Eine gute Tat wurde der Hebamme Anna Stark aus Dieburg zum Verhängnis. Weil sie eine junge Frau aus Umstadt vor Schande und Bestrafung schützen wollte, half sie ihr, ein uneheliches Kind abzutreiben. Daraufhin wurde sie festgenommen, unter Folter legte sie ein umfassendes Geständnis ab. Kurze Zeit später wurde sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt - wegen Hexerei.
Das südhessische Dieburg gilt als Hochburg der Hexenverfolgung in der frühen Neuzeit: Mindestens 183 Menschen - etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung - verloren zwischen 1596 und 1628 ihr Leben, weil ihre Mitmenschen glaubten, dass sie einen Bund mit dem Teufel eingegangen seien und durch "Schadenszauber" Unheil angerichtet hätten.
Suche nach Prozessakten und Verhörprotokollen
Seit einiger Zeit forscht eine Arbeitsgemeinschaft an der Universität Mainz zu den Hexenverfolgungen im heutigen Rhein-Main-Gebiet. Drei Jahre lang stöberten sechs Studenten unter der Leitung des Historikers Ludolf Pelizaeus in den Archiven, auf der Suche nach Prozessakten und Verhörprotokollen. Zahlreiche Archivalien, Texte, Bilder und Videos haben sie auf einer Daten-CD zusammengestellt, die seit 2005 erhältlich ist. Jetzt werden die Inhalte aufgearbeitet und um die Erkenntnisse der vergangenen Jahre ergänzt. Von Mai an wird das Material auf einer Internetseite frei zugänglich sein und so auch Nichthistorikern einen umfassenden Überblick über die Hexenverfolgungen in der Region bieten.
Ein Nachbarschaftsstreit löste die erste Verfolgungswelle in Dieburg am Ende des 16. Jahrhunderts aus: Über eine gemeinsame Grundstückszufahrt geriet Ratsherr Martin Stoffel mit seiner Nachbarin Margaretha Schütz aneinander. Er glaubte, wegen der ständigen Reibereien erkrankt zu sein, und beschuldigte Schütz, ihn verzaubert zu haben. Da diese sich nicht wehrte und die Symptome nach einer Weile abklangen, fühlte Stoffel sich in seinem Verdacht bestätigt - er forderte rechtliche Schritte gegen Schütz und ihre Tochter.
Schlechte Ernte, „dunkle Magie“
Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges, der 1618 ausgebrochen war, spürten vor allem die Bewohner der ländlichen Gegenden, in denen die Armut besonders groß war. Immer wieder brachen lokale Pestepidemien aus. Die Winter waren in der "kleinen Eiszeit" während des 17. Jahrhunderts kalt, die Ernte fiel oft spärlich aus. Viele vermuteten dunkle Magie am Werk, misstrauten ihren Nachbarn. Andere sahen in der Anprangerung vermeintlicher Hexen und Zauberer die Möglichkeit, ungeliebte Konkurrenten auszuschalten. Viele Prozesswellen wurden nicht von Landesherren oder der Kirche initiiert, sondern von der Bevölkerung selbst. In Bittschriften forderten Bürger, dass der Fürst sie vor "dem abscheulichen Laster der Zauberei" beschütze.
Verdächtige wurden verhört; blieb das Geständnis aus, ging man zur Folter über. Verurteilt wurden meist arme ältere Frauen, die gegen Bezahlung ihre heilenden Fähigkeiten angeboten hatten. Aber auch Männer fielen den Verfolgungen zum Opfer. Viele waren Hirten oder Schäfer. Sie lebten außerhalb des Dorfes und wurden somit nicht als Teil der Gemeinschaft gesehen. Musiker galten ebenfalls als verdächtig, weil sie nach dem allgemeinen Aberglauben bei einer "Hexenhochzeit" nicht fehlen durften. Aber auch die Ehemänner verurteilter "Hexen" gerieten oft selbst in die Fänge der Häscher, nicht selten wegen der Aussage der gefolterten Ehefrau.
Die Arbeitsgemeinschaft sei aus der Idee entstanden, die "trockene Materie" der Archivalien aufzuarbeiten und über das Internet der Allgemeinheit zugänglich zu machen, sagt Pelizaeus. Zusätzlich zu der Daten-CD entwickelten die Studenten ein Begleitheft für Lehrer, mit dem diese die regionalen Ereignisse während der Hexenverfolgungen im Unterricht behandeln können. Die Schüler interessierten sich schließlich mehr für Geschichte, wenn sie in ihrer Heimatstadt passiert sei, meint Pelizaeus.
Gedenken der Opfer
Noch weise die historische Forschung zu den Hexenverfolgungen große Lücken auf, sagt der Professor. Der Hexenkult sei für die Propaganda des "Dritten Reichs" ausgenutzt worden, ernsthaft untersucht werde er erst seit Ende der achtziger Jahre. Die Aufarbeitung der Prozesse sei ein langwieriges Unterfangen, weil sie je nach Region ganz unterschiedliche Ausmaße angenommen hätten.
An manchen Orten sei der Umgang mit dieser Vergangenheit noch umstritten, fügt Pelizaeus an. Manche Städte gedächten der Opfer, böten sogar Führungen für Touristen an, andere wollten die Geschehnisse dagegen eher verschweigen, um dem Ruf der Gemeinde nicht zu schaden. Erst im November hatte der Antrag, zwei 1738 wegen Hexerei hingerichtete Frauen zu rehabilitieren, für heftige Diskussionen im Düsseldorfer Stadtrat gesorgt. Letztlich wurde der Vorschlag angenommen, die Stadt plant eine Sonderausstellung zum Thema im Stadtmuseum.