Die Umrisse eines zugemauerten spitzbogigen Eingangs sind in der Nordwand des Hofguts Patershausen nicht zu übersehen. An einigen Stellen haben sich Putzreste erhalten. Etwas weiter rechts deutet die Form der Steine in der Mauer darauf hin, dass es dort vor Jahrhunderten einen zweiten Durchgang oder ein Fenster gegeben hatte. Der Frage, was es damit auf sich hat, ist der Mainzer Kunsthistoriker und Bauforscher Lorenz Frank seit April nachgegangen. Die Stadt Heusenstamm und die Untere Denkmalschutzbehörde des Kreises Offenbach versuchen seit Jahren, die Geschichte des Hofguts, das früher einmal Zisterzienserinnenkloster war, genauer zu ergründen. Frank wurde in Patershausen tätig, nachdem ihn der zuständige Gebietsreferent des Landesamts für Denkmalpflege, Udo Schreiber, angesprochen hatte.
Im 13. Jahrhundert entstand das Kloster, in dem einst mehr als 50 Nonnen lebten. Es gehörte zu den größten Frauenklöstern im Gebiet des heutigen Landes Hessen. Aus etwa 50 Höfen und Gütern sowie aus nicht weniger als 200 Ortschaften bezog es seine Einkünfte. Im Zuge der Reformation, die den Ort 1556 erreichte, wurde es aufgelöst. 1741 erwarb die Gräfin Maria Theresia von Schönborn die Reste des ehemaligen Klosters.
Buche und Esche aus dem 15. Jahrhundert
Zwei Gerüsthölzer aus der Nordwand des ehemaligen Konventbaus ließ Frank dendrochronologisch untersuchen. Früher verwendeten die Maurer keine mobilen Gerüste, sondern brachten, wenn eine Mauer zu errichten war, jeweils in Brusthöhe Gerüsthölzer an. Auf die aus der Wand herausstehenden Hölzer legten sie Bretter, von denen aus in die Höhe weitergemauert wurde. Fertige Wände wurden von oben nach unten verputzt und überstehende Stücke der Gerüsthölzer abgebeilt. Die beiden in der Mauer entdeckten Gerüsthölzer - Buche und Esche - wiesen 48 und 44 Jahresringe auf, die es erlaubten, ihr Fälldatum auf den Winter 1499/1500 zu datieren. Um diese Zeit wurde das Kloster also umgebaut.
Damals dürften Konventbau und Kirche entstanden sein. Nach Franks Einschätzung ist noch die Nordwand von der Klosterkirche erhalten, deren übrige Mauern 1720 - beim Bau des heutigen Stalls - abgerissen wurden. Die Nordwand blieb stehen und wurde fortan als Stallmauer genutzt. Zuvor diente der spitzbogige Eingang als Durchgang von der Kirche zu einem Kapellenanbau, der die Zeitläufte allerdings auch nicht überdauerte. Bei den Putzresten dürfte es sich um den originalen Innenputz der Kirche zum Anbau hin handeln. Der Putz und ebenfalls vorhandene Reste der Farbfassungen über dem Eingang sollen nach Angaben von Frank von einer Restauratorin untersucht und gesichert werden.
Jakoby: Fundamente der Öffentlichkeit zugänglich machen
An der Ostseite des Stalls sind für das nächste Jahr Grabungen vorgesehen, von denen sich Frank weitere Aufschlüsse zur Baugeschichte verspricht: Bodenradaruntersuchungen ließen dort rundliche Strukturen in der Erde erkennen, die auf die Apsis der nach Osten ausgerichteten Klosterkirche hinweisen. Schon 1982 stieß der Heimatforscher Richard Wimmer bei einer Grabung in der Nähe der Nordwand auf Skelette. Möglicherweise wurden in dem Kapellenanbau Tote bestattet.
In die Westmauer des Hofguts ist die Grabplatte der 1508 gestorbenen Elisabeth Brendel von Homburg eingelassen. Sie war die Frau des Ritters Martin von Heusenstamm und die Mutter von Sebastian von Heusenstamm, Erzbischof von Mainz und Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches. Sie könnte den Neubau von 1499/1500 gespendet haben, um später in der Klosterkirche bestattet zu werden. Bürgermeister Peter Jakoby (CDU) deutete die Möglichkeit an, freigelegte Fundamente - etwa der Apsis - der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Denkbar wäre auch, eine Animation herstellen zu lassen, wie das Kloster früher ausgesehen habe. Jakoby hofft auf weitere Erkenntnisse auch aus alten Akten, die in Würzburger Archiven gesichtet werden sollen.