Je komplizierter das Thema ist, desto mehr hilft eine bildhafte Sprache. „Ein Vulkan ist wie ein Pickel auf der Hautkruste der Erde“, erläutert einer der Grundschüler. „Von unten schiebt das Magma, und irgendwann ist dann so viel Hitzedruck, dass es rausspritzt, und dann heißt es Lava.“ Besser als der Junge mit der Zahnlücke und dem Ringelpulli hätte es Christine Kumerics wohl auch nicht erklären können. Die promovierte Geologin leitet den Kurs für Sieben- bis Neunjährige im Hochbegabtenzentrum der Volkshochschule Frankfurt. Das zweistündige Seminar unter dem Titel „Vulkanen auf der Spur“ findet wie die meisten Kurse im Hochbegabtenzentrum an der Karmeliterschule statt.
„Magma heißt also Lava, wenn es an der Erdoberfläche austritt - wusste das jeder?“, fragt die Geologin, die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Mainzer Universität ist. Sie bekommt ein langgezogenes „Jaaaa“ zur Antwort. Die neun Kinder, die an diesem Nachmittag von ihren Eltern zu dem Kurs gebracht wurden, haben einige Vorkenntnisse. Manche können es kaum abwarten, sie auch weiterzugeben. Die zwei schmalen blonden Jungen, die auf ihren Stühlen hin- und herrutschen, haben selbst etwas vom Wesen der Vulkane, um die es hier geht. Neugier und Mitteilungsbedürfnis setzen sie sichtlich unter Druck. Es ist an der Lehrerin, die intellektuelle Energie zu kanalisieren und unkontrollierte Eruptionen zu verhindern.
Zwei Prozent gelten als hochbegabt
Schnell tragen die Kinder weitere Informationen zusammen. Vulkane entstünden dort, wo die Erdkruste dünn sei, wo sich Kontinentalplatten einander näherten oder sich entfernten, sagt Philipp. So etwas könne auch unter Wasser passieren, ergänzt der siebenjährige Lejs. Richtig, sagt die Kursleiterin, doch nicht immer werde Vulkanismus unmittelbar durch Plattenverschiebungen ausgelöst. Dann spreche man von „Hotspots“, das seien Zonen, in denen übereinanderliegende Erdschichten sich unterschiedlich schnell bewegten und von Zeit zu Zeit das Aufsteigen von Magma zuließen. So entstünden Vulkanketten wie die Hawaii-Inseln. Dort befinde sich auch der größte aktive Vulkan der Erde. „Der Mauna Loa“, ergänzt die siebenjährige Eldana.
Zwei Prozent der Kinder einer Jahrgangsstufe gelten als hochbegabt. Wie man eine solche, erheblich über dem Mittelwert liegende Intelligenz feststellen kann, ist allerdings umstritten, genauso wie die Frage, wie sie entsteht. Für Petra Laubenstein, die Leiterin des Hochbegabtenzentrums, sind Kinder hochbegabt, wenn sie über besonders ausgeprägte Merk- und Verknüpfungsfähigkeiten verfügen und deshalb sehr schnell Probleme lösen können.
„Gleichwertiges Gegenüber“
Dieser Vorsprung gegenüber Gleichaltrigen könne zu einer Unterforderung in Kindergarten und Schule führen. Mädchen kämen damit oft besser zurecht, sagt Laubenstein, „manche Jungs gehen aber über Tische und Bänke“. Manchmal führe die Sonderstellung auch zum Gefühl, „der Größte zu sein - und daraus können sich unangenehme Charaktereigenschaften entwickeln.“ Grundsätzlich sei Hochbegabung aber keine Krankheit, sondern ein Geschenk.
„Die Kinder brauchen, wie jeder Mensch, ein gleichgewichtiges Gegenüber“, sagt Laubenstein. Solche ebenbürtigen Altersgenossen finden sie im Hochbegabtenzentrum. Rund 130Kurse für Kinder zwischen vier und 16Jahren sind im Halbjahresprogramm aufgeführt. Die Themen sind bunt gemischt, von der Alchemistenküche über fernöstliche Religionen bis zu Programmiersprachen wie Java. Es gehe nicht darum, einen ohnehin bestehenden schulischen Vorsprung noch auszubauen, sagt Laubenstein. Deshalb werde Zusätzliches und Abseitiges angeboten, statt Englisch etwa Suaheli, statt Mathe Verschlüsselungstechnik.
Früh mit dem Sprechen angefangen
Die Vulkanologen um Christine Kumerics haben sich inzwischen auf den Hof der Karmeliterschule begeben. Dort bauen sie mit Sand Vulkane, in deren Krater sie Natron, Essig und Spüli füllen. Je nach Mischung fließt die rote Masse schneller oder langsamer. Aus dünner Lava entstünden Schild-, aus dicker Schichtvulkane, erklärt die Geologin. Etwas abseits steht Heike Ittmann und beobachtet ihren Sohn Josua bei den Sandkasten-Experimenten. Nicht zum ersten Mal ist sie mit ihm aus Lampertheim zu einem Kurs in die Karmeliterschule gekommen.
Josua habe schon sehr früh zu sprechen angefangen, erinnert sich die Mutter. Mit drei Jahren habe er Trompete spielen wollen und mit viereinhalb zu lesen begonnen - „obwohl wir das nicht geübt haben“. Im letzten Kindergartenjahr hätten dann die Schwierigkeiten begonnen. „Er war unterfordert, komplett unglücklich, hat Aggressionen gezeigt.“ Die anderen Kinder hätten sich von ihm abgewendet, „weil er in Schachtelsätzen geredet hat und sie ihn nicht verstanden haben“. Auch die Erzieherinnen seien überfordert gewesen, wenn Josua über Bildende Kunst oder seine Vorliebe für die Musik Richard Wagners sprechen wollte. Und auch seine Hinweise auf den korrekten Gebrauch des Genitivs seien nicht gut angekommen.
Beratung ist wichtig
„Damals waren die Kurse des Hochbegabtenzentrums eine Rettung für uns, heute sind sie ein Vergnügen“, sagt die Mutter. In der Schule sei Josua zum Glück mehr gefordert als im Kindergarten, auf die Fahrten nach Frankfurt wolle er aber nicht verzichten. Hier habe er zu den Kindern einen besonderen Draht, hier finde er die intellektuelle Anregung, die er brauche. „So ein Kurs erfüllt ihn auf lange Zeit, die Beschäftigung mit dem Erlebten und Erlernten hilft ihm, auch eine Durststrecke zu überstehen.“
Für die meisten Eltern, die sich an das Hochbegabtenzentrum wenden, kommen die Kurse erst an zweiter Stelle. Zunächst möchten sich die meisten beraten lassen. Die Mitarbeiter informieren telefonisch oder im direkten Gespräch etwa über die Diagnose von Hochbegabung, Fördermöglichkeiten und Einrichtungen. Auch Lehrer und Erzieher können das Beratungs- und Bildungsangebot nutzen. Vor kurzem ist das Hochbegabtenzentrum als einer der hessischen Preisträger im Wettbewerb „365Orte im Land der Ideen“ ausgezeichnet worden. Die Stadt feiert die Ehrung am Samstag, 2.Juni, im Kaisersaal des Römer.