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Veröffentlicht: 03.04.2016, 14:48 Uhr

Hochbegabte Autisten Rain Man vor der Waschmaschine

Nicht jeder Autist ist hochbegabt. Mit der richtigen Hilfe können von dieser Entwicklungsstörung Betroffene trotzdem Erstaunliches leisten. Doch die Hürden sind noch immer hoch.

von
© Getty Schleudertrauma: Wenn Kinder Monotonie mögen, kann das ein Zeichen für Autismus sein.

Die Sache mit dem Parkhaus hat Markus Behrendt den Schlaf geraubt. Ständig gibt es an der Borsigallee Chaos, weil der Betreiber das System von Tages- und Monatskarten geändert hat. Oft zeigt die Ampel rot, obwohl noch viele Plätze frei sind, wie er beobachtet. Behrendt ärgert das. Also hat er sich morgens hingesetzt und eine E-Mail geschrieben. Es ist eine lange Nachricht geworden, „ich musste meinen Lösungsvorschlag ja begründen“, sagt Behrendt. Der Haken an der Sache: Seine nächste Aufgabe musste deshalb warten. „Frühstück gab es dann erst um 11 Uhr.“

Christian Palm Folgen:

Dass Behrendt es überhaupt schafft, seine Tage selbständig zu gestalten, ist eine große Leistung für ihn. Denn er ist Asperger-Autist. Menschen wie ihm fällt es schwer, flexibel zu reagieren, mit anderen zu kommunizieren und Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Diese Entwicklungsstörung ist nicht heilbar, aber es gibt Strategien, die den Betroffenen helfen.

„Das Grundwaschprogramm war schon toll“

„Storyboard“ nennt Behrendt seine Tagespläne. Darin finden sich die Aufgaben, die er erledigen möchte. „Die Struktur gibt mir Sicherheit“, sagt er. Nun machen sich auch Nichtautisten zuweilen Listen mit ihren Aufgaben. „Aber sie schreiben wahrscheinlich nicht auch Frühstück, Mittag- und Abendessen drauf“, sagt Behrendt. Für ihn ist es auch wichtig, sich an solche Dinge zu erinnern, wobei seine Tagesform sehr schwanke.

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Für viele Autisten sind Schwankungen der Feind. Sie mögen Wiederholung lieber als Experimente. Behrendt kennt das noch aus seiner Kindheit: Stundenlang habe er seinerzeit vor einer laufenden Waschmaschine gesessen. „Das Grundwaschprogramm war schon toll.“ Eltern, die solches Verhalten an ihren Kindern bemerken, sollten aufmerksam werden. Auch wenn sich Kinder zurückziehen, statt mit Gleichaltrigen zu spielen, kann das ein Signal sein.

Viele Hürden für Autisten bei Schule und Wohnen

Leider brächten Kinderärzte solche Symptome immer noch zu selten mit dem Autismus-Spektrum in Verbindung, sagt Werner Schneider. Er ist Vater eines 21Jahre alten autistischen Sohnes und Vorsitzender eines Vereins, der Betroffenen helfen und die Öffentlichkeit informieren will. Denn auch wenn Filme wie „Rain Man“ dazu beigetragen hätten, dass heute mehr darüber bekannt sei, gebe es noch viel Unwissen über die Entwicklungsstörung und ihre Ausprägungen. Schneider und seine Mitstreiter von „Autismus Rhein-Main“, zu denen auch Behrendt gehört, wollen das ändern. Zumal es aus ihrer Sicht viele Hürden für Autisten gibt, etwa wenn es um Schule und Wohnen geht. Aber auch im Berufsleben haben es Autisten schwer.

Autist sucht Ausbildungsplatz - Ein Frankfurter Verein unterstützt einen Projektteilnehmer mit Asperger-Syndrom bei der Suche nach einem Praktikumsplatz. © Wolfgang Eilmes Vergrößern Lernpartner: Sozialwirt Christian Drosdeck (links) und der Autist Timo Müller

Das weiß auch Timo Müller. 37Jahre ist er alt, er hat einen Hauptschul-Abschluss und mehrere Ausbildungen absolviert, etwa zum Büropraktiker sowie zur Bürokraft. Doch auch ein VHS-Kurs in Finanzbuchführung hat ihm bisher nicht geholfen, eine feste Arbeit zu finden. Derzeit belegt er einen Förderkurs des Vereins „Gemeinsam leben Frankfurt“. Dort lernt er den Umgang mit Buchhaltungs-Software und paukt Englisch-Vokabeln. Sein Ziel: bald wieder ein Praktikum finden.

„Für Zahlen überdurchschnittlich begabt“

Fünf Mal die Woche trifft er seinen persönlichen Begleiter Christian Drosdeck und seine fünf Mitschüler. Zum Aufwärmen löst Müller ein Puzzle, auch wenn es für ihn eigentlich zu wenig Teile hat, als dass ihn die Aufgabe wirklich fordern würde. Danach geht er dann seiner Leidenschaft nach, der Buchhaltung. Ein Wort wie „Warenbestandskonto“ bereitet ihm Wohlbehagen, mit Stolz verweist er darauf, dass er seinen Kurs „mit einer 1“ bestanden habe. Es sei einfach ein schönes Gefühl, wenn eine Rechnung aufgehe, sagt er. „Für Zahlen ist Herr Müller überdurchschnittlich begabt“, lobt sein Begleiter Drosdeck. Fachlich könnte Müller also durchaus mithalten auf dem Arbeitsmarkt. Seine Motivation würde ihn zu einem gefragten Mitarbeiter machen.

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