bonifatiuskultes charakteristisch sind“.
Denn der Säkularisation folgte für die Katholiken der Kulturkampf, in dem sie im 19. Jahrhundert unter der preußischen Staatsmacht wiederum in Bedrängnis gerieten. Doch so, wie sie sich schon durch die Säkularisation auf den Weg in die Volkskirche begaben, wurden sie unter dem politischen Druck ihrerseits zunehmend politisch. Bonifatius wurde zum Apostolus Germanorum gedeutet, der Kultur in die Barbarei gebracht hatte.
Ggeen totalitäre Systeme abgegrenzt
Mit dem „Zentrum“ schuf sich der politische Katholizismus seine Partei, die im Gegensatz zu den Parteien im protestantischen Milieu nicht einzelne Gruppen einer auseinanderstrebenden Gesellschaft vertrat, sondern die Gesamtheit der Gesellschaft Hand in Hand mit der Caritas, der Kolpingfamilie, der Katholischen Arbeitnehmerschaft und anderen Verbänden. Während der Sozialistengesetze vertrat das Zentrum die Interessen der ökonomisch Schwachen im Reichstag.
Vor allem aber grenzte sich der politische Katholizismus gegen totalitäre Systeme ab. Am 5. Juni 1934, am Todestag des Bonifatius, fand der Rottenburger Bischof Johannes Baptista Sproll bei seiner Predigt in Fulda kritische Worte. Diese Worte am Grab des Bonifatius, dem Apostel der Deutschen, fanden im Reich Gehör. Die Fuldaer hatten ein Jahr zuvor in der letzten freien Wahl vor allem das Zentrum gewählt. Für die NSDAP votierte kein Viertel der Wähler. Auch mit der sozialistischen Diktatur machte man sich nicht gemein. Nach der Teilung Deutschlands reichte das Bistum Fulda bis weit nach Thüringen.
Voller Gebeine
Nach dem Krieg wurde Bonifatius im Bewusstsein des Katholiken zum einigenden Europäer, der Karl dem Großen vorausgegangen war. In Fulda gingen die Bürger daran, ihre Stadt, ihre Kirchen und den Dom wieder herzustellen.
Schließlich konnten ausgesuchte Fuldaer sogar noch einen Blick auf die sterblichen Reste des Bonifatius werfen. In einem Beitrag für die F.A.Z. berichtete Domkapitular und Domkustos Ludwig Pralle am 11. Mai 1966 von der Öffnung des Grabes des Bonifatius. In Anwesenheit des Bischofs stieß man auf einen Holzschrein von 17 mal 26 mal 11,5 Zentimeter voller Gebeine, teils verkohlter Partikel und einer ascheartigen Masse. Unter der Leitung eines Chefarztes des Fuldaer Krankenhauses, Hans Reitter, rekonstruierte eine Gruppe von Ärzten, dass sich die nicht angekohlten Skelettteile zu einem hünenhaft großen Mann von bis zu 195 Zentimeter Körpergröße zusammenfügen ließen, der außerordentlich muskelstark gewesen sein muss, aber schon stark gealtert war. Der Vergleich des Gebeinfundes mit einer authentischen Reliquie des Bonifatius ergab, dass es sich um die sterblichen Reste des Heiligen handeln musste.