Auf dem Beipackzettel von Medikamenten gelten Nebenwirkungen als sehr häufig, wenn sie bei mehr als einem von zehn Behandelten auftreten. Je nach Schwere der Nebenwirkung würde man sich die Einnahme eines solchen Präparats gut überlegen. Sasa-Marcel Maksan, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Bad Homburger Krankenhaus, wäre bei dem jüngst vorgenommenen Eingriff über eine solche Quote froh gewesen. Lange hat er sich mit dem 75Jahre alten Patienten und dessen Angehörigen besprochen. Denn die Erfolgsaussicht für die Transplantation eines Stücks Hauptschlagader habe nur bei 20Prozent gelegen, sagte Maksan jetzt. Doch das Wagnis hat sich für alle Beteiligten gelohnt. Zwei Wochen nach der Operation kann der Patient nach Hause gehen.
Eine Aortatransplantation sei die „größte Chirurgie, die man sich vorstellen kann“, sagte Maksan. Sie werde in Deutschland weniger als 100 Mal im Jahr vorgenommen. Zum Vergleich: Lebertransplantationen weist die Statistik mehr als 1000 aus. Für die Hochtaunuskliniken war es eine Premiere.
Sechs Stunden Operation
Die Aorta, die am Herz entspringt und bis zum Becken führt, wird extrem beansprucht. 7200 Liter pumpt das Herz jeden Tag mit mehr als 115000Schlägen hindurch. Eine sackartige Ausbuchtung, ein Aneurysma, kann deshalb lebensbedrohlich werden. Den jetzt operierten Patienten behandelte Maksan schon einmal, als dieser mit durchgebrochenem Dickdarmkrebs und starker Bauchfellentzündung in die Hochtaunuskliniken kam. Weil dessen Bauchaneurysma zu bluten begann, musste der Chefarzt in einem Notfalleingriff die Bauchschlagader unterhalb der Nierenarterien abklemmen. Damit die Beine weiter durchblutet wurden, schuf er eine künstliche Verbindung von der Schlüsselbeinschlagader zum Bein. Die schlauchartige Prothese lag unter der Haut, aber außerhalb des Bauchraums.
Ein Jahr später hatte sich die künstliche Schlagader infiziert. Maksan entschloss sich dazu, eine Spenderaorta an der ursprünglichen Position im Bauch einzusetzen, der nicht mehr entzündet war. In einer sechsstündigen Operation stellte er mit dem 13 Zentimeter langen Gefäß die Verbindung zwischen den Enden der Hauptschlagader wieder her. Der Umgang mit der tiefgefrorenen Spenderaorta sei extrem anspruchsvoll, erläuterte der Chefarzt. Derartiges Gewebe werde bei Organspendern ebenso wie Nieren, Herz oder Hornhaut entnommen. Weil das Blut schnell durch die Aorta fließe, sei die Kontaktzeit vergleichsweise gering. Deshalb müsse die körpereigene Immunreaktion auf das fremde Gewebe weniger stark unterdrückt werden als bei anderen Organen.
84 Jahre alte Dame war zweite Patientin
Maksan leitet seit April 2011 die neu gegründete Klinik für Gefäßchirurgie. Die Aortentransplantation sei die bisher größte Operation an den Hochtaunuskliniken gewesen, sagte Geschäftsführerin Julia Hefty. In Deutschland wagten nur wenige große Krankenhäuser wie die Universitätskliniken Leipzig, Hannover, München, Kiel und Berlin diesen Eingriff. Die Hochtaunuskliniken seien als Zentrum für Erkrankungen des Gefäßsystems im Rhein-Main-Gebiet inzwischen führend. Erfahrungen mit dieser Art der Transplantation hat der Chefarzt unter anderem in Paris gesammelt. Er lobte die Arbeitsbedingungen am Bad Homburger Krankenhaus, wo er inzwischen das gesamte medizinische Spektrum anbieten könne. „Die Rahmenbedingungen sind schon im Altbau hervorragend“, sagte Maksan. „Im Neubau würden sie sich nochmals verbessern.“
Zufällig nahm der Chirurg nur eine Woche nach der ersten Gefäßtransplantation an den Hochtaunuskliniken gleich die zweite vor. Einer 84 Jahre alten Frau, deren linker Unterschenkel schon amputiert war, drohte auch der Verlust des Oberschenkels. Sie hatte trotz vier Bypassoperationen Durchblutungsstörungen. Maksan transplantierte eine Spendervene. Vor knapp zwei Jahren hatte er schon das rechte Bein der Frau gerettet. Es hatte in einer anderen Klinik ebenfalls amputiert werden sollen. Damals verwendete der Chirurg Venen aus den Armen der Patientin. Wenn möglich, seien körpereigene Venen wegen der ausbleibenden Abstoßungsreaktion vorzuziehen, sagte der Mediziner. „Darauf greifen wir in 95Prozent der Fälle zurück.“ Angesichts der vielen hochbetagten Patienten im Hochtaunuskreis rechnet Maksan mit einem Zuwachs an derartigen hochkomplexen Eingriffen.