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Hochschulen in Thüringen Schöner studieren im nahen Osten

 ·  Ilmenau statt Frankfurt, Jena statt Mainz - dass die Hochschulen in den neuen Bundesländern viel zu bieten haben, soll eine großangelegte Werbekampagne zeigen.

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Mit der Ironie ist das so eine Sache. Wenn Isabell Koch am Infostand steht, umgeben von Werbematerial mit dem Aufdruck „Studieren in Fernost“, muss sie sich von Neugierigen manchmal fragen lassen, ob sie von einer Uni in Asien komme. Dabei ist die Alma Mater der jungen Frau gerade einmal 271Kilometer von Frankfurt entfernt: Koch studiert Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Medien an der Technischen Universität Ilmenau (TU). Es ist also eher der nahe Osten, für den die „Hochschulinitiative Neue Bundesländer“ Abiturienten in Westdeutschland gewinnen will. In der vergangenen Woche hat Koch als „Studentische Botschafterin“ unter anderem Mainz und Frankfurt besucht, zusammen mit dem Rektor ihrer Uni und einem Vertreter des thüringischen Wissenschaftsministeriums.

Im Gespräch mit Schülern bekommt Koch öfters die klassischen Vorurteile über Ostdeutschland zu hören: „Plattenbauten, alles grau in grau, nichts los dort.“ Sie selbst hat sich von solchen Klischees nicht abschrecken lassen. Nach dem Abitur suchte sie einen Studienplatz im Umkreis von 300 bis 400 Kilometern um ihre Heimatstadt Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis. Bekannte schwärmten ihr von Ilmenau vor, 2010 ging sie das Wagnis ein. Bereut hat sie es augenscheinlich nicht. Ihre Begeisterung für Stadt und Uni bekundete die Zweiundzwanzigjährige so überzeugend, dass sie schließlich gefragt wurde, ob sie im Westen auf PR-Tour gehen wolle.

Statt postsozialistischer Tristesse erlebte Koch nach eigenen Worten einen Studienort mit guten Lernbedingungen und geringen Lebenshaltungskosten - beides Merkmale, die Studienanfänger schon in einer Umfrage des Hochschuldienstleisters HIS aus dem Jahr 2007 mit ostdeutschen Unis in Verbindung brachten. Quälende Enge in Hörsälen, wie sie an den Unis in Frankfurt oder Mainz zum Alltag gehört, hat Koch bisher nicht erlebt, wie sie sagt. „Ich musste noch nie auf dem Fußboden sitzen.“

Berichte über Rechtsextreme schrecken ab

Auch was die Unterkunft angehe, habe sie es besser als ihr Bruder, der im Frankfurter Gallus wohne: „Mein Zimmer hat zehn Quadratmeter mehr, und trotzdem zahle ich etwa 150 Euro weniger als er.“ Die niedrigen Mieten gehören zu den stärksten Argumenten, die TU-Rektor Peter Scharff für Ilmenau anführen kann: Ein Platz im Studentenwohnheim sei für 150 bis 220Euro monatlich zu haben, die Mieten für Privatzimmer bewegten sich auf ähnlichem Niveau.

Weniger verlockend erschienen den Befragten der HIS-Studie seinerzeit das Image der ostdeutschen Hochschulen und die Attraktivität der Städte. Zusätzlich abschreckend vor allem auf Abiturienten aus Zuwandererfamilien dürften Berichte über den Rechtsextremismus wirken, der angeblich große Teile der ostdeutschen Gesellschaft durchdringt. Scharff glaubt, solche Bedenken für Ilmenau entkräften zu können. Dort stellten sich die Bürger Neonazis entgegen, wenn sie sich zeigten. Auch Peter Gemmeke vom thüringischen Wissenschaftsministerium ist überzeugt, dass rechtsextreme Umtriebe in den Hochschulen „kein Thema“ sind.

Am besten auch nach dem Abschluss bleiben

Isabell Koch schätzt den Ausländeranteil unter ihren Kommilitonen auf zehn Prozent. Deutlich höher ist inzwischen offenbar die Zahl der Zuwanderer aus näher gelegenen Regionen. „In meinem Studiengang sind mehr West- als Ostdeutsche“, glaubt die angehende Betriebswirtin. Sie alle haben sich offenbar nicht von dem Gerücht abschrecken lassen, Absolventen ostdeutscher Unis hätten schlechtere Berufschancen. Während das laut einer Umfrage viele Jugendliche glaubten, hätten Personalchefs von Unternehmen in Ost und West diese Annahme nicht bestätigt, sagt Philipp Mehne von der „Hochschulinitiative Neue Bundesländer“.

Dass das Engagement von ihm und seinen Mitstreitern nicht wirkungslos ist, dafür sprechen unter anderem Zahlen des Thüringer Landesamts für Statistik. Während im Wintersemester 2009/2010 noch 1382 Studenten mit Hessen-Abitur in Thüringen gezählt wurden, waren es ein Jahr später 1546 und im Wintersemester 2011/2012 schon 1815. Deutschlandweit betrachtet, sind 2010 erstmals mehr Studienanfänger aus dem Westen in den Osten gegangen als umgekehrt, wie das Centrum für Hochschulentwicklung festgestellt hat.

Rektor Scharff und Ministeriumsvertreter Gemmeke würden es natürlich gerne sehen, wenn jene, die kommen, nach dem Abschluss auch bleiben - aus demographischen Gründen und zum Wohl der heimischen Wirtschaft, die Fachkräfte braucht. Isabell Koch sieht ihre berufliche Zukunft indes eher im Rhein-Main-Gebiet, das von Ilmenau mit dem Auto in zwei Stunden zu erreichen ist. Bald wird sie ein Praktikum bei einem Medienunternehmen in Frankfurt beginnen. Ganz verloren ist sie für den nahen Osten aber noch nicht. „Wenn sich etwas in Ilmenau anbieten würde, wäre ich nicht abgeneigt.“

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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